Fehler im Job Warum einer im Büro immer der Dumme ist

"Also, an mir hat es nicht gelegen!" Ihnen ist diese Ausrede zu billig? Dann haben Sie bei der Arbeit schon verloren.

"Nein, ich war's nicht!" (Illustration)
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"Nein, ich war's nicht!" (Illustration)

Eine Satire von


Zum Autor
  • Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Du wirst doch heute nur noch verarscht". Autor Matthias Nöllke (Jahrgang 1962) ist Vortragsredner, Journalist und schreibt Sachbücher.

Wir alle machen Fehler. Ständig. Das lässt sich überhaupt nicht vermeiden. Einer baut immer Mist. Das Gute ist: Die meisten Fehler fallen überhaupt nicht auf. Und wenn sie doch auffallen, dann sind diejenigen, die sie bemerken, klug genug, die Klappe zu halten und so zu tun, als wäre alles in bester Ordnung. Am Ende geht es meist ja doch irgendwie gut.

Aber eben nicht immer. In solchen Fällen wird ein Schuldiger gesucht. Einer, an dem es letztlich gelegen hat. Einer, auf den alle mit dem Finger zeigen können. Alle machen Murks, aber einer soll dafür geradestehen. Du nämlich. Warum es ausgerechnet dich trifft? Dafür gibt es viele Gründe.

Einer davon: Sobald sich abzeichnet, dass etwas schiefgeht, verfallen alle in den Modus: "Also, an mir hat es nicht gelegen." Alle, nur du nicht. Dir ist das zu dumm, so eine billige Ausrede, die jeder durchschaut. Die Leute fühlen sich doch verarscht, wenn du dich so rauswindest. Das stimmt. Es ändert aber nichts an der traurigen Tatsache: Wenn du dich nicht rauswindest, bleibt die ganze Sache an dir hängen. Weil du zu deiner Verantwortung stehst, einigen sich alle anderen darauf, dass du die Sache verbockt hast.

Zweiter Grund: Jemand will dir etwas anhängen. Vielleicht stehst du ihm im Weg. Vielleicht bist du besser als er, sympathischer, klüger und talentierter. Das ertragen viele Leute nicht: Ehrgeizige Kollegen, die Karriere machen wollen. Faule, dumme, unfähige Kollegen, die wenigstens verhindern wollen, dass du Karriere machst. Und natürlich deine Vorgesetzten. Wenn du zu sehr glänzt, bekommst du von deinem stumpfen Chef zuverlässig eins auf die Nuss. Sogar wenn du gar nichts angestellt hast.

Und dann gibt es noch einen dritten Grund: Du hast tatsächlich einen Fehler gemacht. Egal, ob groß oder klein, das Entscheidende ist: Die anderen waren ausnahmsweise einmal nicht beteiligt. Oh, das ist jetzt aber eine günstige Gelegenheit, dir eins mitzugeben. Leute, die sonst jede Menge Bockmist bauen, erklären treuherzig, dass sie bestimmt "auch nicht perfekt" sind. Aber das, was du gemacht hast, das darf nicht passieren. Das ist wirklich ganz schlimm.

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Du wirst doch heute nur noch verarscht

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Manchmal sind solche Fehler auch das Startsignal dafür, dass nun alle über dich herfallen und dich kleinmachen. Vorher bist du noch der Liebling. Alle mögen Deine unkonventionelle Art, Deinen frechen Charme, bewundern, wie beherzt du die Dinge angehst. Oder wie bedächtig, je nachdem. Und dann - das! So ein dicker Fehler aber auch.

Oh, oh, irgendwie haben das einige schon geahnt. Sagen sie jetzt. So, wie du damals durch die Tür gekommen bist - gleich hatten sie ein schlechtes Gefühl. Sie haben damals nichts gesagt. Oder nur hinter vorgehaltener Hand. Sie wollten dir ja eine Chance geben. Aber das ungute Gefühl, das hatten sie sofort. Und das müssen sie jetzt, da du am Boden liegst, allen anderen erzählen. Damit du nie wieder hochkommst. Hoffen sie.

Es gibt Leute, die machen aus so einer Sache ein richtig großes Ding. Da gerade niemand so richtig gut auf dich zu sprechen ist, nutzen sie das aus. Sie versuchen, dir so ziemlich alles anzuhängen, was in den letzten Jahren schiefgelaufen ist. War das nicht Deine Idee? Warst du nicht die treibende Kraft hinter all dem Unglück? Und was ist mit dem Klimawandel? Steckst du da nicht auch dahinter?

Dagegen hilft nur ein Mittel: Wann immer etwas schiefgehen kann, musst du andere Leute mit ins Boot holen. Ein richtiger Kahn geht unter, wenn sich zu viele Schwergewichte darin befinden. Bei der Arbeit gilt dagegen die Grundregel: Je mehr von den dicken Jungs du an Bord hast, umso weniger wahrscheinlich säufst du ab.

