Gleichstellung in Staatsbetrieben Mehr Frauen in Aufsichtsräten - aber weniger in den Chefetagen

Nach den Dax-Unternehmen melden auch große öffentliche Firmen mehr Frauen in ihren Aufsichtsräten. In Vorständen und Geschäftsführungen geht der Frauenanteil jedoch zurück.

Frauen in Führungspositionen: "Gegebenenfalls ein Zeichen von nachlassender Dynamik"
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Frauen in Führungspositionen: "Gegebenenfalls ein Zeichen von nachlassender Dynamik"


Frauen holen bei der Besetzung von Aufsichtsratsposten in großen öffentlichen Unternehmen nach einer Studie auf - allerdings nur langsam. Das hat die Organisation "Frauen in die Aufsichtsräte" (FidAR) in einer Studie ermittelt, die an diesem Donnerstag vorgestellt wird.

Zum Stichtag am 1. Januar 2019 ist der Anteil von Frauen in Aufsichtsgremien großer öffentlicher Unternehmen demnach erstmals über die 30-Prozent-Marke geklettert. Er stieg von 29,7 Prozent im Vorjahr leicht um 1,1 Prozentpunkte auf 30,8 Prozent und lag damit laut FidAR gleichauf mit dem Frauenanteil in den Aufsichtsräten der 30 Dax-Unternehmen.

Untersucht wurden die 263 größten Unternehmen mit Länder- oder Bundesbeteiligung in Deutschland. Dazu gehören die Deutsche Bahn und ihre Töchter, verschiedene Stadt- und Wasserwerke oder auch Wohnungs- und Lottogesellschaften.

Die öffentlichen Unternehmen in Berlin, Brandenburg und Hamburg liegen dabei im Ländervergleich vorne, Bayern, Saarland und Sachsen hinten. FidAR verweist darauf, dass es in allen Ländern der Spitzengruppe Richtlinien zur guten Unternehmensführung mit entsprechenden Empfehlungen für mehr Gerechtigkeit bei der Postenvergabe gebe, in den Ländern der Schlussgruppe nicht oder erst seit Kurzem.

Weniger Frauen in Unternehmensleitungen

Während es in den Aufsichtsräten öffentlicher Unternehmen allgemein einen Aufwärtstrend beim Frauenanteil gibt, hat sich der Anteil an Frauen in den Toppositionen wie Geschäftsführung, Geschäftsleitung oder Vorstand verringert. Nach stetigem Anstieg seit 2014 gab es hier zum ersten Mal einen leichten Rückgang. Im Schnitt ist knapp jede fünfte Topposition (18 Prozent, 2018: 18,8) mit einer Frau besetzt.

Auch wenn in den größten öffentlichen Unternehmen nahezu doppelt so viele Frauen in Vorstands- bzw. Geschäftsführungspositionen vertreten seien wie in Dax-Unternehmen, sei der Rückgang "gegebenenfalls auch ein Zeichen von nachlassender Dynamik und sollte als Signal betrachtet werden", schreiben die Autoren der Studie.

Am Mittwoch hatte die frühere Lufthansa-Finanzchefin Simone Menne die Aufsichtsratsvorsitzenden der Dax-Unternehmen dafür verantwortlich gemacht, dass noch nie eine Frau einen solchen Konzern geleitet hat. "Da gibt es noch Sprüche, die man sich nicht vorstellen kann: 'In unserer Branche gibt es keine Frauen.' Oder: 'Die ist intellektuell noch nicht so weit.'", sagte Menne der Wochenzeitung "Die Zeit".

Grund für diese Haltung seien Alter und Sozialisierung der überwiegend männlichen Aufsichtsratschefs: "Die Herren sind teilweise über 70 und kennen es nicht anders. Das muss sich ändern", sagte Menne.

