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Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen Diese Bankangestellte hat sich informiert - und verdient jetzt mehr

Das Gefühl, weniger Geld zu bekommen als die männlichen Kollegen, kennt Frauke Meyer gut. Es beschlich sie immer wieder - bis sie von einem Gesetz erfuhr, das vieles in ihrem Arbeitsleben änderte.
Was, wenn der Kollege mehr verdient? Ein Gesetz kann helfen - doch bisher machen nur weniger davon Gebrauch (Symbolbild)

Was, wenn der Kollege mehr verdient? Ein Gesetz kann helfen - doch bisher machen nur weniger davon Gebrauch (Symbolbild)

Foto: Antonio Guillem/ iStockphoto/ Getty Images

Was verdienen die anderen in meinem Team? Seit Anfang 2018 können Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer das erfahren: Seitdem gilt der Auskunftsanspruch des sogenannten Entgelttransparenzgesetzes .

Es soll für mehr Lohngerechtigkeit zwischen Frauen und Männern sorgen. In größeren Firmen müssen Arbeitgeber Frauen demnach mitteilen, was Männer verdienen, die in gleicher oder ähnlicher Position sind wie sie - und umgekehrt.

FAQ Entgelttransparenzgesetz

Doch mehr als ein Jahr später nutzen nur wenige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer das Gesetz. Das geht aus einer Evaluation der Bundesregierung hervor. Nur vier Prozent der Beschäftigten in größeren Betrieben forderten demnach entsprechende Auskünfte zum Gehalt von ihrem Arbeitgeber ein.

Woran liegt das? Der SPIEGEL hat mit einer der wenigen, die sich im Job auf das Gesetz berufen haben, gesprochen. Frauke Meyer hat es probiert - und wollte wissen: Was passiert, wenn ich mithilfe des Gesetzes versuche, mehr Geld zu bekommen?

Sie ist 58 Jahre alt und seit 23 Jahren in einer Bank tätig. Ihren echten Namen sowie den Namen ihres Unternehmens möchte sie in diesem Artikel nicht lesen. Meyer arbeitet im Vertrieb der Bank, berät in einem zwölfköpfigen Team Mittelständler und Großkunden. In den vergangenen Jahren beschlich sie immer häufiger das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden - bis zu dem Tag, an dem sich vieles für sie änderte.

"Vielleicht war das der siebte Sinn: Irgendwie wusste ich immer, dass die Männer in meinem Team besser bezahlt werden als ich. Obwohl ich vom Fachwissen her besser aufgestellt war als viele von ihnen, verfolgte mich dieser Gedanke über viele Jahre.

Das kam, weil diese Kollegen ständig bevorzugt wurden. Mal erhielt jemand eine Beförderung, die auch ich hätte bekommen können. Mal wurden nur männliche Kollegen zum Fortbildungsseminar geschickt, und wir Frauen fragten uns: Was ist mit dem Rest des Teams? Und ein anderes Mal durfte ein Kollege an einem Projekt mitarbeiten, obwohl ich seit vielen Jahren als Expertin für das Projektthema galt.

Wenn ich in Meetings ansprach, was mich störte und wo ich monetäre Ungerechtigkeit sah, kam schon mal ein Spruch von einem Kollegen: 'Du warst eben zur falschen Zeit am falschen Ort'. Gelächter!

Eigentlich sind wir ein tolles Team, das in den meisten Fällen sehr gut funktioniert. Aber über manche Sachen haben wir nie richtig gesprochen, über Geld etwa. Höchstens die Frauen tauschten sich mal aus, dann ging es aber auch nicht um konkrete Summen.

'Sie hätten mehr verdient, aber ich kann nichts machen'

Ich bin eine Kämpferin. Wenn ich eine Ungerechtigkeit feststelle, kann ich das nicht einfach so stehen lassen. Ich bat meinen damaligen Chef mehrmals um eine Gehaltserhöhung. Die Antwort war immer, in etwa: 'Sie hätten auf jeden Fall mehr verdient, aber ich kann leider nichts machen.' Angeblich war das eine Anordnung vom Chef meines Chefs. In solchen Gesprächen hatte ich schnell keine Argumente mehr.

