Als Frau im Meeting Hat hier jemand was gesagt?

In Meetings haben es Frauen besonders schwer: Männer fallen ihnen ins Wort und klauen ihre Ideen. Früher war Peter Müller ein Meeting-Profi. Doch nun, zur Frau verwandelt, scheitert er. Ein Buchauszug von Martin Wehrle.

Entscheidungsgrundlage: Die Ergebnisse des Meetings wurde beim Männerabend festgezurrt
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Entscheidungsgrundlage: Die Ergebnisse des Meetings wurde beim Männerabend festgezurrt


Zum Autor
  • Martin Frommann
    Martin Wehrle (Jahrgang 1970) war Manager, bevor er Karriereberater und Gehaltscoach wurde. In seinem Buch "Herr Müller, Sie sind doch nicht schwanger?!" wacht ein Erfolgsmanager als Frau auf und muss sich in einer feindlichen Arbeitswelt durchschlagen. Dieser Text ist ein bearbeiteter Auszug.

Was bisher geschah: Peter Müller ist eines Morgens als Frau aufgewacht. Warum? Das weiß er nicht. Er hat aber auch keine Zeit, der Frage nachzugehen, er muss sein verpatztes Vorstellungsgespräch ausbügeln und dann zum Meeting.

Als Mann hatte Herr Müller seine größten Triumphe bei Meetings gefeiert. Er war, mit Verlaub, ein Genie darin gewesen, sich das Wort zu schnappen wie ein Rugby-Spieler den Ball und dann mit seinen Ideen durch die Abwehrreihen zu stürmen.

Nun saß er als Petra Müller in der Führungsrunde an dem langen Holztisch im Sitzungssaal. Die Jalousie schnitt die Sonne in grelle Streifen, die den Tisch in Felder teilten. Am Kopfende des Tisches thronte der Firmenchef Sven Sander, heimlich "Sandmann" genannt. Direkt neben ihn hatte sich Axel Schmidt gequetscht, Herrn Müllers alter Konkurrent.

Der Sandmann räusperte sich und legte seinen Kopf schräg, um einem grellen Sonnenstreifen auszuweichen. "Liebe Kollegen, es ist höchste Zeit, dass wir unseren neuen Winterreifen, den Eisbrecher, am Markt einfädeln." Herr Müller schmunzelte, denn Sander war berüchtigt für seine ungeschickte Wortwahl.

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"Heute möchte ich mit Ihnen die besten Ideen einholen", sprach der Sandmann weiter. Sein Hornbrillen-Blick wanderte den Tisch entlang. Schmidt, die ganze Zeit sprungbereit auf der Stuhlkante, schnappte sich das Wort: "Ehrlich gesagt, Herr Sander, das finde ich wieder sehr vorausschauend, dass wir schon jetzt die Weichen für den Winter stellen! Und ich habe da eine Idee für einen Fernsehspot: Ein Autofahrer steigt bei voller Fahrt in die Bremsen. Sein Auto schlingert, die Reifen - groß im Bild! - quietschen." Er schaute in die Runde wie ein Märchenerzähler, der Kinder mit offenen Mündern erwartete.

Herr Müller öffnete seinen Mund zum Gähnen. Schmidt neigte sich lächelnd zur Seite, als wollte er dem Sandmann einen Kuss geben. "Und wie durch ein Wunder bleibt der Wagen einen gefühlten Millimeter vor dem lebenden Hindernis stehen - einem Schulkind, dessen schreckgeweitete Augen so groß wie Zweieuromünzen sind."

Ein chaotischer Chor lauter Männerstimmen

Schmidt fügte hinzu: "Und jetzt kommt der Clou! Das Kind - Großaufnahme - hatte beim Überqueren der Straße auf sein Smartphone geschaut. Und auf dem Display - wieder Großaufnahme - leuchtet nun unser neuer Winterreifen auf mit dem Slogan: Sander rettet Ihr Leben." Am Tisch hob Zustimmung an. "Gute Idee", sagte Entwicklungsleiter Dörflinger, "so stellen wir Synergien her zwischen den modernen Medien und unserem modernen Reifen." Behr, der Verkaufsleiter, pflichtete bei: "Smartphone passt! Heute kriegt man ohne Handy nichts mehr hin, nicht einmal, dass man ordentlich überfahren wird."

