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10. Dezember 2016, 07:39 Uhr

Matratzen-Start-ups

Den Schlaf abfeiern

Matratzenläden sind zum Schnarchen. Das sehen gleich mehrere Start-up-Gründer als Chance und verkaufen Matratzen übers Internet. Aber sie müssen die Kundschaft vom Kauf ohne Probeliegen überzeugen.

"Träume glücklicher!" - "Du lebst, wie du schläfst!" - "Jeder großartige Tag beginnt in der Nacht zuvor." Es war nur eine Frage der Zeit, dass sich die Start-up-Szene auf dem Matratzenmarkt breitmacht. Mit den gleichen Sprüchen, mit denen sie auch Übernachtungsplätze, ferngesteuerte Fahrradschlösser oder Windeln anpreist.

Der Gegensatz zu den etablierten Größen ist riesig: Klassische Matratzengeschäfte sehen oft wie Lager aus, die Auswahl ist unübersichtlich, das Produkt langweilig, die Markennamen schnell vergessen.

"Unser Unternehmen will einen Lifestyle aufbauen, der den Schlaf feiert", sagt dagegen Philip Krim, Mitgründer des US-Start-ups Casper. Und er findet viele Nachahmer in Deutschland. Die meisten wurden von dynamischen Mittdreißigern gegründet und haben Markennamen wie Kuscheltiere: Bruno oder Emma, Muun oder Eve.

Ein Rezept für alle

Oder eben Casper. Die Firma ging 2014 in den USA an den Start, bietet ihre Matratzen inzwischen auch in Deutschland an und hat nach eigenen Angaben schon 100.000 Matratzen verkauft. Allein im Sommer vergangenen Jahres sackte das Start-up 55 Millionen US-Dollar von Investoren ein.

Das Rezept ist bei allen ähnlich: Statt vieler Modelle gibt es eine Einheitsmatratze für alle Gewichtsklassen. Die wird ausschließlich online verkauft und frei Haus geliefert. Zu Hause kann man probeliegen und hat bei den meisten Firmen 100 Tage Rückgaberecht mit kostenloser Abholung. Das soll den Nachteil ausgleichen, dass man das Produkt nicht vor dem Kauf testen kann.

Die Unterschiede zwischen den Anbietern - die auch noch meist in Berlin sitzen - verschwimmen. Ähnliche Angebote werden auf ähnlichen Websites präsentiert. Alle geben an, ihr Produkt selbst entwickelt zu haben. Auf "Made in Germany" legen sie besonderen Wert.

Die Preise für eine 2 x 1,40 Meter große Matratze liegen zwischen 550 und 600 Euro. Viele Anbieter haben mittlerweile auch Bettbezug, Kissen und Decken im Angebot, einige auch Boxspringbetten. Selbst im Design ähneln sich die Konkurrenten.

Pionier in Deutschland ist Bett1.de. Das Unternehmen aus Hamburg begann 2004, Matratzen direkt zu vertreiben, und stieß schnell auf den Widerstand der etablierten Lieferanten. Der Gründer Adam Szpyt beschwerte sich beim Kartellamt und bekam recht. Seine Universalmatratze Bodyguard verkauft er seither als "Anti-Kartell-Matratze".

Verlässliche Zahlen zum Matratzen-Handel gibt es kaum, sagt Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein. Er schätzt den Umsatz ohne Lattenroste in Deutschland auf 2 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. "Der Online-Anteil dürfte mit dem bei Möbeln vergleichbar sein und rund zehn Prozent betragen", sagt Heinemann.

Ein Test der "Stiftung Warentest" in der Septemberausgabe fiel für die Online-Anbieter sehr unterschiedlich aus. So kamen sowohl die Testsieger von Direktlieferanten - als auch auffallend schlechte Modelle, bei denen die Konzentration auf ein Modell offenbar ein Nachteil ist. Letztere eignen sich nur für eher kleine Menschen, beschieden die Tester, nämlich für "kleine Leichte und für kleine Personen mit Schwerpunkt rund um das Becken".

mamk/Michel Winde/dpa

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