Azubi-Meisterschaft Roboter sind auch nur Menschen

Wer programmiert den besten Roboter im Land? Bewaffnet mit Joysticks, Schraubenziehern und Energy-Drinks kämpfen angehende Mechatroniker und Elektrotechniker um die deutsche Robotik-Meisterschaft - und sammeln nebenbei Pluspunkte für den Lebenslauf.

WorldSkills Germany/ Jörg Wehrmann

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Einen schlechteren Tag hätte Christopher Anders, 21, kaum erwischen können. Erst bringt sein Roboter die hervorragenden Trainingsleistungen nicht auf den Platz, dann meldet sich auch noch sein Partner krank. Vielleicht ist ihm die Biersuppe nicht bekommen, die er gestern beim gemeinsamen Restaurantbesuch gegessen hat. In jedem Fall hat der Mechatroniker gerade niemanden, der ihm dabei hilft, seinen zickigen Roboter für den letzten Wertungslauf wieder in die Spur zu bringen.

Für den unfreiwilligen Einzelkämpfer und sieben andere Teams geht es an diesem Vormittag um die Deutsche Meisterschaft in der "Mobile Robotik". In einer berufsbildenden Schule in Osnabrück loten die jungen Auszubildenden seit drei Tagen aus, welche Mannschaft ihren Roboter am besten programmiert.

Die nationalen Titelkämpfe verlangen den jungen Mechatronikern und Elektrotechnikern alles ab. Heute soll die Maschine einen Lagerarbeiter wegrationalisieren: Zunächst muss der Roboter ein Gabelstapler-Element montieren, um danach mit einem kleinen Anhänger Flaschenkisten-Imitate aufzuladen und zu einem Lagerplatz zu fahren.

Jedes Team hat drei Versuche mit jeweils 15 Minuten, um einen möglichst guten Wertungslauf hinzulegen. Während des Laufs dürfen die Programmierer der Maschine nur zuschauen. Vorher allerdings laufen sie auf Socken durch den Parcours, der schmutzfrei bleiben muss, und setzen ihren Roboter immer wieder auf die richtige Position.

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Nach zwei Stunden Wettkampf hat noch kein Team die Aufgabe auch nur im Ansatz gelöst. Wären die Flaschen echt, der Parcours läge voller Scherben - so oft sind die Holzimitate schon vom Hänger gefallen.

Für Christopher Anders erhöhen sich plötzlich die Chancen, heute noch ein paar Getränkekisten sicher zu verladen: Sein Vorjahrespartner Jan Reitzer, ebenfalls Mechatroniker, steht in der Halle und will ihm helfen. Zusammen gehen sie in die Box von Team Osnabrück 2, das Anders und sein gerade unpässlicher Partner vertreten. Zwischen Rechner, Joystick und leeren Energydrinks versucht das eingespielte Team, den Roboter noch einmal zu optimieren.

"Ich hätte auch dieses Jahr gerne mitgemacht, aber mein Betrieb hat es mir nicht erlaubt", sagt Reitzer. Er müsse bald seine Zwischenprüfung ablegen, da habe er keine Zeit, sich auf die Deutsche Meisterschaft vorzubereiten. "Ich habe heute in diesem Gebäude Berufsschule, nur deshalb bin ich hier."

Immer schön einfach denken

Bis Reitzers nächste Stunde anfängt und Anders' letzter Wertungslauf startet, bleiben den beiden knapp 20 Minuten, um den Induktionssensor neu zu justieren. Im Parcours sind Metalllinien am Boden befestigt, an denen sich der Roboter über den Sensor ausrichtet. Bei der Metalllinie auf dem Boden von Anders' Box funktioniert das hervorragend. In dem knapp 20 Quadratmeter großen Parcours klappt es überhaupt nicht.

Während Reitzer mit dem Schraubenzieher am Roboter herumwerkelt, sitzt Anders an der Programmier-Software. "True, false, true, false, true, false", sagt er. Irgendwas ist mit der Abstimmung nicht in Ordnung. Reitzer weiß auch nicht weiter: "Du könntest ihn vielleicht noch umprogrammieren." Anders schüttelt den Kopf: "Das schaffe ich in der Zeit nicht mehr." Er klingt weder panisch noch resigniert.

"Unter Druck ruhig zu bleiben, das ist hier ganz wichtig", sagt Ulrich Karras. Er ist der Mann, der sich seit Jahren die Aufgaben für die "Mobile-Robotik"-Meisterschaften ausdenkt. Fragt man ihn nach der wichtigsten Eigenschaft, die ein Roboter-Programmierer haben muss, antwortet er sofort: "Einfaches Denken." Die meisten Teams würden wahnsinnig anspruchsvolle Programme basteln, doch mit der Komplexität steige auch die Fehleranfälligkeit. "In der Industrie gilt dasselbe: Eine Maschine muss 24 Stunden laufen, deshalb sollte sie so einfach wie möglich konstruiert werden."

Pluspunkte für den Lebenslauf

Christopher Anders wäre schon froh, wenn seine Maschine überhaupt laufen würde. Nachdem er knapp 13 Minuten lang im Parcours getestet hat, kündigt er jetzt seinen letzten Wertungslauf an. Der ist allerdings sofort wieder vorbei, weil der Roboter schon nach der Abfahrt vom Parkplatz streikt. Für diesen Lauf kassiert Anders 0 von 100 möglichen Punkten.

Auf Bitten des Moderators probiert er es gleich noch einmal, nun aber außer Konkurrenz. Und als fühlte sich der Roboter von jeder Last befreit, fährt er quer durch den Parcours, holt den Anhänger ab, stellt ihn vor die Garage und lädt sogar noch ein paar Flaschen auf. Die fallen zwar wieder vom Stapler, und der Roboter gibt anschließend auf - doch das wären immerhin 16 Punkte gewesen.

Genau diese Punktzahl schafft das Team Erfurt in seinem letzten Wertungslauf. Die Reaktion: Enttäuschung. Am ersten Wettkampftag hatten Thomas Kühler und Lukas Stollberg noch die volle Punktzahl geholt. Auch sie probieren es noch einmal, außer Konkurrenz. Ergebnis: 99 von 100 Punkten. "Absolut unverändertes Programm", sagt Stollberg fassungslos. Roboter sind eben auch nur Menschen.

Am Ende werden die Erfurter trotzdem Deutscher Meister - und sichern sich damit Pluspunkte für den Lebenslauf. "Solche Leute sind für jedes Unternehmen interessant, das mit Automatisierungsprozessen arbeitet", sagt Ulrich Karras.

  • Jette Golz
    KarriereSPIEGEL-Autor Hendrik Steinkuhl ist freier Journalist und lebt in der Nähe von Osnabrück.

insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
RobinSeyin 27.02.2014
1.
Zitat von sysopWorldSkills Germany/ Jörg WehrmannWer programmiert den besten Roboter im Land? Bewaffnet mit Joysticks, Schraubenziehern und Energy-Drinks kämpfen angehende Mechatroniker und Elektrotechniker um die deutsche Robotik-Meisterschaft - und sammeln nebenbei Pluspunkte für den Lebenslauf. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/mechatronik-azubis-treten-bei-mobile-robotik-meisterschaft-an-a-955985.html
Müsste man das nicht sofort verbieten? Vernichtet schließlich Arbeitsplätze.
Deaod 28.02.2014
2.
Fortschritt verbieten hat so oft schon geklappt ...
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