Meine Firma, das Irrenhaus Management by Kafka

Umklammerung: Überbordende Bürokratie nimmt vielen Angestellten die Luft und die Lust
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Umklammerung: Überbordende Bürokratie nimmt vielen Angestellten die Luft und die Lust

2. Teil: Warnzeichen: So wittern Sie Chaos, Geiz, Ruppigkeit rechtzeitig


1. Wartezeit

Gut organisierte Unternehmen schicken Ihnen nach Eingang Ihrer Unterlagen einen Zwischenbescheid mit Auskunft, wie das Verfahren weitergeht. Wenn dagegen das Erste, was nach drei bis vier Wochen bei Ihnen eintrudelt, eine Einladung zum Vorstellungsgespräch ist - das womöglich auch noch übermorgen stattfindet -, können das Vorboten von Chaos und mangelnder Empathie gegenüber Mitarbeitern sein.

2. Ton des Briefes

Liest sich die Einladung zum Vorstellungsgespräch einladend? Oder wie eine gerichtliche Vorladung? Werden die Namen und Funktionen der Gesprächsteilnehmer genannt? Und bittet man Sie, bei Rückfragen anzurufen? Wenn nicht, kann der kühle Ton auf ein frostiges Arbeitsklima hinweisen.

3. Anreisekosten

Laut Bürgerlichem Gesetzbuch muss der Arbeitgeber die Anreisekosten des Bewerbers übernehmen. Doch einige Firmen setzen sich darüber hinweg und sagen im Einladungsbrief unverblümt: Wir tragen die Kosten nicht. Die erste Geste gegenüber Ihnen, dem Bewerber, ist also keine ausgestreckte Hand - sondern ein Schlag in die Magengrube. Offenbar zählt ein gesparter Cent mehr als der potenzielle Mitarbeiter. Wenn sich eine Firme in der Flirtphase schon so ruppig zeigt - wie soll das erst werden, wenn Sie eingestellt sind?

4. Gebäude-Innenansicht

Schauen Sie sich das Firmengebäude genau an. Wirkt es von außen modern und hochwertig, aber von innen altmodisch und billig? Solche Differenzen können eine Kluft zwischen Selbstdarstellung und Wirklichkeit signalisieren.

5. Tonlage der Mitarbeiter

Wie wirken die Mitarbeiter, die Ihnen auf den Gängen der Firma begegnen? Sieht man ihnen an, dass sie Spaß an der Arbeit haben? Nickt man Ihnen als Firmenfremdem zu? Oder werden sie - wie in einer Verdachtskultur üblich - misstrauisch als "Eindringling" beäugt? Dann scheint in der Firma ein Klima vorzuherrschen, das die Lebendigkeit und das Wachstum der Mitarbeiter nicht gerade fördert. Wollen Sie sich dieser Trauergemeinde wirklich anschließen?

6. Gehgeschwindigkeit

Achten Sie auf das Tempo, in dem die Mitarbeiter der Firma sich bewegen: Rennen sie über den Flur, als wäre der Teufel hinter ihnen her? Das könnte ein Zeichen für große Hektik sein - und dafür, dass dieser "Teufel" ihr Chef und seine Forke der Termindruck ist. Oder schleichen die Mitarbeiter wie Schlafwandler durch die Gänge? Das könnte von einer depressiven Grundstimmung in der Firma zeugen. Niedergeschlagenheit kann die Gehgeschwindigkeit bis um die Hälfte verlangsamen; das hat eine legendäre Studie in Marienthal am Beispiel von Arbeitslosen nachgewiesen.

7. Pünktlichkeit

Beginnt Ihr Gespräch zur angesetzten Zeit? Oder lässt man Sie warten? Wenn Sie den Besprechungsraum betreten: Sind alle Teilnehmer dort? Oder eilen sie erst jetzt aus allen Himmelsrichtungen zusammen? Auch wenn der letzte Teilnehmer erst während des Gespräches hinzustößt, kann das ein Zeichen für Hektik, für hohen Arbeitsdruck und für mangelnden Respekt Ihnen - also Mitarbeitern - gegenüber sein.

