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Vielfalt in Medien Das muss man sich leisten (können)

Junge Menschen arbeiten oft am Rande des Prekariats. Im Journalismus ist das besonders fatal: Weil fast nur noch Kinder wohlhabender Eltern den Beruf ergreifen können, verfestigt sich ein gesellschaftliches Problem.
Arbeitsplatz Tischtennisplatte: Medienschaffende in einem Coworking-Büro

Arbeitsplatz Tischtennisplatte: Medienschaffende in einem Coworking-Büro

Foto: DPA

"Mach lieber was Sicheres!", sagt mein Vater am Küchentisch, als ich mit 17 davon träume, Journalist zu werden. "Ärzte, Lehrer, die werden gebraucht." Mit dem Zeigefinger pocht er auf den Tisch. Ich, ein Schlaks, voller Ideale, bin in der 12. Klasse. Ich habe noch ein Jahr bis zum Abitur an einem Brandenburger Gymnasium. Die Was-willst-du-werden-Frage stellt sich drängender und der Küchentisch zwischen uns wächst zur Verhandlungsfläche. Meine Noten? Sehr gut. Alle Möglichkeiten stehen mir offen. Aber Journalismus? Mein Vater schüttelt den Kopf.

Mein Vater ist Zimmermeister, meine Mutter Vermessungstechnikerin, sie sind beide in Ostdeutschland aufgewachsen. Sie war erst Tänzerin am Berliner Friedrichstadtpalast, schulte dann um. Er wollte Architektur studieren, wurde in der DDR aber trotz guter Noten nicht zum Abitur zugelassen.

Zur Person
Foto: Jan Klein

Tobias Hausdorf, Jahrgang 1993, Studium der Anglistik, Geschichte und Amerikanistik in Berlin und Amsterdam. Zahlreiche Praktika und freie Mitarbeit unter anderen bei der "Märkischen Oderzeitung", der "taz", dem SPIEGEL sowie ein Jahr lang Chefredakteur der Studierendenzeitung "spree".

Heute weiß ich, was mein Vater damals meinte. Doch bis ich zu der Erkenntnis komme, dauert es. Zunächst lasse ich meinen Traum fallen, höre auf meine Eltern und beginne ein duales Studium beim Pharmakonzern Bayer. Aber es ist nicht das Richtige für mich. Ich kündige. Befreiend.

Dann Studienwechsel. Bafög und Kindergeld halten mich über Wasser. Ich mache nebenher Praktikum nach Praktikum. Ich bekomme nach dem Hochschulabschluss Absagen für Volontariate, doch dann schaffe ich es an eine Journalistenschule. Die Ausbildung wird nicht bezahlt, ich kann sie nur machen, weil ich ein Stipendium bekomme. Andere haben dieses Glück nicht, viele wurden schon ausgesiebt.

Jetzt bin ich im aktuellen Jahrgang der Evangelischen Journalistenschule, wir sind 16 Leute. Zurzeit machen wir Praktika bei öffentlich-rechtlichen Rundfunksendern. 11 von 16 bekommen momentan kein Geld. Laut Vertrag habe auch ich keinen Anspruch auf Vergütung für das dreimonatige Praktikum. Die Arbeitseinsätze sind Teil der Ausbildung, das praktische Lernen steht im Vordergrund. Aber niemand fragt sich, wovon man lebt. Irgendwoher wird das Geld schon kommen.

Meine zweite Woche im aktuellen Praktikum: An einem Morgen meldet sich eine Redakteurin krank. Ich springe drei Tage für sie im Studio ein, wo live Radio gemacht wird - sehr gern, das ist eine gute Erfahrung. Man dankt mir für den Einsatz und ich bin froh, Wichtiges beizutragen. Eine Kollegin ermutigt mich, nach einem Honorar zu fragen, eben weil ich eine Redakteurin vertreten habe. Ich frage also. Da heißt es, ich sei nicht vollwertig eingesprungen. Geld gebe es nur nach Ermessen.

Ich bin wütend, twittere und fühle mich dabei wie ein Trump mit guter Absicht. Unter dem Hashtag #unfÖR schildern Hunderte ähnliche Erfahrungen. Sie erzählen davon, wie sie als Praktikanten kein Geld, dafür weniger als einen Euro Ermäßigung in der Kantine bekamen, wie sie unterstützt werden mussten, wie sie mit Nebenjobs ihre Ausbildung finanzierten - es ist Wahnsinn mit Methode.

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Bildet sich ein elitärer Journalismus heraus?

Ich konnte mich nur auf dieses Praktikum einlassen, weil ich ein Stipendium erhalte. Andere können das nicht. Journalisten werden dann meistens die gleichen Leute: Die, die es sich leisten können. Das ist nicht nur unfair, sondern auch fatal für die Demokratie. Weil Stimmen fehlen, weil Perspektiven und Lebenserfahrungen im öffentlichen Diskurs nicht auftauchen. Journalismus darf kein elitäres Projekt sein, sonst setzt sich soziale Ungleichheit fort.

"Das größte Lebensrisiko sind die eigenen Eltern", schreibt Martin Spiewak in der "Zeit". Ich habe meine Eltern nie als Risiko gesehen. Sie haben mir Werte vermittelt, wie wichtig Bildung sei, Gerechtigkeit, Bescheidenheit, sich anzustrengen und zusammenzuhalten. Doch in kaum einem anderen Industrieland hängt die persönliche Zukunft so sehr von der Herkunft ab wie in Deutschland.

Für alle Kinder die gleichen Chancen? Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung gelingt nur 27 von 100 Nichtakademikerkindern der Sprung an die Hochschule. Dagegen schaffen es 79 von 100 Kindern studierter Eltern. Das setzt sich fort und bringt immer ähnliche Leute in Machtpositionen in den Medien, in der Politik, in den Vorständen, in der Wissenschaft.

Gefahr einer Blase

Wenn eine große Tageszeitung acht Praktikanten für etwa 400 Euro im Monat zur selben Zeit im Lokalteil beschäftigt, wie ich es selbst erlebt habe, dann geht es nicht um ein Geben und Nehmen, sondern darum, Stellen sparen zu können. Auch die Öffentlich-Rechtlichen müssen sparen. Doch sie sind durch Beiträge finanziert und haben einen demokratischen Auftrag. Praktikanten zu bezahlen, sollte ihnen eine Verpflichtung sein. Zahlen sie nichts, schrecken sie viel Nachwuchs ab.

Wen schließt dieses System alles aus? Wer versucht es erst gar nicht? Irgendwann bewegt sich Journalismus nur noch in seiner eigenen Blase und seine Repräsentanten tun verwundert, wenn sich Teile der Bevölkerung frustriert von ihnen abwenden, weil sie sich nicht mehr repräsentiert fühlen.

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