Leistungssportler an der Uni Zwischen Gefecht und Hörsaal

Matyas Szabo ist deutscher Meister im Säbelfechten, tritt bei den Olympischen Spielen in Rio an - und studiert nebenbei Medienmanagement. Wie kriegt er das hin?

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Wer mehr als 25 Prozent der Seminarzeit verpasst, bekommt keinen Schein - das ist an vielen Hochschulen die Regel. Würde sie auch für Matyas Szabo gelten, hätte der 24-Jährige sein Studium längst abbrechen müssen. Denn er verbringt manchmal mehr Zeit in der Sporthalle als in der Uni.

Szabo ist international erfolgreicher Säbelfechter, im August tritt er für Deutschland bei den Olympischen Spielen an. "Der Trainingsplan wird um meinen Stundenplan an der Uni drum herum gebaut, anders geht es nicht", sagt er. Acht Mal wöchentlich trainiert er jeweils zweieinhalb Stunden lang, dazu kommen noch zwei Yogaeinheiten pro Woche.

Immer wieder kommt es vor, dass er während des Semesters zu Weltcup-Kämpfen oder Meisterschaften etwa nach Madrid oder Moskau reisen muss. Trotzdem ist er mit seinem Studium noch im Zeitplan: Er studiert im 5. Semester Medien- und Kommunikationsmanagement an der privaten Fresenius-Hochschule in Köln.

"Die Dozenten laden ihre Vorlesungen im Netz hoch und sagen mir immer genau, was ich nacharbeiten muss", sagt Szabo, "die sind wahnsinnig hilfsbereit und kooperativ." Auch auf seine Kommilitonen könne er sich verlassen. Zusammen mit drei jungen Frauen hat er eine Lerngruppe gebildet, sie tauschen Mitschriften und Protokolle aus und lernen gemeinsam.

"Eine 1,0 muss ich nicht haben"

Anwesenheitspflicht gibt es nicht, Hausarbeiten oder Prüfungen darf der Säbelfechter auch kurzfristig verschieben - im Gegensatz zu einem Teamkollegen, der an der Uni Düsseldorf in der ersten Vorlesung zu hören bekam: "Schauen Sie nach rechts, schauen Sie nach links - zwei von Ihnen drei werden hier nicht durchkommen."

Mit anderen Worten: Weil Szabo sich die private Hochschule mit ihren monatlichen Gebühren leistet, wird er wie ein richtiger Kunde behandelt. An einer staatlichen Uni wäre das nicht unbedingt der Fall - ohne das Entgegenkommen der Hochschule aber wäre die Kombination von Studium und Spitzensport kaum möglich.

Klar, sagt Szabo, "die vergangenen zwei Jahre waren schon stressig". Aber er habe sich sowohl das Studium als auch die Olympiateilnahme als Ziel gesetzt, "und dann muss man eben mal die Arschbacken zusammenkneifen und durchziehen". Dass er mit der Doppelbelastung nicht auf Spitzennoten kommt, ist ihm klar - und egal: "Eine 1,0 muss ich nicht haben, solide Noten am Ende reichen mir auch."

Szabos Eltern sind ebenfalls erfolgreiche Fechter, vor 20 Jahren kamen sie mit ihm aus Rumänien nach Deutschland. Matyas Szabo wird von seinem Vater Vilmo trainiert - er ist gleichzeitig deutscher Bundestrainer. "Wir kommen klar", sagt der 24-Jährige und grinst. In der Pubertät hatte er mal für zwei Jahre einen anderen Trainer. Aber mittlerweile, bei getrennten Wohnungen und eigenen Wegen, klappt es wieder miteinander.

Der sportliche Erfolg gibt den beiden Recht: Szabo war mehrfacher Mannschafts- und Juniorenweltmeister sowie Deutscher Meister im Einzel und mit der Mannschaft. Doch trotz dieser Erfolge kann der 24-Jährige nicht ausschließlich von seinem Sport leben: Für das Grundeinkommen sorgt die Sportfördergruppe der Bundeswehr, "ohne diese Unterstützung würde das nicht funktionieren".

1500 Euro für die Ausrüstung

An 15 Standorten bundesweit fördert das Verteidigungsministerium die Spitzensportler. Szabo ist einer von knapp 750 dieser Sportsoldaten: Nach der zweimonatigen Grundausbildung ist er von einem Großteil des Dienstes freigestellt, um sich ganz dem Fechten zu widmen, während sein Sold weiter gezahlt wird.

Sponsoren aus der Wirtschaft hat Szabo nicht, er wird aber von der Deutschen Sporthilfe und der Sportlotterie unterstützt - und das ist auch nötig, denn Fechten ist kein ganz billiger Sport: Für Anfänger stellen die meisten Vereine Kleidung bereit, aber für Leistungssportler sind zwei Kleidungssätze das Minimum - und schon einer kostet bis zu 1500 Euro.

32 Athleten werden am 10. August in Rio um Gold im Säbelfechten kämpfen, neben Matyas Szabo ist noch ein zweiter Deutscher dabei: Max Hartung, ebenfalls Student. In Dormagen trainieren sie gemeinsam, bereiten sich zusammen vor: Beinarbeit, Athletik, Kondition, Gefecht.

"Die Degenfechter sind wie Langstreckenläufer: langsamer und sehr taktisch orientiert", beschreibt Matyas die verschiedenen Fechtdisziplinen, "das Florett entspricht der Mittelstrecke. Und das Säbelfechten ist die Königsdisziplin, sozusagen der 100-Meter-Sprint." Mann gegen Mann heißt es da, manchmal nur für Sekunden - und der kleinste Fehler wird sofort rigoros vom Gegner bestraft.

Ob er in Rio eine Chance auf eine Olympiamedaille hat? Szabo nickt, die Frage kennt er schon. "Realistisch habe ich da eher die Rolle als Underdog", sagt er, "aber wenn ich Spaß habe und auf meine Fähigkeiten vertraue, dann kann ich an einem guten Tag das Ding gewinnen."



insgesamt 8 Beiträge
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feurig 02.07.2016
1.
Aha, also Säbelfechten ist die "Königsdisziplin" und nur da geht es um Sekunden... bei Degen und Florett dagegen nicht.
Ober_Gumbo 02.07.2016
2. Wie kriegt er das hin ?
Diese Frage kann nur jemand stellen, der ernsthafte Arbeit nur vom Hörensagen kennt.
parkettbill 02.07.2016
3. Königsdisziplin....
.... bei "Los" nach vorne springen und auf die Maske hacken, so sieht also Königsdisziplin aus. Mann gegen Mann :-) Da bleib ich beim Degen, da gehts wenigstens ums Fechten und nicht ums schnellere Hacken.
Grorm 02.07.2016
4.
Warum bloss ist so jemand nicht in einer schlagenden Verbindung? Deren Studenten würde ich diesen Semiprofi von Herzen gönnen ... ;-)
pmdu 02.07.2016
5. könnte Spuren von Ironie enthalten
@parkettbill Im Säbel müssen sie auf die Korrektheit jeder Aktion sowohl mit Bein als auch mit Arm achten, einmal mit dem Arm verzögert, hat der Gegner den Punkt. Aber da es beim Degen ja kein Trefferrecht gibt, müssen sie auf sowas nicht achten, nur kurz mit dem hüpfen aufhören, im Stand die Waffe reinhalten und die Lampe an machen ;D
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