8. Ton gegenüber Untergebenen

Achten Sie genau darauf, ob der freundliche Chef, der Ihnen aus dem Mantel hilft, seinen Mitarbeitern gegenüber genauso auftritt. Wie behandelt er die Sekretärin, die den Kaffee serviert? Bedankt er sich? Beachtet er sie überhaupt? Gerade gegenüber Untergebenen, die im Irrenhaus schon festsitzen, zeigen die Direktoren ihr wahres Gesicht, ohne es selbst zu merken. Jede Unfreundlichkeit, jede kühle Tonlage gibt Ihnen einen Ausblick, was Sie selbst erwartet. Nicht selten ist ein solcher Vorgesetzter keine Ausnahme - sondern das Produkt einer menschenfeindlichen Firmenkultur.


Der Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus Martin Wehrles neuem Buch "Ich arbeite in einem Irrenhaus - vom ganz normalen Büroalltag".



insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
gutgläubiger 12.05.2011
1. Mehrwert?
1. Was hat der erste Teil des Artikels mit dem zweiten zu tun? 2. Nettes Beispiel mit dem Einkauf, doch dazu gibt es zig Gegenbeispiele, die auf Verschwendung herauslaufen. Also bitte differenzieren. Fazit: zu wenig Substanz.
mitleserb 12.05.2011
2. Spannendes Thema
Zitat von sysopBehörden sind für ihre Bürokratie berüchtigt - aber manche Unternehmen sind noch schlimmer. Wer als Mitarbeiter im Klammergriff der Allesverwalter steckt, leidet oft kafkaeske Qualen, warnt Karrierecoach Martin Wehrle. Er verrät aber auch, wie man sich von solchen Arbeitgebern fernhält. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,747851,00.html
Die Prozessorientierung der Unternehmen - so gut sie in manchen Teilen ist - ist in anderen Teilen wiederum hinderlich bis schädlich. Ich habe einige Unternehmen von innen sehen dürfen und gehe aus diesem Blickwinkel davon aus, das die Bürokratie mit steigender Größe (Personalanzahl) zunimmt. ""Bürokratie dient der Kompensation von Inkompetenz und Disziplinmangel" Jim Collins, "Der Weg zu den Besten". Tom DeMarko hat hierzu auch ein sehr spannendes Buch veröffentlicht: "Spielräume", Hanser. Prozesse sollten nicht der Selbstverwirklichung der "Process Owner" dienen und die Unternehmen sind gut beraten, nicht jeden Hype der von den Beratern kommt mitzumachen. Governance muss sein, aber mit Augenmaß.
nervmann 12.05.2011
3. Irrenhäuser
Zitat von sysopBehörden sind für ihre Bürokratie berüchtigt - aber manche Unternehmen sind noch schlimmer. Wer als Mitarbeiter im Klammergriff der Allesverwalter steckt, leidet oft kafkaeske Qualen, warnt Karrierecoach Martin Wehrle. Er verrät aber auch, wie man sich von solchen Arbeitgebern fernhält. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,747851,00.html
Genau so ist es. Aber, woran liegt es? Hat jemand einen Tipp?
cokommentator 12.05.2011
4. .
Zitat von nervmannGenau so ist es. Aber, woran liegt es? Hat jemand einen Tipp?
Ursprünglich lag es vermutlich daran, dass die eingesetzte Datenverarbeitung nicht in der Lage war, verschiedene Prozesse gleichzeitig zu begleiten. Da gleichzeitig die Firmen zu groß wurden, konnten die Manager die vielen unterschiedlichen Daten nicht mehr auswerten. Jedenfalls nicht auf allein einem DIN A4-Blatt. Also mußte alles auf wenige Daten runtergebrochen werden. Das Verfahren wurde dann, wie immer und überall, auf alle Prozesse und alle Ebenen ausgedehnt.
roterschwadron 12.05.2011
5. Prost Irrenhaus
Zitat von nervmannGenau so ist es. Aber, woran liegt es? Hat jemand einen Tipp?
Am besten Herrn K. persönlich aufsuchen und befragen. Oder einen Strohrum einschleifen.
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