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Leben wie die Zugvögel Mein Schreibtisch am Pool

Wer sagt eigentlich, dass das Homeoffice wirklich zu Hause sein muss? Viele Angestellte und Freiberufler können von überall arbeiten. Die Kanarischen Inseln wollen jetzt gezielt ortsunabhängige Heimarbeiter anlocken.
Von Rainer Müller
Eigentlich würden hier jetzt Urlauber in der Sonne brutzeln – doch weil die Touristen wegen Corona zu Hause bleiben, werden aus Hotelzimmern kleine Büros. Poolblick inklusive.

Eigentlich würden hier jetzt Urlauber in der Sonne brutzeln – doch weil die Touristen wegen Corona zu Hause bleiben, werden aus Hotelzimmern kleine Büros. Poolblick inklusive.

Foto: Christine Bay

Yaiza Castilla hat einen Plan. Wenn er aufgeht, haben alle was davon. 30.000 teletrabajadores, spanisch für »Telearbeiter«, möchte die Tourismusministerin der Kanaren auf die Inseln holen, am liebsten dauerhaft. Zumindest teilweise sollen so die Hotels wieder gefüllt werden, die in Corona-Zeiten vielfach leer stehen. Umgekehrt könnten die von Lockdown und Wintergrau geplagten Laptoparbeiter aus Deutschland, Großbritannien oder anderswo von einem vergleichsweise wenig eingeschränkten Leben unter der Sonne profitieren.

Deutschland macht trübsinnig und unproduktiv

So wie Christine Bay, freiberufliche Grafikdesignerin und Fotografin aus der Nähe von Koblenz. »Reisen ist meine Leidenschaft und dabei habe ich sowieso immer Kamera, Computer und Grafiktablett dabei«, sagt die 30-Jährige, »damit kann ich von überall arbeiten«. Anfang November ist sie nach Gran Canaria geflogen und gestaltet von hier Webseiten, Flyer und andere Werbematerialien für ihre Kunden. »Was soll ich allein zu Hause in meiner Wohnung sitzen? Zu Corona und Kontaktbeschränkungen kommt ja noch der Winter. Da werde ich trübsinnig und unproduktiv.«

Mit 15 anderen Selbstständigen und Angestellten aus halb Europa – darunter Spezialisten für Onlinewerbung und Social Media ebenso wie SAP-Berater, ein Finanzanalyst und eine Psychotherapeutin – wohnt und arbeitet Christine Bay jetzt in einem kleinen Ferienresort in Maspalomas, dessen Bungalows mit Büromöbeln und schnellerem Internet an die Bedürfnisse der Zielgruppe angepasst wurden. Den Pool und den nahen Strand nutzen sie in den Arbeitspausen und als Belohnung oder Motivationshilfe.

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Sonnige Heimarbeit

Foto: Christine Bay

»Pop-up-Co-Living« nennen die Anbieter ihr Angebot im touristischen Süden der Insel und reagieren damit auf die Herausforderungen der Pandemie. Ähnlich wie in deutschen Städten Fahrspuren und Parkbuchten temporär zu Pop-up-Radwegen und Pop-up-Biergärten umgewidmet wurden, dient die Ferienanlage jetzt Fernarbeitern testweise vier Wochen lang als Unterkunft mit Homeoffice.

Jeder hat einen eigenen Bungalow und hält Abstand

»Das Konzept ist klasse«, findet Lars Bornecke, der auch hier wohnt und arbeitet. »Jeder hat seinen eigenen Bungalow mit eigenem Schreibtisch, eigener Küche und eigenem Bad«, zählt der Bonner Maschinenbau-Ingenieur auf. Anders als bei den Co-Working- und Co-Living-Angeboten, die auf den Inseln längst verbreitet sind, kann hier jeder ausreichend Abstand halten. Begegnungen mit den Kollegen auf Zeit finden im Freien statt, am Pool oder der Kaffeestation. »Das fühlt sich unter Corona-Bedingungen einfach sicherer an«, sagt Bornecke.   

Dabei sind die Kanaren aktuell ohnehin eine der sichersten Regionen Europas. Auf dem Archipel liegt der Sieben-Tage-Inzidenzwert seit Monaten unter 50, in der Gemeinde San Bartolomé de Tirajana, zu der Maspalomas gehört, sogar unter 10. Trotzdem bleiben die Touristen aus. Die auf Massentourismus ausgelegten Ferienorte wie Maspalomas und Playa del Inglés sind nahezu ausgestorben. Viele Hotels, Restaurants und Souvenirshops sind geschlossen, manche wohl für immer.

