In Kooperation mit

Job & Karriere

Matthias Martens

Rat vom Karrierecoach Mein Chef will mich loswerden – was soll ich tun?

Matthias Martens
Ein Gastbeitrag von Matthias Martens
Ein Gastbeitrag von Matthias Martens
Bernd ist verzweifelt: Ihm wird gekündigt, er klagt dagegen und gewinnt. Doch fortan bekommt er nichts mehr zu tun und wird kaltgestellt, obwohl er arbeiten will. Wie kann er wieder Fuß fassen?
Feindliche Umgebung: Wenn der eigene Chef einen am liebsten los wäre, was sind dann die besten Optionen?

Feindliche Umgebung: Wenn der eigene Chef einen am liebsten los wäre, was sind dann die besten Optionen?

Foto: Klubovy / E+ / Getty Images
Zum Autor

Matthias Martens, Jahrgang 1964, war zehn Jahre Personalleiter im Otto-Konzern, bevor er sich 2006 für die Selbstständigkeit entschied. Heute begleitet der Inhaber einer Outplacementberatung  als Berater und Coach vor allem Menschen in der Lebensmitte, die sich beruflich neu orientieren wollen oder müssen. Alle Kolumnen von Matthias Martens  Mail an den Coach 

Bernd, 53 Jahre, fragt: "Ich arbeite seit 34 Jahren in derselben Abteilung eines großen Konzerns. Weil gespart werden soll, wurde mir betriebsbedingt gekündigt und eine Stelle an einem anderen Standort angeboten – mehr als 600 Kilometer entfernt. Vor Gericht wurde die Kündigung für unwirksam erklärt. Seit fast einem Jahr bin ich freigestellt, ich bekomme also mein Gehalt, aber nichts zu tun. Ich will aber unbedingt wieder arbeiten. Intern habe ich mich auf alle möglichen Stellen beworben, aber ich glaube, dass mein Chef hinter meinem Rücken gegen mich arbeitet und mich unbedingt loswerden will. Auf meine Bitten um ein persönliches Gespräch reagiert er nicht. Was soll ich jetzt tun?"

Hallo Bernd,

Ihrer Schilderung entnehme ich, dass ein Arbeitsgericht die Kündigung für unwirksam erklärt hat. Demnach muss Ihr Arbeitgeber Ihnen nicht nur weiterhin Entgelt zahlen, sondern Sie auch vertragsgemäß beschäftigen. Sie könnten Ihren Beschäftigungsanspruch mithilfe Ihres Rechtsanwaltes notfalls gerichtlich durchsetzen. Bei einem Konzern gehe ich davon aus, dass es auch einen Betriebsrat gibt, der bei jeder Stellenbesetzung darauf zu achten hat, dass niemand benachteiligt wird. Diese und andere rechtlichen Fragen sollten Sie mit Ihrem Anwalt erörtern. Aber es gibt noch andere Aspekte, die Sie bedenken sollten.

Nach 34 Jahren in derselben Abteilung haben Sie sich vermutlich ein gutes Fachwissen angeeignet. Deshalb sollte Ihr vorrangiges Ziel sein, weiter innerhalb Ihres bisherigen Arbeitsbereiches beschäftigt zu sein, denn nur dort werden Sie Ihre Erfahrungen optimal einbringen können. Sofern Ihre Abteilung komplett aufgelöst wurde, stellt sich natürlich die Frage, wie Sie Ihre Kenntnisse in anderen Abteilungen und Funktionen anwenden können.

Sie schreiben, Ihre bisherigen internen Bewerbungen waren erfolglos. Das kann mehrere Gründe haben. Hinterfragen Sie bei zukünftigen internen Bewerbungen sehr sorgfältig, welche Stellenanforderungen Sie wirklich erfüllen und wie Sie dies anhand von Beispielen belegen können. Vermeiden Sie unbedingt, dass bei den Personalverantwortlichen der Eindruck entsteht, Sie würden sich auf alles Mögliche bewerben. Dann wäre Ihr Name verbrannt. Ihr zukünftiger Chef sollte erkennen können, dass Sie ihm einen echten Mehrwert bieten. Es muss schon passen – und das gilt insbesondere, wenn sich auch Kollegen anderer Abteilungen um dieselben Stellen bewerben.

Sie vermuten, Ihr Chef arbeite gegen Sie und wolle Sie unbedingt loswerden. Welches Motiv hätte er dafür? Er könnte doch eigentlich froh sein, wenn ein anderer Bereich Sie aufnimmt und er Ihre Stelle anschließend streichen kann. Doch er verhält sich paradoxerweise gegen seine eigentlichen Interessen.

