Selbstverwirklichung im Job Warum alle Traumberufe die Hölle sind

Wenn der Job nur noch nervt, muss ein neuer her. Am besten einer, bei dem das Hobby zum Beruf wird. Klingt gut, bringt aber nix. Denn Traumberufe sind nur so lange verlockend, wie man von ihnen träumt.

Surfer im freien Fall
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Surfer im freien Fall

Eine Satire von


Zum Autor
  • Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Du wirst doch heute nur noch verarscht". Autor Matthias Nöllke (Jahrgang 1962) ist Vortragsredner, Journalist und schreibt Sachbücher.

Hast du auch so einen stinknormalen, langweiligen Beruf wie wir alle? Und wunderst du dich auch, ob nicht noch mehr in dir steckt? Ob du wirklich den Rest deines Lebens hier versumpfen sollst? Oder nicht endlich das machen, wovon du schon immer geträumt hast? Ein eigenes Restaurant aufmachen, Popstar werden, Pilotin? Den Regenwald retten oder einen richtig guten Film drehen (das Drehbuch hast du praktisch fertig im Kopf)? Ach ja, das wäre doch was.

Meist lassen wir es dann doch sein. Weil wir uns nicht trauen. Es war ja schon schwer genug, den öden Job zu bekommen, den wir in unseren Tagträumen so gerne an den Nagel hängen würden. Aber wir haben uns an ihn gewöhnt.

Die Kollegen sind doch ganz nett. Oder zumindest mobben sie dich nicht mehr. Vielleicht haben sie gemerkt: Es bringt nichts. Du lässt dich von deiner Stelle nicht so leicht vergraulen. Du bist hartnäckig. Du bleibst. Wie so ein altes Kaugummi, das jemand vor langer Zeit unter die Schulbank geklebt hat und das im Lauf der Jahre so steinhart geworden ist, dass es nicht einmal der Hausmeister wegbekommt.

Das ist auch eine Leistung, finde ich. Einfach mal an seinem Platz bleiben, geduldig ausharren und das Beste daraus machen.

Aber dann passiert es: Es kommt irgend so ein professioneller Mutmacher daher und redet dir ein: Du musst mit deinen Spinnereien ernst machen. Deinen Träumen folgen, denn sie zeigen, was dir wirklich wichtig ist, wofür du "brennst" wie ein Haufen Stroh. Und was immer es ist: Da bist du besonders gut. Da bist du bis unter die Haarspitzen motiviert und begeistert bei der Sache. Da weißt du ganz genau, wofür du die ganzen Opfer bringst und dein Privatleben ruinierst.

Wenn jemand so daherredet, dann solltest du ihn umgehend vor die Tür setzen. Denn Traumberufe sind zum Träumen da und nicht dazu, dass man sie ergreift. Sonst sind sie nämlich die Hölle.

Schau sie dir doch an, die Leute, die ihren Traum zum Beruf gemacht haben. Die sind alle schlechter dran als du. Die rasenden Reporter, die so viel Interessantes erleben, die selbstlosen Ärzte, die stündlich Menschenleben retten, die kreativen Künstler, die aus sich heraus eine eigene Welt erschaffen. Unter denen gibt es bestimmt mehr, die am Rad drehen oder völlig ausgebrannt sind, als unter uns fröhlichen Bürostuhlpupsern.

Wenn du dir dein Leben bis auf die Grundmauern ruinieren willst, dann eröffnest du ein Restaurant. Am besten eines, in dem du all die Spezialitäten anbietest, die du so gerne kochst. Das Problem ist nämlich: Sobald du das zu deinem Beruf machst, ist Schluss mit lustig. Du machst das alles nicht nur, wenn du gerade Lust darauf hast, sondern ständig, Tag für Tag. So 80 Stunden pro Woche. Da vergeht dir der Spaß schon im ersten Monat.

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:45 Uhr
Ohne Gewähr

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Matthias Nöllke
Du wirst doch heute nur noch verarscht: Warum dein Auto kaputtgeht, deine Diät dich fett macht und der Schleimer aus dem Büro nebenan befördert wird

Verlag:
riva
Seiten:
208
Preis:
EUR 9,99

Viele Restaurantbesitzer haben nicht mal Ferien. Wenn sie ihr Lokal zusperren, dann für immer. Und das passiert schneller, als man denkt. Nicht mal die Restaurantretter vom Privatfernsehen können da viel ausrichten. Die meisten Schnitzelstuben, die sie da mit viel Trara aufpeppen, sind kurze Zeit später wieder genauso pleite, wie sie vorher schon waren. Immerhin warten sie damit, bis das Kamerateam abgezogen ist.

