Milliardenschweres Netzwerk McKinsey ist überall

Reuters; DPA; AFP; Reuters; AFP; AFP

Von Michael Freitag und Dietmar Student

3. Teil: Der Glaube an die eigene Überlegenheit verbindet


Auffallend oft finden sich Leute im Finanzwesen (etwa als Chief Financial Officer oder Finanzstaatssekretär), in der IT (Chief Information Officer) und in Abteilungen, die sich um Strategie (Head of Strategy) und Effizienz mühen. Ihr Berater-Know-how befähigt für den kraftvollen Zug an den Schalthebeln der Macht. Für den Einfluss auf ein einzelnes Unternehmen, eine Branche, das Wohlergehen einer ganzen Volkswirtschaft - oder das von der Finanzkrise gebeutelte Weltgeschehen.

Zum Beispiel Lael Brainard, 49. Eine schmallippige Frau mit langen blonden Haaren und großen blauen Augen, denen so leicht kein Detail entgeht. Von 1983 bis 1985 arbeitete sie im New Yorker McKinsey-Büro. Heute ist die in Polen und Deutschland aufgewachsene Frau der Star unter den US-Sherpas, die für hochrangige Politiker Verhandlungen führen. Sie diente schon Bill Clinton, half ihm über Peso- und Asien-Turbulenzen hinweg; jetzt flüstert sie Finanzminister Timothy Geithner ein. Wenn sich ihr Chef in Davos über den mangelnden Einsatz der Europäer in der Schuldenkrise ereifert, dann hat sie ihm die Argumente geliefert.

Der Euro beschäftigt auch den Italiener Corrado Passera, 57. Der groß gewachsene einstige McKinsey-Partner hat die wichtigsten Ressorts in der Technokratenregierung von Mario Monti inne. Der Mann mit hoher Stirn, buschigen Brauen und kurzem, spärlichem Resthaar ist für alles zuständig, was dem schuldengeplagten Land aus der Krise helfen soll, für wirtschaftliche Entwicklung, Infrastruktur und Verkehr - ergo: für das Wachstum.

Eben mal Italien retten

Passera, der in Italiens Establishment bestens vernetzt ist, hat sich schon mehrfach als Troubleshooter und Patriot erwiesen. Er hat die Banca Intesa Sanpaolo zur größten Privatkundenbank des Landes hochfusioniert, die Post saniert, die bankrotte Airline Alitalia in der Luft gehalten. Und jetzt muss er halt Italien retten. Ist er erfolgreich, hat er große Chancen auf die Monti-Nachfolge.

Auch in Deutschland organisieren Meckis die ganz großen Umbaumaßnahmen. Etwa der ausgebildete Erdölingenieur Georg Pölzl, 55. Sechs Jahre hat er bei McKinsey Sanierungsrezepte verfasst. Dann wurde er Vorstand des österreichischen Maschinenbauers Binder, später T-Mobile-Chef des Landes. Bis ihn der Chef der Deutschen Telekom, René Obermann, mit einer konzernweiten Restrukturierung beauftragte: 4,7 Milliarden Euro sollte er einsparen, 6 Milliarden sind es geworden. Obermann belohnte ihn mit dem T-Mobile-Chefjob für Deutschland und... ja, dann wollte Pölzl wieder nach Österreich, so heimattreu sind die Steirer Buabn halt.

Seit Oktober 2009 führt er die österreichische Post, die zentralen Stellen hat er mit Ehemaligen besetzt. Der neue CFO Walter Oblin, 43, früher Chefstratege, kommt von McKinsey; sein Nachfolger ebenfalls. Externe Berater braucht Pölzl jetzt nur noch selten. Konzernstrategie samt Leitbild haben die Oberpostler selbst entworfen: "Wir haben das Know-how ja im Haus."

Schwarmintelligenz statt unsichtbarer Hand

Ob österreichische Post, Italien oder Weltfinanzkrise: Wenn Institutionen, die mit McKinsey-Personal infiltriert sind, in eine Richtung marschieren, dann steckt dahinter keine unsichtbare Hand, die alles steuert. Das Phänomen fußt eher auf der "Schwarmintelligenz", wie es ein ehemaliger Direktor formuliert.

So bevölkern McKinsey-Kohorten die Führungsetagen der Deutschen Post. Sie setzten sich in die wichtigsten Chefsessel und verschafften ihrem Ex-Arbeitgeber Millionenaufträge. Eine lange Tradition hat die McKinsey-Connection auch bei der Münchener Allianz. Der einstige Finanzchef Friedrich Schiefer war 1984 der erste prominente Alumnus.

