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Maschinenbau-Pionierin: "Ich konnte jeden Arbeiter unter den Tisch trinken"

Foto: Klaus Gigga

Frauen in Technikberufen "Euch werd ich's zeigen!"

Maren Heinzerling lernte in den fünfziger Jahren Maschinenbau - allein unter Männern. Die alte Dame trifft auf Junginformatikerin Alexandra dos Santos, die nur mit Frauen studiert. Im Interview erzählen beide von "Ewizen", Vorurteilen, Pfeifkonzerten und Kampftrinken mit Kerlen.

This is a man's world - das gilt bis heute für technische Fächer an Universitäten, mehr noch galt es in den fünfziger Jahren. Damals studierte Maren Heinzerling Maschinenbau, als einzige Frau an ihrer Hochschule. In ihrem bewegten Leben arbeitete sie für Großunternehmen (siehe Fotostrecke), initiierte 1990 den Vorläufer des heutigen Girls' Day und bekam dafür 2009 das Bundesverdienstkreuz

Heute ist sie 74 Jahre alt, eine heitere Dame mit Scharfsinn. Zum Interview begegnet sie Alexandra dos Santos. Die 21-Jährige studiert Informatik und Wirtschaft an der HTW Berlin - in diesem Studiengang werden nur Frauen zugelassen. Hat sich Maren Heinzerling das vor 50 Jahren so vorgestellt?

KarriereSPIEGEL: Frau Heinzerling, 1958 an der TU München: 300 Männer und Sie...

Heinzerling: Zum Schluss des Studiums waren wir nur noch hundert Männer und eine Frau. Es kommen in den Maschinenbau ja oft diejenigen Herren, die gern basteln.

KarriereSPIEGEL: Und das passt nicht zu Maschinenbau?

Heinzerling: Das Studium ist sehr mathematiklastig. Ich glaube: Mathematik wird von den Hochschulen bewusst als Hürde eingebaut.

Dos Santos: Das ist auch heute noch so. Aber bei uns schämt sich keiner, Fragen zu stellen. Wir sind 48 Studentinnen. Ich kann die Dozenten ansprechen: Ich komme hier nicht klar, können wir mal 'nen Termin ausmachen, und Sie erklären's mir noch mal?

Heinzerling: Ich muss gerade lachen. Ich habe mich mal in einer Übungsstunde gemeldet, und der Assistent konnte meine Frage nicht gleich erklären. Da sagte er vor den versammelten Studenten: Liebe Kommilitonin, kommen Sie nachher doch bitte in meine Sprechstunde. Und das hat ein Pfeifkonzert ausgelöst. Meine Kommilitonen haben übrigens nie zugegeben, dass sie was nicht konnten.

KarriereSPIEGEL: Sind die Männer so?

(beide gleichzeitig): Ja!

KarriereSPIEGEL: Wir reden hier von einem Studiengang nur für Frauen. Frau Heinzerling, Sie waren damals die einzige Frau...

Heinzerling: Ich bin ganz froh, dass ich in dieser, sagen wir, etwas schwierigen Situation studierte. Das macht einen nämlich hart für den Berufskampf. Da muss man Contra geben und aushalten können. Ich empfand das Studieren mit Männern als ein gutes Konditionstraining.

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IT-Pionierinnen: Als die Informatik weiblich war

Foto: U.S. Army Photo

KarriereSPIEGEL: Und Sie haben sich durchgesetzt?

Heinzerling: Ich hatte Stehvermögen und war trinkfest. Ich konnte jeden bayerischen Arbeiter unter den Tisch trinken. Das hat mir ein unheimliches Prestige verschafft. Und ich habe gern gearbeitet. Ich war eine sehr gute Freihandschmiedin.

KarriereSPIEGEL: Klingt nicht nach Frauenberuf...

Heinzerling: War es damals auch nicht. Bei der Firma Voith, in der ich 1959 Praktikantin war, gab es nicht mal Waschgelegenheiten für Frauen. Nun stinkt man aber nach Öl. Die Reinemachfrauen hatten Mitleid und haben mir Bescheid gesagt, wenn gerade kein Mann in der Dusche war. Dann habe ich dort heimlich geduscht.

KarriereSPIEGEL: Das nennt man wohl: steinigen Weg?

Heinzerling: Einmal war ich bei einem Schlosser, der war richtig beleidigt, dass er eine weibliche Praktikantin bekommen hatte. Er wurde sogar gehänselt. Er hat zwei Tage kein Wort mit mir gesprochen. Und mich Lagerschalen schaben lassen, das Langweiligste, was man sich vorstellen kann. Ich dachte, da musst du jetzt durch, und habe zwei Tage lang brav Lagerschalen geschabt. Mein stures Durchhaltevermögen hat ihm imponiert.

