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Der Männerversteher "Frauen, habt mehr Vertrauen in eure Männer!"

Matthias Becker ist Männerbeauftragter von Nürnberg, wird aber aus ganz Deutschland angerufen: Von Männern, die geschlagen werden, ihre Kinder nicht sehen dürfen oder vom Chef angepöbelt werden.
Zur Person
Foto: Stadt Nürnberg

Matthias Becker, Jahrgang 1964, ist als Sozialpädagoge seit vielen Jahren in der Jungen- und Männerarbeit tätig und lehrt an Hochschulen über Männerfragen. In Nürnberg ist seine Stelle als "Ansprechpartner für Männer" im Büro der Frauenbeauftragten angesiedelt.

SPIEGEL ONLINE: Seit rund einem halben Jahr sind Sie der wohl erste kommunale Männerbeauftragte in Deutschland. Wie läuft's?

Becker: Ich bekomme viel mehr Anfragen als ich bearbeiten kann. Aus ganz Deutschland melden sich Männer bei mir, dabei bin ich nur für Nürnberg zuständig. Es ist offensichtlich: Männer fühlen sich mit ihren Problemen von einem Mann besser verstanden. Wahrscheinlich, weil sie dann nicht das Gefühl haben, sich rechtfertigen zu müssen.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die häufigsten Probleme, mit denen Männer zu Ihnen kommen?

Becker: Insgesamt macht alles rund ums Vatersein und Vaterwerden fast die Hälfte der Anfragen aus. Letztens rief einer an und sagte: "Wir sind schwanger!" Dabei sind auch Trennungen und Scheidungen häufig Thema, vor allem wenn Kinder im Spiel sind. Es geht in meiner Arbeit aber auch um Tabuthemen, wie Gewalt gegen Männer. Die Dunkelziffer bei häuslicher Gewalt ist sehr hoch, und meistens schlagen die Männer, aber in 18 Prozent der Fälle ist es andersrum.

SPIEGEL ONLINE: Und die Opfer wenden sich dann an Sie?

Becker: Erst kürzlich hat mich ein Mann angerufen, der von seiner Frau verprügelt und aus dem Haus geworfen worden ist. Der wusste gar nicht, was er tun sollte. Gehen Sie mal im Umland von Nürnberg auf eine Polizeiwache und sagen Sie: Ich zeige jetzt meine Frau an, die schlägt mich, hier sind die Verletzungen. Die sagen dann: Schlafen Sie halt mal eine Nacht woanders und schauen Sie morgen weiter - das wird schon wieder. Und nehmen die Anzeige vielleicht sogar nicht auf.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Sie helfen?

Becker: Ich habe ihn zunächst an eine Beratungsstelle für Täter und Opfer verwiesen und wir nehmen jetzt Kontakt zu Ansprechpartnern bei der Polizei auf, die für häusliche Gewalt zuständig sind. Es gibt leider noch keine Männerhäuser oder Ähnliches, deshalb sehe ich es auch als Teil meiner Arbeit an, Strukturen aufzuzeigen und Bedarf anzumelden. So auch in Bezug auf Elternzeit - wenn Arbeitgeber nicht mitziehen, zum Beispiel.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es tatsächlich immer noch Chefs, die Männer daran hindern, sich Familienzeit zu nehmen? Immerhin ist das Elterngeld mittlerweile eine staatliche Förderung für beide Eltern.

Becker: Elternzeit zu nehmen, gilt zum Teil noch immer als unmännlich, ja. Es sind dabei übrigens andere männliche Kollegen, die Sprüche bringen wie: "Willst du dir das antun?" Ein Vater bekam von einem Vorgesetzten sogar zu hören, dass es nicht nachvollziehbar sei, wenn Männer die Freizeit vor das Berufliche stellen.

Versuchen Sie doch mal ein paar Stunden weniger
Foto: Imago

Sie würden gern Ihre Arbeitszeit verkürzen, haben aber Angst vor möglichen Nachteilen? Mit ein bisschen gutem Willen lässt Sie Ihr Chef die Teilzeit einfach testen. 

SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie in solchen Situationen?

Becker: Ich sage den Männern, dass Elternzeit nicht nur ihr Recht ist, sondern auch eine wichtige Zeit. Viele bereuen es im Nachhinein, wenn sie diese nicht richtig miterlebt haben. Ich appelliere zudem an das Selbstbewusstsein der Männer und versuche sie zu bestärken, auch indem ich sie mit anderen zusammenbringe, die das schon gemacht haben. Und für Gespräche mit Chefs rate ich, offensiv zu sein. Da sollte man ruhig sagen: Mir geht es besser, wenn ich das mache, ich arbeite dann auch motivierter. Kommt man gar nicht weiter, kann man den Personalrat einschalten, oder auch ich könnte Vermittler sein in Gesprächen.

SPIEGEL ONLINE: Aber generell ist die Zahl der Väter, die Elternzeit nehmen, doch schon stark gestiegen, oder?

Becker: Ja und nein. Circa 35 Prozent der Väter nehmen die zwei Monate Elternzeit, die sonst verfallen würden. Diese Zahl ist also stark gestiegen. Allerdings machen nur die wenigsten mehr Elternzeit, rund fünf Prozent. Dass sich diese Zahl im Vergleich zu früher kaum verändert hat, liegt jedoch nicht nur an den Männern.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Becker: Auch an den Frauen. Viele lassen ihre Männer mit den Kindern nicht für eine längere Zeit allein. Erstaunlicherweise ist es oft schwieriger, je jünger die Paare sind. Da gibt es Frauen, die sagen: Das Kind gehört die ersten drei Jahre zur Mutter, und wenn der Mann zu Hause bleiben will, hat er halt Pech gehabt. Ältere Mütter ab 30 sind da interessanterweise meist gelassener. Richtig mies wird es aber häufig erst, wenn ein Paar sich trennt, das nicht verheiratet war: Wurde das Sorgerecht nicht extra auch auf den Vater übertragen, liegt es nämlich automatisch nur bei der Mutter.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Sorgen kommen getrennte Männer dann zu ihnen?

Becker: Na ja, zahlen müssen sie alle, aber viele bekommen zu wenig Verantwortung für ihre Kinder übertragen und sind immer abhängig von der Gunst ihrer Ex-Partnerin. Wer nicht verheiratet ist, dem rate ich deshalb, in guten Zeiten eine Vaterschaftsanerkennung und eine Sorgerechtserklärung zu machen, wonach man sich offiziell das Sorgerecht teilt. Im Falle einer Trennung ist es damit zum Beispiel einfacher, die Umgangszeiten zu gestalten oder das Wechselmodell zu vereinbaren, um sich die Sorge fürs Kind wirklich 50/50 zu teilen.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie gern den Frauen der Republik zurufen?

Becker: Frauen sollten mehr Vertrauen in ihre Männer haben. Und ihre Männer ernst nehmen. Ich finde übrigens gar nicht, dass die Männer heutzutage viel rumheulen, so wie es manchmal dargestellt wird. Vielmehr zeigen Umfragen: Frauen wollen noch immer einen Mann, der leistungsfähig ist, eine starke Schulter hat, der gut verdient, der Entscheidungen trifft. Er soll aber auch sensibel sein und sich um die Familie kümmern. Das ist das Paradoxon.