Rückreise in den Corona-Winter? Nicht geplant

80 Prozent der Wirtschaftsleistung und 40 Prozent der Beschäftigung auf den Kanaren hängen direkt oder indirekt am Tourismus. Gut 15 Millionen Gäste kamen noch 2019 nach Gran Canaria, Teneriffa und die anderen Inseln, darunter vor allem Briten und Deutsche. Beide Länder haben die Kanaren zwar zu sicheren Reisezielen erklärt, befinden sich nun aber selbst mitten in der zweiten Welle und schränken das öffentliche Leben und den Flugverkehr ein.  

»Ich bin praktisch mit dem letzten Flieger aus Großbritannien rausgekommen, bevor der Lockdown Reisen unmöglich machte«, sagt Lizzie Clitheroe, die Anfang November von London nach Gran Canaria geflogen ist. Sie leitet die Marketingabteilung eines Start-ups in San Francisco, das Lösungen gegen Internetbetrug und Spam-E-Mails anbietet. »Im März bin ich in die USA gezogen. Eine Woche später kam die Reisesperre für Europäer. Also bin ich schnell nach England zurück und habe von dort gearbeitet. Jetzt eben von den Kanaren.«

Für ein kalifornisches Start-up sind Zoom-Konferenzen natürlich längst kein Neuland, wie für die vielen Arbeitgeber in Deutschland, die jetzt in der Pandemie ihre Zurückhaltung vor ortsunabhängiger Arbeit aufgeben mussten. Wann Lizzie Clitheroe nach Hause fliegt, will sie auch von der Situation in London abhängig machen. Vielleicht bleibt sie für längere Zeit. Genauso wie der Bonner Lars Bornecke, der schon seit vier Jahren auf Gran Canaria lebt und hier für eine Berliner Beratungsfirma Softwareentwicklungs-Teams aufbaut, die aus der Ferne für Kunden in Zentraleuropa arbeiten.

Sein Büro und seine Wohnung hat der 33-Jährige eigentlich in der Inselhauptstadt Las Palmas. Wegen Corona hatte er aber die Kanaren verlassen und ist erst kürzlich aus Deutschland zurückgekehrt. Das Pop-up-Co-Living ist für Bornecke eine Zwischenlösung, über die er nicht unglücklich ist. Am Pool haben sich zufällig neue Kontakte zu Cybersecurity- und PR-Experten ergeben. »Vielleicht entstehen daraus ja neue Projekte, wer weiß?«

Telearbeit ist nachhaltiger als Massentourismus

Es sind solche flexiblen, kreativen und hoch qualifizierten Arbeitnehmer, die das kanarische Tourismusministerium als neue Zielgruppe ins Auge gefasst hat, weil sie oft eine höhere Kaufkraft mitbringen und schnell auf Veränderungen reagieren können. Für Ministerin Yaiza Castilla sind die Kanaren die ideale Alternative zum Homeoffice für alle, die »das ganze Jahr über an einem Ort mit gutem Wetter, guter Internetverbindung und Unterkünften aller Art für Co-Working und Co-Living leben und aus der Ferne arbeiten wollen und dabei eine höhere Lebensqualität genießen.«

Im Idealfall werden die Gäste sesshaft, gründen Firmen und stellen Einheimische ein.

»Das Modell Massentourismus hat 40 Jahre gut funktioniert und viel Geld gebracht – aber auch Umweltprobleme und schlecht bezahlte Servicejobs«, sagt Nacho Rodriguez, der die Idee zum »Pop-up-Co-Living« hatte und die Betreiber des seit März weitgehend leer stehenden Resorts davon überzeugen konnte, etwas Neues auszuprobieren. »Es wird Zeit für die Branche und die Inseln insgesamt, den Fokus von Quantität auf Qualität zu legen«, findet Rodriguez, dessen Unternehmen Repeople unter anderem Co-Livings in Las Palmas betreibt.

Das Tourismusministerium hat sich von Repeople beraten lassen und Ende Oktober eine neue Imagekampagne und Tourismusstrategie verkündet. Die angestrebten 30.000 Remote Worker könnten mit ihrem Gehalt und anderem Nachfrageverhalten eine vielfach größere Zahl fehlender Pauschalurlauber ersetzen und nachhaltigere Effekte haben – so die Hoffnung. Andere glauben daran, dass »nach Corona« alles wieder wird wie früher und die Massen zurückkommen. Der Betreiber des Resorts in Maspalomas hofft noch auf einen normalen Winter, wenn das einmonatige Pop-up-Experiment kurz vor Weihnachten zu Ende geht.

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