Die Männerstimmen schwollen an zu einem chaotischen Chor, bei dem jeder die erste Stimme erobern wollte. Keiner ließ sich die Chance entgehen, den Vorschlag von Schmidt mit einer eigenen Duftmarke zu versehen.

Herr Müller, heute im Hosenanzug, rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Er hatte eine tolle Idee im Gepäck. Mehrfach versuchte er, sich das Wort wie einen Rugby-Ball zu schnappen, doch die Herren hielten es fest. Als Mann hätte er sich mit seiner tiefen Stimme den Weg wie mit einer Schiffshupe gebahnt; als Frau war er besorgt, sich durch ein hohes Kreischen zu disqualifizieren. Außerdem war seine Stimme nur noch halb so laut wie früher.

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Doch dann, endlich, konnte er in eine kurze Lücke des Schweigens stoßen: "Wie wäre es, die Straße bei der Werbung einmal zu verlassen? Wir wollen unseren Reifen doch mit Gefühlen verbinden, mit Abenteuer und Freiheit. Wir …" - "Da fällt mir noch etwas ein", fuhr Schmidt dazwischen. "Am Ende des Spots könnten die Reifen ganz kurz gelbe Smiley-Gesichter bekommen und mit den Augen zwinkern, während das Auto an dem Kind vorbeifährt."

"Ich stelle mir ein Schiff in der Arktis vor", riss Herr Müller den Ball wieder an sich. "Um es herum dickes Eis. Es ist festgefroren. Der Kapitän und die Crew zittern vor Kälte und …" - "Nicht schlecht, Herr Schmidt, das mit den Smileys", antwortete der Sandmann, als die Worte nach einer langen, aussichtslos erscheinenden Suchaktion sein winziges Gehirn doch noch gefunden hatten.

Herr Müller kam sich vor wie ein Goldfisch, der sein Maul hinter dickem Glas öffnete und schloss, ohne von den Menschen gehört zu werden. Man schaute zwar kurz zu ihm - niedlicher Fisch, nette Luftblasen vor seinem Maul -, sprach aber einfach weiter. Konnte seine großartige Idee wirklich daran scheitern, dass sie aus dem Mund einer Frau kam?

Rugby am Konferenztisch

Herr Müller griff sich den Ball erneut: "Dann holt jemand unsere neuen Reifen aus dem Lagerraum. Vom Eis aus werden sie an den Bug des Schiffes montiert. Und plötzlich - mit dem Eisbrecher-Reifen an der Spitze - klappt es: Das Eis splittert, das Schiff fährt sich frei, die Crew jubelt. Der neue Slogan, von Meerjungfrauen gesungen, lautet: Sicher dank Sander!" Herr Müller sah erwartungsvoll in die Runde. "Kriegt man die Animation mit dem Smiley hin, wenn das Auto an dem Kind vorbeifährt?", wandte sich Axel Schmidt an den IT-Leiter Johannes Häberle.

Der Rugby-Ball wanderte noch ein paar Mal um den Tisch, immer an Herrn Müller vorbei, bis Axel Schmidt ihn erneut eroberte: "Ich habe noch mal über den Slogan nachgedacht, der auf dem Handy aufleuchtet. Mir ist ein Stabreim eingefallen: Sicher dank Sander!" Der Sandmann pfiff spitz durch die Lippen. "Ausgezeichnete Idee, Herr Schmidt!" Anerkennendes Kopfnicken am Tisch. Die Runde war so begeistert, dass nur noch ein Szenenapplaus gefehlt hätte.

Aber warum war derselbe Vorschlag zehn Minuten zuvor, als Herr Müller ihn einbrachte, nicht auf das geringste Echo gestoßen? Am liebsten hätte er laut gebrüllt: "Brüder, ich weiß genau, warum ihr euch so einig seid! Gestern nach der Arbeit wart ihr bei Angelino, habt ihm die Bar leer gesoffen und euch auf eine Idee verständigt."