lov/dpa



insgesamt 5 Beiträge
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marthaimschnee 26.09.2019
1. wie hoch ist der generelle Frauenanteil in den Unternehmen?
Wenn in einem Unternehmen nur 25% der Beschäftigten weiblich sind, aber 50% in Aufsichtsräten oder der Unternehmensleitung weiblich sein sollen, dann ist das eben keine Gleichstellung, sondern eine Bevorzugung von Frauen.
pdsicka 26.09.2019
2. Luxusproblem
Frau Simone Menne hat natürlich recht, diese "Herren-Saurier" gibt es natürlich immer noch, werden aber in absehbarer Zeit von alleine aussterben. Das man sich so sehr um die Damen in den Chefetagen und Aufsichtsräten mit allen möglichen Quoten kümmert und immer wieder berichtet, ist schon ein Luxusproblem. Die vielen Frauen, die in Berufen wie, Altenpflegerin, Friseurin,Putzfrau etc. sind sicherlich ganz begeistert, dass sich in den oberen Etagen endlich eine "Gleichberechtigung" einstellt.
hannibalanteportas 26.09.2019
3. Komplexe Angelegenheit
Ich finde v.a. solche großen DAX-Konzern sind Piranha-Becken, friss oder werde gefressen. Ein Freund von mir aus gutem Haus, an ner Privatuni studiert mit besten Kontakten durch Alumni in die Wirtschaft, hat einige Jahre nach seinem Studium für verschiedene Beraterfirmen gearbeitet weltweit. 60-80h/Woche mit riesigem Erfolgs-und Konkurrenzdruck und die vielbeschworenen "Männer"- Netzwerke waren nach "wer nutzt mir wann und bei was am meisten" sortiert. "Freundschaften" mit den Kolleg*innen waren bestenfalls oberflächlich. Sowas muss man als Mensch, gleich welchen Geschlechts, wirklich wollen. Er hat, als er ausreichend Geld zusammen hatte, selbst ein kleines ökologisch orientiertes Unternehmen gegründet. Und wenn ich in meinem Unternehmen schaue, in dem Frauen den deutlich größeren Anteil an leitenden Positionen einnehmen, dann sind wir alles Menschen, die deutlich mehr Stress und Überstunden (auch wenn's keine 60h/Woche sind) haben, weil uns diese Art von Arbeit wichtig ist. Und andererseits sehe ich bei den vorwiegend jüngeren Mitarbeiter*innen deutlich mehr Tendenz zur Teilzeitarbeit. Und bei den meisten ist es eine Entscheidung ohne Not. Ich mag meine Life-Work-Balance zwar auch, aber dann ist es mit leitenden Positionen eben schwieriger. Ich sehe da inzwischen, zumindest in meinem beruflichen Bereich, immer wieder eine größer werdende gap bzgl. des Alters. Keine Frage gibt es Strukturen, die den beruflichen Aufstieg eines Menschen nur aufgrund sexistischer/"konservativer" Denkweisen verhindern oder erschweren wollen. Noch an der Uni habe ich es auch erlebt, dass sich die Doktorandinnen bei manchen Profs und Betreuern deutlich mehr bemühen mussten um ernst genommen zu werden als die Männer. Ich finde es wichtig, ein so brisantes Thema von mehreren Seiten aus zu betrachten. Dann könnte man evtl. zu passenden Lösungen kommen.
polza_mancini 27.09.2019
4. Hmmm...
...ein parallel einzusehender SPON-Artikel berichtet, dass leider immer noch 50 % der Frauen in Teilzeit arbeiten und schmale Renten zu erwarten haben...könnte auch da ein Zusammenhang bestehen? Teilzeit-Vorstand gibt es nur sehr selten, eher 60-80 Stunden in der Woche...WARUM jemand Teilzeit arbeitet/ arbeiten muss (mangelnde Kinderbetreuung, falscher Lebenspartner) ist natürlich ein bisschen komplexer...
kunibertus 28.09.2019
5. Es gibt eine ganze Reihe von Gesetzen und Regelungen,
die eine Gleichbehandlung fordern und jede Bevorzugung z.B. wegen des Geschlechtes als unzulässig erklären. Daraus lässt sich zweifellos schlussfolgern, dass bei einer Stellenbesetzung ausschließlich die Kompetenz des Bewerbers entscheidend ist. Es nutzt mir überhaupt nichts, wenn ich z. B. die Stelle des FuE-Leiters in einem Stahlwerk mit einer Frau besetze, die Genderwissenschaft studiert hat. Die bringt dem Unternehmen auf fachlicher Ebene überhaupt nichts, lediglich die Quote ist erfüllt. In einem Wirtschaftsunternehmen muss der Leiter fundierte fachliche Entscheidungen treffen. Ein anderes Beispiel: Von den Gewerkschaften werden in den Aufsichtsräten diverse Posten besetzt. Wie hoch ist eigentlich hier der Frauenanteil? In diversen öffentlichen Förderprogrammen zur Ersteinstellung von Hochschulabsolventen wird ausdrücklich erst die fachliche Eignung mit Nachweis des erfolgreich abgeschlossenen Studiums verlangt. Erst dann kommen die Fragen zur Berücksichtigung der Gleichstellungsprinzipien. Und es ist nun mal leider so, dass Frauen in den MINT-Studiengängen nicht nur unterrepräsentiert, sondern kaum vorhanden sind. Deswegen versuche ich jetzt schon meine Enkelin in diese Richtung zu orientieren.
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