Welchen Anteil haben Sie daran, den Konflikt am Leben zu halten?

Deshalb frage ich mich: Was bringt ihn so sehr gegen Sie auf und mobilisiert so viel feindselige Energie? Zu einem Konflikt braucht man mindestens zwei Personen. Sie haben bereits um ein Gespräch gebeten und sind offenbar an einer Lösung interessiert. Das ist ein guter Ansatz. So ein persönlicher Konflikt baut sich häufig über eine lange Zeit auf. Fragen Sie sich deshalb auch, welchen Anteil Sie daran haben, diesen Konflikt am Leben zu halten.

Gehen Sie auf Ihren Chef zu und lassen Sie erkennen, dass Sie an einer konstruktiven Lösung interessiert sind. Vielleicht nutzen Sie auch einen vertrauenswürdigen Vermittler, der Ihre Bereitschaft zu einer konstruktiven Lösung an Ihren Chef heranträgt. Wenn Ihr Chef nicht damit rechnen muss, dass Sie ihm schwere Vorwürfe machen, sondern eine Lösung suchen, die beiden gerecht wird, dann kann dies seine Bereitschaft zu einem Gespräch wecken.

Denkbar ist auch, dass Ihr Chef gar nicht an einer Lösung interessiert ist und Sie durch die Freistellung zermürben will, damit Sie entnervt aufgeben und um die Auflösung Ihres Arbeitsverhältnisses bitten. Das würde ich Ihnen jedoch derzeit nur empfehlen, wenn Sie außerhalb Ihres Unternehmens eine attraktive Perspektive hätten. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt hat sich dank der Corona-Pandemie um 180 Grad gedreht und für Sie deutlich verschlechtert. Ohnehin würden Sie nach 34 Jahren in derselben Abteilung mit dem Vorurteil konfrontiert, Sie hätten sich in Ihrer Komfortzone eingerichtet. Deshalb benötigen Ihre Bewerbungen eine überzeugende Darlegung, die zeigt, dass Sie über den langen Zeitraum immer wieder neues gelernt und sich flexibel auf veränderte Bedingungen eingestellt haben.

Wenn die Rente noch keine Option ist

In Ihrer Lebenssituation ist der Übergang in die Rente vermutlich noch keine Option. Sofern Sie noch fünf oder mehr Jahre bis zur Rente überbrücken müssen, könnte eine Investition in die eigene Qualifikation sehr lohnend sein und sich auszahlen. Nutzen Sie doch die Freistellung für eine Fortbildung und frischen Sie damit Ihr Fachwissen auf. Aktuelles Spezialwissen steigert nebenbei auch Ihre Beschäftigungsfähigkeit, wenn in den nächsten Jahren durch die fortschreitende Digitalisierung viele Routineaufgaben entfallen. Eine Fortbildung kann sehr belebend wirken und Sie gewinnen damit Lebensqualität in einer scheinbar ausweglosen Situation.

Jetzt möchte ich Sie einladen, die Situation aus übergeordneter Perspektive zu betrachten. So gesehen hat eigentlich Ihr Chef das Problem. Bei dem von Ihnen beschriebenen Kostendruck im Unternehmen muss er sich wahrscheinlich vor seinem Vorgesetzten rechtfertigen, weil er Sie bezahlt, ohne Ihre Arbeitskraft zu nutzen. Demnach müsste er sehr an einer Lösung interessiert sein. Deshalb könnte ein weiterer Schritt darin bestehen, Ihr Anliegen an die nächste Führungsebene zu adressieren und eventuell auch den Betriebsrat einzubeziehen, der die Interessen aller Mitarbeiter zu vertreten hat.

Mal angenommen, Sie hätten damit Erfolg und würden in Ihre alte Abteilung zurückkehren. Was hätten Sie dort zu erwarten? Welche Aufgaben würden Sie dort übernehmen und wer hat dies während Ihrer Freistellung für Sie erledigt? Würde man Sie mit offenen Armen aufnehmen oder wären Sie dort nach der einjährigen Freistellung bereits ein Fremdkörper? Halten Sie deshalb unbedingt weiterhin Kontakt zu Ihren Kollegen und zeigen Sie Interesse an aktuellen Entwicklungen. So wären Sie bei Ihrer Rückkehr nicht nur gut informiert, sondern können sich auch auf eine gute kollegiale Zusammenarbeit freuen.