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Job & Karriere

Katrin Wilkens

Tipps von der Karriereberaterin Mein Job langweilt mich, aber ich traue mich nicht weg

Katrin Wilkens
Ein Gastbeitrag von Katrin Wilkens
Gisela ist bei der Jobwahl auf Nummer sicher gegangen – und bereut das jetzt. Andererseits will sie ihr sicheres Einkommen nicht gegen verrückte Flausen tauschen. Wie kann sie zufriedener werden?
Einerseits Langeweile, andererseits Angst vor finanziellen Unwägbarkeiten: Wie können Leben und Job wieder interessanter werden?

Einerseits Langeweile, andererseits Angst vor finanziellen Unwägbarkeiten: Wie können Leben und Job wieder interessanter werden?

Foto: Btihal Remli / Moment RF / Getty Images

Gisela, 36 Jahre, fragt: »Ich arbeite seit 13 Jahren in derselben Firma. Schon mein Vater war dort und sagte immer zu mir: Nimm etwas Sicheres, dann kannst du deine verrückten Flausen privat ausleben. Jetzt bin ich Speditionskauffrau und mir schlafen die Füße ein. Aber immer, wenn ich mir eine Spur von Verrücktheit vorstelle, dann betritt mein Vater wie eine Kasperlepuppe das Theater in meinem Hirn und krakeelt: Nimm was Sicheres.Wie kann ich mich davon befreien? Oder soll ich lieber gelangweilt bleiben, dafür aber nicht altersarm?«

Liebe Gisela,

ein wenig erinnert Ihr Leid an die alten Juliane-Werding-Lieder, die in den Achtzigerjahren »Sehnsucht ist unheilbar« sang und dabei die ergebene, buckelnde Frau, gefangen im System, lyrisch pries.

Als sie in den Spiegel sah, eines Morgens, sonderbar, da erkannte sie sich nicht. 30 Jahr´ im Gesicht, ehrlich, doch es passte nicht, weil ihr Herz erst 17 war.

Die Werte, die Sie mit der Muttermilch oder Vaters Ermahnungen aufgesogen haben, sind nicht so leicht abzuschütteln. Fühlen Sie sich befreit, wenn Sie einmal etwas ganz Verrücktes tun – oder haltlos?

Finden Sie Ihre Arbeit inhaltlich langweilig, sodass Sie sich gern weiterbilden würden, beispielsweise zur Verkehrsfachwirtin? Dann stünden Ihnen weitere Optionen für den nächsten Karriereschritt offen. Macht Ihnen die Aussicht auf etwas Neues, aber auch auf noch mehr Arbeit Vorfreude oder Angst? Sind Sie im Moment einfach nur ausgelaugt, sodass eine Kur helfen würde, ein Sabbatical oder, crazy, eine Weltreise? Manchmal hilft es auch, die häuslichen Umstände zu verändern und so Entlastung zu schaffen: Wie wäre es, wenn Sie eine Haushaltshilfe einstellen?

Oder glauben Sie, dass Sie jetzt den kompletten Berufsbruch brauchen, um sich einmal unvernünftig, also lebendig zu fühlen?

Wohl dosierte Aufregung mit Mikro-Abenteuern

Unvernünftige Dinge kann man allerdings auch tun, wenn man sich ein sicheres Korsett bewahrt: verreisen Sie planlos, gehen Sie auf Blind Dates, lesen Sie Bücher, die Sie auf den ersten Blick nicht gekauft, aber empfohlen bekommen haben. Ein neuer Trend, mit dem man Berufsroutinen auch aufweichen kann, sind Mikro-Abenteuer. Wo kann man in seiner eigenen Stadt fremd übernachten? Vielleicht fragen Sie einmal nach einer Firma Ihrer Größe in der Partnerstadt Ihrer Stadt. Könnte man einen Austausch organisieren? Spedition und Mobilität sind ja zwei eng verwandte Geschwister, warum das nicht auch nutzen?

Das tun manche Firmen sogar mit Unterstützung, um einen neuen Weiterbildungs-Impuls zu bekommen, ohne gleich die ganze Stelle infrage stellen zu müssen.

Wenn es dann immer noch nicht reicht, kann man dieses Gefühl in einem kleinen Zuverdienst ausleben. Es gibt hier in Hamburg eine Frau, die backt in ihrer Freizeit Macarons und bietet verschiedene Backkurse zu diesen kleinen Köstlichkeiten an. Das Geld, das sie mit den Kalorienbomben einnimmt, ist die Urlaubskasse fürs nächste Jahr. Sodass sie immer weiß: Nehme ich viel ein, wird es ferner und luxuriöser, nehme ich wenig ein, ist mein täglicher Lebensunterhalt dennoch nicht gefährdet.

Ich sage jetzt nicht, dass Sie Macarons backen sollen, aber sich auf die Suche nach einem bezahlten Hobby zu machen, hilft, den Glaubenssatz »Nimm was Sicheres« mit der Annahme »ich bin nur lebendig, wenn ich etwas Verrücktes tue«, zu versöhnen.

Es ist leichter, die positive Seite eines Glaubenssatzes zu finden und zu ehren, als sich, entgegen seiner Biografie auf die Suche nach etwas völlig Charakter-fremden zu machen – damit scheitern Sie über kurz oder lang, weil es Ihnen nicht entspricht.

Noch immer sah sie sich im Cabrio fahr'n, mit dem Wind im offenen Haar – Sehnsucht ist unheilbar.

Zu Ihrem Trost: Es sind nicht immer die Verrückten, die zufrieden sind.

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