Mittlerweile verfügt das Unternehmen über eine starke McKinsey-Präsenz, welche die antiken Studentenverbindungen als Bindemittel abgelöst hat. Ein rundes Dutzend Führungskräfte (bevorzugt in den Stabsabteilungen) dürften Ex-Meckies sein. Die Meckies sind durch die gleiche Schule gegangen, haben gelernt, Probleme auf die gleiche Weise zu lösen, und so einen einzigartigen Korpsgeist entwickelt. Auch der Glaube an die eigene Überlegenheit verbindet. "McKinsey ist Elite", sagt ein früherer Consultant.

Geht es ums Geschäftliche, zählt vor allem eines: die Herrschaft über die Budgets. Doch auch die Top-Manager unter den Alumni holen sich nicht mehr so häufig - und vor allem nicht mehr so selbstverständlich - Rat bei ihren ehemaligen Kollegen wie früher, aus Angst vor Verstößen gegen Compliance- und Governance-Richtlinien.

Das Geschäft wird schwieriger

Er enthalte sich bei der Vergabe von Beratermandaten, sagt etwa der Strategiechef eines deutschen Konzerns. Immerhin diskutiert er die Projekte vor der Präsentation mit den früheren Kameraden. Bei Bosch ist man noch rigider. Zwei unlängst zum Stuttgarter Konzern gewechselte Ex-Partner, der eine heute für Bastlerwerkzeuge zuständig, der andere für Gesundheitstechnik, verweigern jeglichen Kontakt, wenn das Erteilen eines Auftrags auch nur naherückt.

Bei der Commerzbank klagt McKinsey über systematisches Ignorieren. Auf Spitzen-Alumnus Blessing können die Berater jedenfalls kaum zählen. Der Konzernchef hält sich komplett heraus. Schon der Anschein von Parteinahme, so seine Devise, müsse vermieden werden.

Das Geschäft mag schwieriger werden. Aber die Kultur der Firma breitet sich immer weiter aus. Der Einfluss der aktiven und einstigen Consultants auf Vorstände, Politiker und bisweilen sogar Kirchenfürsten nimmt stetig zu. Nein, um Himmels willen, der Papst war kein Meckie, wohl aber sein ehemaliger oberster Geldbeschaffer, ein Mann namens Ettore Gotti Tedeschi, 67, der Ex-Chef der Vatikanbank, der in den Wirren des Vatileaks-Skandals um sein Leben fürchtete.

Wird das Netzwerk langsam unheimlich? Droht eine globale Meckianisierung? Die Schweiz ist für solche Thesen ein treffliches Beispiel. Bis 2001, bis zum Drama um die Fluggesellschaft Swissair, war das berateraffine Land für McKinsey nahezu ein Monopolmarkt. Alumni saßen an den Spitzen der größten Konzerne, sie heuerten hübsch regelmäßig ihre ehemaligen Kollegen an; der damalige Schweizer McKinsey-Chef Thomas Knecht, 61, galt der "Neuen Zürcher Zeitung" als größter Insider der Eidgenossenschaft.

Doch als es bei der Swissair kritisch wurde, erwies sich diese Dominanz als Systemfehler. Intern hatte McKinsey vor gravierenden Risiken gewarnt, die Strategie wilder Zukäufe abgelehnt. Aber im Verwaltungsrat saßen einige der mächtigsten Manager der Schweiz, unter anderem Knechts Vorgänger Lukas Mühlemann, 62. Und als diese nicht auf ihre Pläne verzichten wollten, knickten die Berater ein - aus Furcht vor dem Verlust von Mandaten. Das Ergebnis: Die Swissair ging 2001 in Konkurs, wurde später von der Lufthansa übernommen, und die Consultants gerieten in das Schussfeld der Boulevardpresse: "McKinsey kassierte für Desaster-Beratung 100 Millionen - Herr Knecht, wann zahlen Sie das zurück?"

Rajat Gupta: Rausschmiss aus dem Netzwerk

Vor individuellem Versagen ist auch ein Elite-e.V. wie McKinsey nicht gefeit. Selbst dann nicht, wenn es um einen ehemaligen Weltchef geht. Rajat Gupta, 63, wurde kürzlich schuldig gesprochen, nach seinem Wechsel in den Verwaltungsrat der Investmentbank Goldman Sachs vertrauliche Kundeninformationen an einen Hedgefondsmanager weitergegeben zu haben: Insiderhandel und Verrat am Klienten, viel Schlimmeres gibt es nicht für das Image einer Beratung.

