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Carmen Michaelis

Tipps von der Karriereberaterin Ich kann bei meinen Freunden nicht Nein sagen

Carmen Michaelis
Ein Gastbeitrag von Carmen Michaelis
Ein Gastbeitrag von Carmen Michaelis
Ferdi hat als Physiotherapeut alle Hände voll zu tun und immer wieder bitten ihn Freunde, ihre akuten Beschwerden nach Feierabend zu behandeln. Wie kann er sich weigern, ohne die Freundschaft zu gefährden?
Wenn die eigenen Kräfte schwinden, ist es Zeit, Stopp zu sagen (Symbolbild)

Wenn die eigenen Kräfte schwinden, ist es Zeit, Stopp zu sagen (Symbolbild)

Foto: Maskot Bildbyrå / Maskot / Getty Images

Ferdi, 42 Jahre, fragt: »Ich bin Physiotherapeut und habe seit einigen Jahren eine kleine Praxis für Osteopathie. Inzwischen läuft sie sehr gut, ich habe Wartezeiten von etwa vier Wochen. Immer wieder melden sich jedoch Bekannte oder Freunde, meist mit großen Schmerzen, wollen nur mal schnell vorbeikommenund bitten, dass ich sie dazwischenschiebe. Ich habe jetzt ein paar Mal auch am Samstag und abends gearbeitet, aber das erschöpft mich sehr. Ich brauche mental wie körperlich einfach Zeiten der Regeneration. Wie sage ich Menschen ab, die ich kenne und die Hilfe brauchen?«

Zur Autorin

Carmen Michaelis war zehn Jahre Führungskraft in einem Unternehmen, zuletzt stellvertretende Geschäftsführerin. Seit 2004 arbeitet sie selbstständig als Coach, Trainerin und Moderatorin für Unternehmen. E-Mail an karriere.leserpost@spiegel.de schreiben   Stichwort Carmen Michaelis 

Lieber Ferdi,

herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Erfolg! Sicher hat der Weg bis dahin viel Kraft gekostet und Ihr Beruf verlangt Ihnen ohnehin psychisch und physisch viel ab. Wäre ich eine Freundin von Ihnen, würde ich mich bei Beschwerden sicher an Sie wenden, denn ich wüsste, ich bin in den besten Händen. Nun haben Sie sich offensichtlich entschieden, dass es so nicht weitergehen kann. Die beste Voraussetzung, um etwas zu verändern, denn manchmal muss uns erst der Körper sagen, dass es so nicht weitergeht. Eine Weisheit formuliert es so treffend: »Sag Du es ihm«, sagt die Seele zum Körper, »auf mich hört er nicht!«

Sie möchten wissen, wie Sie am besten absagen. Der für Sie stimmigen Formulierung einer Absage gehen zwei Dinge voraus, mit denen Sie sich auseinandersetzen sollten, um dem Ganzen etwas auf den Grund zu gehen. Zum einen Ihr Beweggrund, die Bedürfnisse anderer vor Ihre eigenen zu stellen. Zum anderen die Form Ihrer Selbstfürsorge.

Zu Ihrem Beweggrund: Wir alle handeln nach einer Grundüberzeugung, die wir uns bereits in der Kindheit angeeignet haben und die sich im Laufe des Erwachsenwerdens festigt. Wir leiten daraus unsere individuellen Regeln und Verhaltensweisen ab. Sie prägen unser Tun und Lassen und sind so stark verinnerlicht, dass sie uns oft gar nicht bewusst sind. Die Transaktionsanalyse spricht vom sogenannten »inneren Antreiber«, der das persönliche Motto darstellt, nach dem wir leben und arbeiten. Ein dort formulierter Antreiber heißt: »Mach es allen recht«. Menschen mit diesem Antreiber werden wie folgt beschrieben: immer freundlich und hilfsbereit. Die anderen zählen immer mehr als man selbst. Eigene Bedürfnisse werden nicht ernst genommen. Immer dafür verantwortlich, dass die anderen sich wohlfühlen. Es fällt schwer, Nein zu sagen, denn gemocht zu werden ist wichtiger, als eigene Interessen durchzusetzen.

Erkennen Sie sich da wieder? Wenn es so ist, kann Ihnen ein »Erlauber« helfen, dem inneren Antreiber nicht immer nachzugeben. So könnte er lauten: »Meine Wünsche und Bedürfnisse darf ich ebenso wichtig nehmen wie die anderer.« Oder: »Ich darf auch Nein sagen.«

»Nur mal schnell« ist eine Geringschätzung Ihrer Arbeit

Ich bin mir sicher, wenn Sie aus dieser Haltung heraus Freunden eine Absage erteilen, werden Sie auf Verständnis stoßen. Möglicherweise wissen Ihre Freunde nicht um den Wert und Aufwand Ihrer Arbeit sowie Ihrer hohen Belastung? Dann ist es Zeit, beides offensiv zu verkünden. Ebenso, dass »nur mal schnell« und »dazwischenschieben« eine Geringschätzung Ihrer Arbeit darstellt. Beschreiben Sie Ihrem Freundeskreis, was Ihre Arbeit ausmacht und was es Sie kostet.