Da denkt man doch: Wer macht so was freiwillig? Ganz einfach: Leute, die ihren Traum zum Beruf machen wollen. Die arbeiten sich tot und verdienen nicht einmal viel Geld damit. Denn auch das gehört zur traurigen Wahrheit der Traumberufe: Reich wirst du damit nicht. Das wird zwar immer wieder erzählt. Aber das kannst du vergessen. Zumindest in 99 Prozent aller Fälle.

Du glaubst doch nicht im Ernst, dass dir jemand Geld nachwirft, weil du in deiner Arbeit Erfüllung findest. Eher versuchen manche, daraus Kapital zu schlagen. Sie kassieren ab. Machen dich fit für deinen Traumberuf, zeigen dir die Tricks der Profis und verkaufen dir alles, was du so brauchst, um ganz vorne mitzuspielen.

Genau darin besteht das schmierige Geschäft der Mutmacher. Ein Mutmacher macht dir nämlich vor allem deswegen Mut, weil er daran kräftig verdienen will. Um viele Traumberufe ranken sich unzählige Vorbereitungskurse, Seminare und unmaßgebliche Zertifikate, die du dir an die Wand hängen, auf deine Internetseite stellen und auf deinen Briefkopf drucken darfst.

Denn natürlich brauchst du das passende Traumberuf-Briefpapier, die Traumberuf-Internetseite und die Traumberuf-Urkundenwand, an der alle vorbeimüssen, die dich aufsuchen. Das alles kostet ein Schweinegeld, das du in deinem Traumberuf nur verdienen kannst, wenn du nebenbei als Bankräuber arbeitest. Oder eben als Mutmacher.

insgesamt 44 Beiträge
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rennflosse 03.01.2017
1. Ein Kreativer
Ich bin ein durchaus kreativer Mensch, musikalisch und phantasievoll. Zum Beruf habe ich diese Eigenschaften nicht gemacht und bin letzten Endes froh darüber. Denn es gibt etwas, das die meisten nicht wahr haben wollen: Wenn man etwas sehr gerne tut mit Leidenschaft und Hingabe, so bedeutet das noch lange nicht, dass man es auch wirklich gut kann. Mein ehemals bester Freund ist im Gegensatz zu mir Profi geworden. Ein gefragter Orchestermusiker. Schaue ich ihn heute an, so ist er gesundheitlich wesentlich "fertiger" als ich. Da bin ich froh, dass es bei mir Hobby geblieben ist ohne den Zwang, davon leben zu müssen.
schoenwetterschreiberling 03.01.2017
2. Der Weg ins Glück
Wer sein Hobby zum Beruf macht, begibt sich auf eine Einbahnstraße. Denn wie der Autor richtig schreibt, wird aus einem "ich mag" ein "Du musst", sobald der Lebensunterhalt damit bestritten werden soll. Deshalb mein Rat an alle Idealisten: Seien Sie sich darüber im Klaren, dass im Falle des Scheiterns meist nur das Taxi oder die Supermarktkasse übrig bleibt. Deshalb gilt: Wenn Sie nicht 100%ig von Ihrer Exzellenz überzeugt sind, lassen Sie es lieber bleiben. (Als festangestellter Berufsmusiker, der alle Höhen und Tiefen inkl. besagter Supermarktkasse hinter sich hat, darf ich mir einen solchen Ratschlag erlauben.)
peter_s_79 03.01.2017
3. Ich hoffe, der Beitrag war satirisch gemeint.
Natürlich sollte man seinem Traumberuf nachgehen! Ich habe das auch getan und bin in die Gestaltungsbranche gegangen obwohl meine Eltern mir damals geraten haben in Richtung BWL inkl Bürojob zu gehen. Ein Glück habe ich das nicht gemacht, vor allem wenn ich jetzt Freunde sehe, die das ganze Jahr nur auf ihren Urlaub sparen und warten... Nein danke! Auch wenn es stressige Zeiten gibt (vor Projektabgaben) bin ich glücklich seit 15 Jahren jedem Tag dem nachzugehen, was mir freude bereitet! Und so ist auch der Urlaub nur eine zusätzliche Abwechslung zum restlichen Jahr.
Ledertrumpf8 03.01.2017
4. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt
So So, der Autor schimpft über Trainer und Coaches, die unnütze Ratgeber für teures Geld verkaufen... Und selber? Verkauft er auch ein "Sachbuch".
robin-masters 03.01.2017
5. Man könnte sagen
Sie wollen uns doch nur davon abhalten erfolgreich zu sein und unsere Träume zu verwirklichen... ;-) Das wichtigste ist den Markt zu sondieren, Grundkapital zu haben, ein Konzept zu haben und damit leben zu können viel arbeiten zu müssen. Ist dann halt kein Traum mehr sondern Realität.
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