KarriereSPIEGEL: Wurde damals an Ihnen und Ihren Fähigkeiten gezweifelt?

Heinzerling: Ursprünglich war selbst mein Vater nicht sicher, ob ich das Praktikum durchhalte. Ich habe erst später erfahren, dass er die Firma gebeten hatte, mich nicht zu schonen. Für den Ingenieurberuf braucht man Mädchen, die das Gefühl haben: Euch werd ich's zeigen - Ewizen haben wir die genannt.

KarriereSPIEGEL: Könnte man sagen, dass es fast ein bisschen feige ist, sich heute einen Frauenstudiengang auszusuchen?

Dos Santos: Könnte man. Ich finde aber, man kann in diesem Studium bessere Noten kriegen, weil man mehr gefördert wird. Klar, es gibt auch das Vorurteil, der Studiengang sei nichts wert. Ich werde gefragt: Lernt ihr da Häkeln?

Heinzerling: Wichtig ist, dass man selbstbewusst wird. Und das werden Sie natürlich eher, wenn Sie nicht ständig in Frage gestellt werden. Jede Frau sollte sich ruhig sagen: "Ich kann das!" Und nicht anfangen, an sich zu zweifeln.

Dos Santos: Am Anfang haben mich die Vorurteile wütend gemacht, mittlerweile denke ich mir: Ihr werdet schon sehen.

Heinzerling: Ewize!

KarriereSPIEGEL: Sind junge Frauen heute anders?

Heinzerling: Viel selbstbewusster. Sie fordern. Ich habe nie etwas gefordert, auch was das Gehalt angeht. Ich habe mich anfangs unter Wert verkauft, ich wollte einfach nur den Job. Jetzt ist das anders. Die Frauen sind im Kommen.

KarriereSPIEGEL: Wie haben damals ihre männlichen Kommilitonen darauf reagiert, dass Sie als Frau Maschinenbau studierten?

Doppel-Quiz: Frauen vs. Männer

Heinzerling: Bei der Frage, warum ich eigentlich Maschinenbau studiert habe, da habe ich mir nach einiger Zeit angewöhnt zurückzufragen: Und warum haben Sie es gemacht? Plötzlich ist den Herren klargeworden, was das für eine Unverschämtheit war. In der Regel haben sie sich dann entschuldigt. Schon die Tatsache, dass Frauen die Studienwahl in einem technischen Fach immer wieder begründen müssen, ist beleidigend!

Dos Santos: Die Frage habe ich auch schon bekommen: Warum Frauenstudiengang? Und zurückgefragt: Warum nicht?

Heinzerling: Das ist gut! Immer zurückfragen!

KarriereSPIEGEL: Sie haben Kinder. Haben Sie sich damals gar nicht gesorgt, dass Ihre Arbeitslust nicht vereinbar ist mit Familienleben?

Heinzerling: Mein erstes Kind bekam ich noch während der Diplomarbeit. Meine Tochter kam fünf Jahre später. Ich hatte während der Familienpause Angst, dass ich eine Menge verlerne und nicht in den Beruf zurückkehren kann. Ich war zehn Jahre zu Hause - würde ich nie wieder machen. So was Bescheuertes!

KarriereSPIEGEL: Familienplanung - Alexandra, machen Sie sich da schon Gedanken?

Dos Santos: Ich will nicht in der untersten Ebene bleiben, auch wenn ich Kinder kriege.

Heinzerling: Mein Mann hatte ein tolles Angebot in den Niederlanden, die hätten auch einen Job für mich gefunden. Aber ich konnte meinem Mann klarmachen, dass ich um meinen Wiedereinstieg in den Beruf so gekämpft habe, dass ich jetzt nicht als fünftes Rad an seinem Wagen in die Niederlande ginge. Da hat er den Job nicht genommen. (Zu Alexandra): Da müssen Sie überlegen, wen Sie heiraten. Heiraten Sie nicht nur aus blinder Liebe!

Dos Santos: Ich habe meinem Ex-Freund angemerkt, dass er nicht will, dass ich woanders hinziehe. Wir könnten doch hier... wär doch so schön... Da habe ich gesagt: Ich habe meinen Studienplatz in Berlin, es hat keinen Sinn hierzubleiben. Er meinte: Ich würde mir ja für dich was suchen in Berlin. Ich sagte: Für mich nicht!

Heinzerling: Ist das nicht eine tolle Generation?

Foto: Klaus Gigga

Das Interview führte Claudia Flach (Jahrgang 1989), freie Journalistin und Arabistik-Studentin in Leipzig. Ihr Interview erschien zuerst im Magazin "Reif für MINT".

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