Im Umgang mit dem eigenen Antreiber geht es darum, sich bewusst zu werden, wo er hilfreich und wo er hinderlich ist, und Anpassungen in Ihrem Verhalten vorzunehmen. Das gilt sowohl in Bezug auf Ihre Arbeit und auch mit Blick auf Ihr Wohlergehen.

Dazu ist es nötig, dass Sie Ihre Bedürfnislage kennen und wissen, was Ihnen guttut. Machen Sie eine Liste all der Dinge, die Ihnen körperlich und geistig bei der Regeneration helfen können. Greifen Sie auch auf Altbewährtes zurück, für das Sie sich bisher keine Zeit genommen haben. Machen Sie sich zudem klar, was Freundschaft und ein Freundschaftsdienst bedeuten. Sie können für Ihre Freunde zu anderen Zeiten und für andere Dinge da sein: ein gutes Gespräch, ein gemeinsames Essen, ein Sportdate. Es ist auch erlaubt, sich einmal zu fragen, was diese Personen für Sie tun. Freundschaft ist ein Geben und Nehmen, das eine gute Balance braucht.

Kurze Begründung – keine Rechtfertigung

Formulieren Sie aus Ihren Erkenntnissen einige Prinzipien, die Ihnen helfen, Absagen mit Nachdruck zu formulieren. Hier einige Anstöße:

  • Am Wochenende arbeite ich grundsätzlich nicht. Ich regeneriere, damit ich meine Patienten in der Woche optimal behandeln kann.

  • Ich nehme in der Woche Patienten nur bis um … Uhr an. Danach ist der Kalender geblockt. Tragen Sie persönliche Aktivitäten wie Sport, Meditation, Essen als Termine ein.

  • Ich behandle niemanden mehr zwischendurch.

  • Abends und am Wochenende schalte ich mein Telefon auf die Mailbox.

  • Ich unterscheide zwischen Freunden und Bekannten. Bekannte erhalten grundsätzlich die Nummer von Kolleg:innen. Sagen Sie sich: Hilfe brauchen, heißt nicht, dass sie meine Hilfe brauchen.

All das schützt Sie jedoch nicht davor, auch mal deutlich Nein sagen zu müssen. Menschen gehen, wenn sie Probleme haben, gern den leichtesten und schnellsten Weg. Aus deren Sicht verständlich, für Sie jedoch keine Zwangsläufigkeit, aktiv werden zu müssen. Beobachten Sie einmal an sich selbst, wie einladend Sie sich verhalten, zum Beispiel, indem Sie emphatisch nachfragen.

Grundsätzlich gilt: Das Nein muss nicht explizit so ausgesprochen werden. Ein Nein soll höflich und respektvoll formuliert sein, vielleicht mit einer kurzen Begründung und ohne Rechtfertigung. Formulieren Sie Ihr Nein möglichst in einem Satz und schweigen Sie dann. So ist es ein klares Statement, das keinen Raum für Diskussion lässt.

So können Sie Nein sagen

Hier einige Vorschläge, wie Sie Ihr Nein formulieren können:

  • Ich kann dich heute nicht behandeln, mein Kalender ist voll.

  • Es geht leider nicht, meine heutigen Patienten kommen alle mit akuten Beschwerden.

  • Ich bin schon voll ausgebucht und kann keinem meiner anderen Patienten absagen.

  • Für die Behandlung brauche ich Zeit, und die habe ich leider nicht.

  • Ad hoc geht es nicht. Hol dir gern einen Termin, dann nehme ich mir die Zeit, deinen Beschwerden auf den Grund zu gehen.

  • Ich arbeite am Wochenende generell nicht mehr.

  • Ich gebe dir gern die Adressen einiger guten Kolleg:innen.

  • Ich kann mir vorstellen, dass es drängt. Ich habe Wartezeiten von vier Wochen und du kannst dir vorstellen, was bei mir los.

Schauen Sie, was bei den Aussagen zu Ihnen passt und stellen Sie Ihr Nein dann individuell zusammen. Sollten Sie sich dafür entscheiden, Ihre Erreichbarkeit einzuschränken und die Mailbox zu nutzen, haben Sie Zeit, die Absage und sich in Ruhe vorzubereiten.

Lieber Ferdi, denken Sie daran, dass jede Absage leichter wird und Ihnen und Ihren regulären Patienten zugutekommt. Und wenn Sie schon etwas dazwischenschieben, dann höchstens ein Päuschen. Ihnen alles Gute!