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Herr Müller kannte diese Prozedur so genau, weil er sie als Mann über Jahre mitgemacht hatte. Natürlich hatte Müller versucht, sich in die Herrenrunde am Vorabend einzuklinken. Seine Bürotür war angelehnt. Und als er gegen 18 Uhr hörte, dass sich die männlichen Zugvögel für den Abflug scharten, war er in seinem Damenmantel auf den Flur geflattert. Die fünf Männer wollten gerade aufbrechen.

"Oh, Sie gehen noch zusammen aus?" Und Schmidt, mit einem Blick aus Eis, hatte geantwortet: "Ja, wir haben einen Fünfertisch reserviert." Herr Müller setzte nach: "War die Marketingabteilung in Ihrer informellen Runde denn bislang nicht vertreten?" Wolf Behr fügte hinzu: "Wir schmeißen zwar ein paar Runden, aber wir veranstalten keine informelle Runde. Sondern einen Männerabend." Er stieß ein grunzendes Lachen aus.

Herr Müller hatte verstanden: Frauen mussten draußen bleiben. Vielleicht gut so. Denn wie hätte er sich in der Bar verhalten sollen, als Frau allein unter Männern? Hätte er über ihre derben Witze lachen dürfen, ohne als Flittchen zu gelten? Hätte er Alkohol ablehnen können, ohne die Spielverderberin zu sein? Und wie wäre es angekommen, wenn er den Herren am Schnapsglas Konkurrenz gemacht hätte? Wäre seine Trinkfestigkeit, sofern er sie überhaupt noch besaß, wie bei einem Mann, gefeiert worden (Behr vertrug mit Abstand am meisten!)? Oder hätten die Kerle ihn verdächtigt, er sei mit der Flasche verheiratet, bis dass der Säuferinnentod ihn scheide? Und wer hätte ihm eigentlich garantiert, dass die Herren bei steigendem Alkoholpegel ihre Hände unterm Tisch dort behielten, wo sie hingehörten?

Herr Müller folgte den fünf Zugvögeln vor die Tür. Mit hallenden Schritten lief Herr Müller zum Hauptparkplatz, allein; die schwarzen Dienstlimousinen rollten an ihm vorbei, zusammen. Einer hupte. Dann verloren sich die Rücklichter in der Nacht.

insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
roxxor 30.10.2014
1.
"Meeting-Profi" im Meeting fährt man am besten, wenn man auf Durchzug schaltet und leer ins Nichts starrt, man sollte nur nicht ruckartig zucken, das fällt auf.
unaufgeregter 30.10.2014
2. Blubber
Meetings sind Veranstaltungen für wenig begabte männliche Selbstdarsteller.
Olaf 30.10.2014
3.
Was soll das denn für ein Meeting sein? So einen Chaotenladen habe ich noch nie erlebt und ich habe schon so einige Meetings hinter mir.
family_guy 30.10.2014
4. Gähn...
Wer in einem modernen Unternehmen arbeitet weiß, dass die Story Quatsch ist und dass Frauen sehr wohl Gehör finden. Als wenn Meetings von Brüllaffen abgehalten werden würden. In Meetings hat - wenn überhaupt - vielmehr das Wort des Ranghöheren stärkeres Gewicht. Einige Manager verbinden mit ihrer Machtposition das Recht, anderen über den Mund zu fahren oder deren Beiträge zu ignorieren - dabei sind sie nur unhöflich. Bei dieser Spezies kommt es aber nicht darauf an, ob sie es mit Männern oder Frauen zu tun haben. Ich habe nicht gezählt, wie oft mir das Wort abgeschnitten wurde. Ist eben so, kann man mit Leben.
thapk 30.10.2014
5. Unsinn
Wer so unsinnige Artikel schreibt, hat in seinem Leben noch nie an einem Meeting teilgenommen.
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