Dann erfuhr ich vom Entgelttransparenzgesetz. Ich informierte mich, las mich ein, und mich überkam ein Gefühl der Aufregung. Eine gesetzlicher Auskunftsanspruch!? Ein Kollege, mit dem ich mich ganz gut verstehe, sagte: 'Du wirst erst deinen Frieden finden, wenn du das machst!'

Ich durchwühlte das Intranet und fand tatsächlich ein Formular. Um Auskunft über den Median der Vergleichsgruppe zu bekommen, ist kein Gesprächstermin mit dem Chef nötig. Ich informierte meinen trotzdem darüber, dass ich dieses Papier ausfüllen werde. Man trägt dort ein, wer man ist und in welcher Abteilung man arbeitet.

Mein Chef reagierte gelassen, begrüßte mein Vorhaben sogar. Er sagte: 'Wenn die Gehaltserhöhung auf diesem Wege endlich klappt, wäre das doch wirklich super.'

Auf Erfolg folgt Dämpfer

Keine sechs Wochen waren vergangenen, als ich ein Antwortschreiben bekam. Es war ganz sachlich formuliert. Sie hätten meine Anfrage geprüft und teilten mir nun den statistisch errechneten Median mit. Ich hatte tatsächlich weniger verdient!

Es war ein solches Erfolgserlebnis. So war es also, wenn sich ein Bauchgefühl bestätigte. Einfach klasse. Ein paar Hundert Euro sollte ich mehr bekommen - nein, keine Tausende -, aber es ging ums Prinzip. Ich hatte gewonnen.

Doch dann gab es einen Dämpfer: Die Gehaltserhöhung musste hoch bis zum Vorstand. Und das dauerte. Ich wartete und wartete und bekam zwischendurch Angst, dass doch noch alles nach hinten losgehen würde. Was, wenn sich nun einer der Vorgesetzten querstellte? Schließlich sind Unternehmen nur zur Auskunft verpflichtet - sie müssen das Gehalt nicht erhöhen, falls sich herausstellt, dass eine Ungleichheit besteht.

Die Zeit verging. Es stand wieder mal ein Personalwechsel auf Führungsebene an, und auch ich bekam einen neuen direkten Vorgesetzten. Der setzte sich sehr für mich ein, das war toll. Er hakte immer wieder oben nach, konnte aber letztlich auch nichts machen. Ich überlegte: Wäre ich bereit, vor Gericht zu ziehen? Ja, dachte ich im einen Moment. Und im nächsten: Oh je, lieber doch nicht.

Seit Juni dieses Jahres bekomme ich nun mehr Geld. Es hat geklappt - auch wenn zwischen dem Bescheid und der tatsächlichen Veränderung auf meinem Konto insgesamt sieben Monate lagen, ein quälend langer Zeitraum.

Kolleginnen, die abwarten wollen

Heute bin ich stolz. Ich glaube, ich bin die Erste, die in unserer Bank ein solches Gesuch auf Auskunft stellte und habe damit vielleicht auch ein wenig unsere Gesprächskultur verändert. Ich habe zum Beispiel vielen Kolleginnen erzählt, was ich gemacht habe, und auch einige Chefs wissen Bescheid. Jetzt bin ich in der Firma die, die sich getraut hat, es einfach mal zu probieren. Das Gesetz hat mein Selbstbewusstsein gestärkt.

Die Reaktionen, die ich bekomme, sind jedoch ziemlich unterschiedlich. Es gibt die Frauen, die es nun auch versuchen wollen. Und es gibt die, die sagen: 'Ich warte besser noch etwas ab. Ich will nicht, dass es so wirkt, als hätten wir uns abgesprochen.' Die Unsicherheit kann ich verstehen, ich habe mich auch öfter gefragt, ob ich das Richtige getan habe.

Jetzt weiß ich: Es war richtig, denn wir haben Recht auf diese Auskunft. Wir müssen nur mutig sein. Und ja, ich habe einen unbefristeten Arbeitsvertrag und hatte es damit sicherlich einfacher als andere.

Aber das Recht haben alle. Sobald es wieder möglich ist - also in drei Jahren - bin ich wieder da. Dann bitte ich erneut um Auskunft. Und werde erfahren, ob es in der Zwischenzeit neue Ungerechtigkeiten gab, über die nie jemand offen spricht."