Die wahren Großmeister sind jedoch die, denen es gelingt, sich rechtzeitig von den eigenen Schnapsideen abzusetzen und sie anderen anzuhängen. Das gelingt natürlich am besten, wenn sie auf dem Chefsessel sitzen.

Wobei: So ein richtiger Chef, der ist viel zu sehr mit dem Chefsein beschäftigt. Der hat gar keine eigenen Ideen. Vielmehr umkreisen ihn ständig Ideen und Vorschläge von anderen wie Fliegen einen Misthaufen. Oder sagen wir lieber: Wie die Fliegen diese Klebestreifenfallen, die du früher auf jedem Bauernhof gesehen hast, im Esszimmer.

Das Prinzip ist so ziemlich das gleiche: Ideen, die dem Chef zu nahe kommen, bleiben an ihm haften. Sie sind jetzt seine eigenen. Und ähnlich wie die Fliegen auf dem Klebestreifen, so müssen auch viele Ideen, die beim Chef gelandet sind, grausam verenden. Aber jetzt kommt der Unterschied: Merkt der Chef, dass die Idee doch nicht so gut war, wie er dachte, dann beginnt er damit, sich allmählich von ihr abzusetzen.

Aufmerksame Mitarbeiter bemerken das und geraten in Unruhe, wenn die Idee mit ihnen in Verbindung gebracht werden kann. Vollkommen zu Recht, denn der Chef lässt es nicht dabei bewenden, die Idee wieder abzustoßen. Er muss sie auch noch einem anderen anhängen. Einem, von dem man später sagen kann: "Das ist doch auf Ihrem Mist gewachsen."

Haben die aufmerksamen Mitarbeiter hingegen nichts mit der Sache zu tun, beginnen sie ihrerseits, die Idee kritisch zu hinterfragen. Besonders Kühne ziehen sie sogar ins Lächerliche, weil das so wirkt, als würden sie sich eine eigene Meinung leisten. In jedem Fall wird es eng für diejenigen, die solche Ideen umgehängt bekommen wie einen Mühlstein, der sie in die Tiefe zieht.

Das alles lässt sich nur verhindern, wenn du es machst wie alle anderen: Habe gar keine eigenen Ideen. Das ist immer noch die sicherste Methode, beruflich voranzukommen.

insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
mrotz 20.12.2016
1.
Ein Zeichen inkompetenten Managements ist es, nicht die Probleme vorrangig zu lösen sondern mindestens einen schuldigen zu suchen. Letzteres kann sich dann über Wochen hinziehen, während das eigentliche Problem fortbesteht.... mfg
ejbeork 20.12.2016
2. Falsche Firma
Ich glaube, dass es mancherorts so zugeht wie geschildert und ausgeschmückt. Und manchmal geht es auch dort so zu, wo es normalerweise nicht so zugeht. Das können Firmenbüros, Bauhöfe, Amtsstuben und Einkaufsläden sein. Im besseren Falle ausgehend von Einzelpersonen, im üblen steckt es als System in der Abteilung oder in der Firma. - So ein Arbeitsumfeld ist krank und würde mich krank machen. Dann muss man sein Maul auftun und aktiv werden. Nicht alle Kollegen sind immer beschränkt, es finden sich bestimmt Mitstreiter. Man muss auch nicht mit einem Schlag das utopische Optimum anstreben. Oft helfen gezielte Änderungen im kleinen. Und wenn man wirklich nichts ändern kann, muss man sich ein neues Umfeld suchen. Das ist nicht immer einfach. Aber wenn es nötig ist, um bei guten Sinnen zu bleiben, muss man es tun.
ejbeork 20.12.2016
3. Verantwortung
Und dann fällt mir zu dem Thema noch ein, wenn die Beteiligten erkennen - und danach handeln - dass es nicht um Schuld geht, sondern um Verantwortung. Schuld sucht den Pranger, Verantwortung sucht nach der Lösung. - Und jene, die ein solches Schuld-Umfeld entweder schaffen und fördern oder es stillschweigend akzeptieren, verwirken das Recht, auf "die da oben" zu schimpfen, die angeblich nix auf die Reihe kriegen. Beides entspringt dem gleichen Ungeist.
beppi 20.12.2016
4. Der Titei ist Programm
Mit diesem 'Ratgeber' vermittelt der Autor Binsenwahrheiten, die seit Jahrhunderten in den Gesellschaften Gültigkeit besitzen und jedem seit Schulzeiten geläufig sind. Bloßes Abbilden der Zustände unter Zugabe einer Prise nicht allzu heftiger Ironie ist meiner Ansicht nach nicht sehr hilfreich für Ratsuchende.
informer_at 20.12.2016
5.
Einleuchtend und traurig...und leider wahr.
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