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Job & Karriere

Heiner Thorborg

Überlastung, Bürokratie, Druck Hört auf, die Menschen kaputtzumachen

Heiner Thorborg
Ein Gastkommentar von Heiner Thorborg
Gladbachs Sportchef Max Eberl ist nur einer von vielen: Burn-out und Frust führen vielerorts zu Rekordzahlen bei den Kündigungen. Wer seine Leute behalten will, muss umdenken.
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dickcraft / iStockphoto / Getty Images

Resignation hat im Englischen zwei Bedeutungen. Einmal steht es für »Resignation«, so wie wir das Wort gebrauchen, wenn einer so richtig die Nase voll hat. Und dann bedeutet es noch »Kündigung«. Derzeit scheint die Logik hinter diesem doppelten Wortgebrauch offensichtlicher denn je, denn die Frustration im Job ist vielerorts hoch, ebenso wie die Zahl der Kündigungen. So hoch, dass in angelsächsischen Medien bereits von »The Great Resignation« die Rede ist: In den USA haben im vergangenen September drei Prozent aller Arbeitnehmer ihre Jobs gekündigt. In absoluten Zahlen sind das Hunderttausende. Auch in Großbritannien wechselten im dritten Quartal rekordverdächtig viele den Job, wie der »Economist« berichtet.

Teilweise ist diese Wanderlust sicherlich einfach aufgeschobener Wechselwille, der während der Covid-Pandemie nicht ausgelebt werden konnte. Auch macht die nun oft gegebene Möglichkeit, deutlich mehr im Homeoffice zu arbeiten, Jobs attraktiver, die zuvor für viele Bewerber geografisch und auch sonst außer Reichweite lagen.

Das allein reicht jedoch nicht aus, um die Vielzahl der Kündigungen zu begründen. Bleibt der Frust, wie ihn gerade der Sportchef von Mönchengladbach Max Eberl beschrieben hat. Tatsächlich ist die Schwere seines Burn-outs eher außergewöhnlich, die Emotion hinter seinem Ausstieg wird jedoch von vielen geteilt. Er sei ein »gutes Beispiel für das, was in der Welt passiert«, sagt Eberl. In der Tat, Covid hat jede Menge Menschen im Wortsinn aufs Sofa verbannt und dort zu einem gründlichen Nachdenken gezwungen über ihr Leben, ihren Job und ihre Karriere. Oder wie Eberl es ausdrückte: »Es geht um mich. Ich denke zum ersten Mal in meinem Leben nur an mich.«

Auf dem Totenbett sagt keiner: Ach, hätt ich doch mehr gearbeitet

Das Ergebnis solcher Kontemplation lässt sich derzeit für erschreckend viele Menschen auf folgende Redensart reduzieren: »Auf dem Totenbett hat sich noch kaum einer gewünscht: Ach, hätte ich doch mehr Zeit im Job verbracht«. Eberl hat seine Aufgabe geliebt, das ist offensichtlich. Was er jedoch nicht verkraftet hat, ist ein berufliches Umfeld, in dem extremer Druck herrscht. Er spricht von »Mühle« und von »Rastlosigkeit«. Diese prägt derzeit nicht nur den Profifußball, sondern viele Branchen.

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Christian Verheyen / dpa

Für die Unternehmen hat das gewaltige Konsequenzen. Denn die übliche Methode, die besten Mitarbeiter zu identifizieren und sie mit Gehaltserhöhungen, Boni und Incentives an Bord zu halten, funktioniert nicht mehr, wenn es in der Masse der Arbeitnehmer nicht nur Zweifel gibt an der Sinnhaftigkeit des Jobs, sondern auch Unbehagen angesichts einer Verrohung der Sitten, die Eberl beschreibt. Es gehe darum, »dass man den Menschen respektiert«, sagt er und, »dass man sachlich, fachlich Kritik übt, aber sich immer bewusst ist, was man mit dem Menschen tut, mit seiner Familie tut«.

Wie es mit der Arbeitskultur, der Menschlichkeit und dem Respekt weitergehen soll angesichts von Turbodigitalisierung und künstlicher Intelligenz, weiß keiner so recht. Und Besserung ist kaum in Sicht, denn geht es nach Zuckerberg & Co., arbeiten viele von uns bald in einem Metaverse, in der man auf dem Bildschirm nicht mal mehr das Gesicht seines Gegenübers sieht, sondern nur noch dessen Avatar. Was tut das mit den Menschen und ihren Familien? Bislang gibt es kaum Antworten.

Wie lässt sich der Frust reduzieren?

Was also kann ein verantwortlich denkender Chef tun? Der Profitdruck lässt sich in vielen Betrieben kaum reduzieren, aber vielleicht der Frust. Es gilt, so oft es geht mit den Mitarbeitern auf Augenhöhe zu kommunizieren und Schwachstellen zu identifizieren. Die in vielen Firmen üblichen Interviews mit Abgängern kommen zu spät, wenn die Kündigungswelle schon rollt. Besser wäre es wohl, künftig Umfragen zu starten, was die vorhandenen Angestellten im Unternehmen hält, um dann darauf aufzubauen. Wer kann was bei uns? Wo steht diese Person, wie geht es ihr da und wo will sie hin? Einfache Fragen eigentlich. Es gibt jedoch Analysen, zum Beispiel vom Institute for Corporate Productivity in Seattle, die belegen, dass Businessnetzwerke wie LinkedIn oft deutlich mehr wissen über die Fähigkeiten einer Belegschaft als die eigentlichen Arbeitgeber.

Das ist ein ziemliches Armutszeugnis und vermutlich einer der Gründe für den wachsenden Wechselwillen in vielen Unternehmen. Der schlecht ist fürs Geschäft: Schließlich ist es teurer, neue Leute zu finden und einzuarbeiten, als mit den vorhandenen eine Kultur zu pflegen, in der Respekt, Miteinander und Lebensfreude dafür sorgen, dass auch stressige Zeiten einigermaßen auszuhalten sind.

Qualifizierte Leute sind knapp, heute muss kaum einer auf einer Stelle bleiben, die ihn nachhaltig frustriert. Chefs, die gute Mitarbeiter halten und anziehen wollen, müssen sich also erstens schlaumachen, was bei der Konkurrenz geboten wird. Dabei gilt es, nicht nur auf die Vergütung zu starren, sondern auch auf Entwicklungschancen, Kinderbetreuung, Unternehmenskultur und Lebensqualität. Und dann gilt es, gleichzuziehen.

Zweitens geht es darum, bei der vorhandenen Belegschaft genauer hinzuschauen. Besonders in Abteilungen, wo großer Veränderungsdruck herrscht. Wenn eine gründlichere Auseinandersetzung mit den Mitarbeitern dazu führt, dass mögliche Burn-out-Kandidaten auffallen, bevor diese weinend zusammenbrechen, ist schließlich allen geholfen.

In der gegenwärtigen Fluktuation liegt nämlich auch eine Chance. Beispielsweise wenn sie dafür sorgt, dass das Thema Unternehmenskultur endlich ernst genommen wird. Und dafür, dass überholte Regeln zu Arbeitszeiten, Anwesenheiten, Berichtspflichten und Bürokratie in den Strukturen abgeschafft werden. Genauso wie die Chefs, in deren Umfeld und Verantwortung die Kollegen regelmäßig Kündigungen einreichen. Bei diesen Kandidaten wäre ein Plus an Abgängen sicherlich ein Segen.

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