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Taktikanalyse So kann Martin Schulz noch Führungsstärke beweisen

SPD-Chef Martin Schulz steht vor einem typischen Managementproblem, sagt Karrierecoach Martin Wehrle. Wenn der Boss plötzlich den Kurs wechselt, verunsichert das die Mitarbeiter. Aber es gibt einen Ausweg.
Martin Schulz

Martin Schulz

Foto: Markus Schreiber/ AP

Keiner hatte so vehement eine neue Große Koalition ausgeschlossen wie SPD-Parteichef Martin Schulz. Jetzt will er sie doch - und viele Genossen fühlen sich gelinkt. Wie kann das, was gerade noch "bäh" war, plötzlich die beste Option sein?

Wer eine Organisation führt, ob Firma oder Partei, geht einen psychologischen Vertrag mit seinen Leuten ein: dass ein Wort, das er heute gibt, morgen noch gilt. Jede Zusage ist ein Geländer, an dem sich Mitarbeiter festhalten, es stiftet Orientierung und Identität. Bricht es weg, entstehen Verwirrung und Frustration.

Ein Vertriebsmitarbeiter eines Maschinenbauers erzählte mir mal, sein Management habe jahrelange gepredigt: "Wir geben keine Rabatte, unsere Produkte sind jeden Cent wert!" Genau so gaben es die Vertreter ihren Kunden weiter, mit Erfolg. Aber dann, über Nacht, wechselte das Management seine Überzeugung: Jetzt hieß es, die Mitarbeiter dürften bis zu 15 Prozent Rabatt geben. Keiner der Vertriebsmitarbeiter verstand die Gründe. Und alle empfanden diese Rabattpolitik als ein peinliches Geständnis gegenüber den Kunden: "Unsere Produkte sind den vollen Preis doch nicht wert."

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Plötzliche Kurswechsel nagen an der Identität, ähnlich wie der Wechsel eines politischen Systems. Wie soll man auf die neue Fahne schwören, ohne sich von der alten gelöst zu haben? Und wie verlässlich sind neue Wahrheiten, wenn die alten so austauschbar waren?

Das aktuelle Problem der SPD ist ein emotionales. Es geht nicht nur darum, ob eine Große Koalition vernünftig wäre, es geht um die Vertrauensfrage: Wie verlässlich ist Martin Schulz als Führungskraft? Hat er einen Kompass in der Tasche - oder hängt er nur ein Fähnchen in den Wind?

Am Wahlabend, als er Koalitionsgespräche ausschlug, wirkte Schulz charakter- und führungsstark. Er griff seine Gegnerin an und gab einen klaren Kurs vor. Seine Genossen standen voll hinter ihm: hinter seiner Absage an die GroKo; hinter seinem Argument, dieses Bündnis nütze nur CDU/CSU; und hinter seinen Vorwurf, Angela Merkel nähre sich als "Ideenstaubsauger" von der SPD.

Nun gilt all das nicht mehr. Und Schulz hat auch noch mit einer besonderen Bürde zu kämpfen. Im März 2017 war er mit 100 Prozent zum Kanzlerkandidaten gewählt worden: Sankt Martin. Übertriebene Hoffnung führt zu übertriebener Enttäuschung.

Deshalb ist die Parteiseele mit sachlichen Erklärungen allein, etwa dem Hinweis auf die Staatsräson, kaum zu erreichen. Dass Jamaika scheitern kann, war schon am Wahlabend klar. Und hat Schulz durch seine Weigerung, Gespräche zu führen, dieses Scheitern nicht befeuert? FDP und Grüne wussten: Die CDU/CSU hat keine Alternativen. Das lud die kleinen Parteien zu überzogenen Forderungen ein.

Am lautesten gegen Schulz und seine GroKo-Pläne protestieren nun die Jungen, zum Beispiel die Jusos in Sachsen-Anhalt. Das ist auch in Unternehmen typisch: Wenn die Führung ihre Orientierung verliert, machen die Jungen zuerst den Mund auf. Weil sie unverbrauchter schauen. Weil sie weniger zu verlieren haben. Und weil sie aussprechen, was Ältere aus politischer Vernunft oft runterschlucken.

Die Machthaber überlegen: Welche Abzweigung des Weges ist die richtige? Die Jungen fragen öfter mal: Laufen wir überhaupt auf der richtigen Straße? Ein solcher Zweifel am Kurs kann sich schnell in einer Organisation verbreiten und sich in den Köpfen festsetzen.

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Was kann Martin Schulz tun, um seine Kritiker doch noch zu gewinnen? Drei Schritte eines authentischen Führungsstils empfehlen sich:

1. Bedenken ernst nehmen

Entscheidend ist, die Bedenken der Kritiker ernst zu nehmen und ihnen Raum zu geben. Wer versucht, das Feuer schnell zu ersticken, facht es nur an; in der Psychologie heißt das "paradoxe Wirkung des Appells". Erst wenn der Kritisierte die Bedenken seiner Kritiker besser formuliert als diese selbst, sind diese wieder diskussionsbereit.

2. Eigene Zerrissenheit thematisieren

Martin Schulz muss seine verlorene Ehre, seine Glaubwürdigkeit, zurückgewinnen. Wenn sich der Klartext, den er nach der Wahl sprechen wollte, als Blindtext erweist, dann muss er offenlegen: Was hat sich emotional in ihm verändert? Wie kam es zu diesem Wandel? Je ehrlicher er seine eigene Zerrissenheit thematisiert, desto mehr kann er die Zweifler für sich gewinnen - weil sie sich besser mit ihm werden identifizieren können.

3. Eine sachliche Erklärung liefern

Schulz ist seinen Leuten eine sachliche Erklärung schuldig: Was genau hat sich an der Entscheidungsgrundlage seit dem Wahlabend verändert? Warum ist sein Vertrauen in Angela Merkel gewachsen? Und inwiefern sieht er jetzt bessere Aussichten für die SPD in einer Großen Koalition?

Ideal sind Einzelgespräche mit den Hauptkritikern. Schon das Signal, als Häuptling auf Indianer zuzugehen, bewegt viel. Zumal er sich inhaltlich weit aus dem Fenster lehnen kann. Jede Zusage, die er ihnen macht, ist eine, die Merkel ihm erfüllen muss - denn sie hat ja keine Wahl (höchstens Neuwahlen, aber die will sie nicht). Was Schulz im Moment als Druck der Basis erlebt, könnte sich in der Koalitionsverhandlung als diplomatischer Rückenwind erweisen.

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