Der Mann galt als Vorbild, er saß auch in den Aufsichtsräten von Procter & Gamble und American Airlines, er beriet wohltätige Gesellschaften wie die Bill-und-Melinda- Gates-Stiftung - und ist heute ein Ausgestoßener. Auch von der Alumni-Liste wurde er gestrichen.

Dass ein Ehemaliger rausfliegt, kommt selten vor. Und freiwillig aus dem Kreis verabschiedet hat sich nicht einmal einer, der McKinsey 1992 im erbitterten Streit verlassen hat: Wolfgang Bernhard, 52, inzwischen zum Vorstandsmitglied von Daimler aufgestiegen. Bernhard wollte damals unbedingt für andere Klienten arbeiten, Daimler aber einen Auftrag nur dann an McKinsey vergeben, wenn der Jungberater das Projekt leitete. Bernhard musste in Schwaben bleiben. Wenig später quittierte er seinen Consulting-Job. Alumnus ist er bis heute.

  • Michael Freitag (links) ist Redakteur, Dietmar Student Chefreporter beim manager magazin. Dieser Artikel ist die aktualisierte Fassung eines Textes, der dort erschienen ist.

insgesamt 67 Beiträge
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Seite 1
Benjowi 09.10.2012
1. Aha, das ist es also!
Zitat von sysopReuters; DPA; AFP; Reuters; AFP; AFPMcKinsey unterhält ein globales Netz aus ehemaligen Mitarbeitern - und wird langsam unheimlich. Die Berater-Alumni sitzen in den Schaltzentralen von Unternehmen und Politik, bewegen Milliarden, steuern ganze Volkswirtschaften. Der Überblick. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/mckinsey-ex-berater-unterhalten-weltweites-netzwerk-a-855609.html
Kein Wunder, dass alles aus den Fugen gerät!
auweia 09.10.2012
2. Früher...
...hat man sich um den Einfluss der Jesuiten in Deutschland gesorgt. Die waren halt für die damaligen Verhältnisse sehr gut ausgebildet, argumentationsstark, zielstrebig und international vernetzt. Jetzt helfen die Meckis selbst in der Kirche aus. Bismarck hat im 19. Jhdt. den Kulturkampf losgetreten. Ob heute ein Staat so einen Konflikt gegen McK gewinnen könnte?
josh67 09.10.2012
3. Titel
Zitat von sysopReuters; DPA; AFP; Reuters; AFP; AFPMcKinsey unterhält ein globales Netz aus ehemaligen Mitarbeitern - und wird langsam unheimlich. Die Berater-Alumni sitzen in den Schaltzentralen von Unternehmen und Politik, bewegen Milliarden, steuern ganze Volkswirtschaften. Der Überblick. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/mckinsey-ex-berater-unterhalten-weltweites-netzwerk-a-855609.html
McKinsey ist das Schwert des amerikanischen Wirtschaftkrieges gegen die Welt.
monokultur 09.10.2012
4. Normalerweise
Normalerweise wird das immer als Riesen Verschwörung abgetan. Leider, leider es ist wahr. Unsere ganze Gesellschaft wird nach mackie Standards ausgerichtet. BWL Studenten zb können selbst wenn sie nie mit diesem Laden in Berührung kamen, nicht anders denken. Egoismen und PowerPoint. Damit lässt sich das ganze auf den Punkt bringen. Ich behaupte sogar, dass McKinsey nie eine Beraterfirma war, sondern von Anfang an als Karrierenetzwerk konzipiert war.
seppedoni 09.10.2012
5. Wir haben ja oft Angst
Zitat von sysopReuters; DPA; AFP; Reuters; AFP; AFPMcKinsey unterhält ein globales Netz aus ehemaligen Mitarbeitern - und wird langsam unheimlich. Die Berater-Alumni sitzen in den Schaltzentralen von Unternehmen und Politik, bewegen Milliarden, steuern ganze Volkswirtschaften. Der Überblick. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/mckinsey-ex-berater-unterhalten-weltweites-netzwerk-a-855609.html
vor Unterwanderung durch Scientology, Nazis oder die Mafia. Aber über die lacht sich McKinsey wahrscheinlich tot.
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