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Streitpunkt Meisterpflicht "Für einen einzelnen Wasserhahn wird kein Klempner mehr kommen"

Von Jonas Kuckuk und Hans Peter Wollseifer
Ab kommendem Jahr gilt für zwölf Handwerksberufe wieder die Meisterpflicht. Kritiker glauben, dass das den Fachkräftemangel verstärken wird - die Befürworter sind vom Gegenteil überzeugt.
Foto: Ole Spata/ DPA

Es trifft Raumausstatter genauso wie Glasveredler, Orgelbauer und Holzspielzeugmacher: Mit Beginn des kommenden Jahres müssen sie einen Meistertitel nachweisen, wenn sie einen eigenen Betrieb gründen wollen. Das hat der Bundestag vor Kurzem beschlossen.

Im Jahr 2004 war in 53 Berufen die Meisterpflicht weggefallen. Mit der Reform der Handwerksordnung wollte die Bundesregierung damals einfachere Tätigkeiten für Selbstständige öffnen. Bis dahin durften diese Betriebe nur von ausgebildeten Handwerksmeistern geführt werden. Nun wird diese Regelung für zwölf Gewerke rückgängig gemacht.

Drechslermeister an einer Drehbank: "Der Meister ist das 'Wertpapier' des Handwerks"

Drechslermeister an einer Drehbank: "Der Meister ist das 'Wertpapier' des Handwerks"

Foto: Claudia Drescher / DPA

Wie sich die umstrittene Änderung auswirken wird, darüber spekulieren Experten zurzeit - und kommen zu ganz unterschiedlichen Ansichten. Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, meint: "Der Meister ist das 'Wertpapier' des Handwerks." Jonas Kuckuk vom Berufsverband der freien Handwerkerinnen und Handwerker dagegen sagt: "Der Fachkräftemangel wird sich verstärken."

Aufgezeichnet von Lisa Duhm

Pro


Hans Peter Wollseifer

"Frankreich sucht derzeit im ganzen Land nach Handwerkern, um Notre-Dame wieder aufzubauen. Das Geld für die Instandsetzung ist da, doch es gibt kaum Menschen, die alte Handwerkstechniken noch beherrschen. Und ohne die geht es nicht. In Deutschland sorgen wir mit dem Meistertitel dafür, dass das Wissen auch in traditionellen Berufen an nächste Generationen weitergegeben wird. Damit bewahren wir unsere Kulturgüter für die Zukunft.

Foto: Werner Schüring

Das Hauptargument für die Meisterpflicht ist aber ein anderes. Wir wollen, dass die Arbeit unserer Handwerker weiterhin hohe Qualität hat. Das geht nur, wenn die Ausbildung entsprechend hochwertig ist. Dafür steht der Meister.

Wir brauchen neue Generationen von Meistern, die ausbilden und die so sicherstellen, dass es auch künftig noch ausreichend Fachkräfte mit fundiertem handwerklichen Know-how gibt. In den Meisterkursen lernen Handwerker alles, was man zur Führung eines eigenen Betriebs wissen muss - auch wie man junge Menschen in den Fertigkeiten ausbildet.

In diesem Jahr ist die Zahl der Auszubildenden im Handwerk nach Jahren mit einem leichten Anstieg erstmals wieder gesunken, auch weil nicht mehr so viele Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden müssen. Nur wenn wir es schaffen, das Image des Handwerks wieder aufzuwerten und bei jungen Menschen die vielen Karrieremöglichkeiten bekannt zu machen, werden wir an den Ausbildungszahlen etwas ändern. Schon jetzt machen Betriebe vieles, um die Ausbildung attraktiv zu gestalten.

Auch hier hat der Meisterbrief eine wichtige Funktion: Denn wie soll ich junge Menschen für einen Beruf begeistern, wenn sie glauben müssen, Kenntnisse und Fertigkeiten sind nicht wichtig? Wie soll ich ihnen erklären, dass die Ausbildung für diesen Beruf etwas wert ist, wenn einfach jeder ohne jeglichen Qualifikationsnachweis ihn ausüben darf? Der Meisterbrief ist das 'Wertpapier' im Handwerk, das Qualität, erfolgreiche Qualifizierung und meisterliches Können belegt. Den Fachkräftemangel können wir nur lösen, wenn wir weiter auf den Meister setzen.

Kritiker werfen uns oft vor, wir wollten den Meistertitel nur, um die Konkurrenz auf dem Markt gering zu halten. Das Argument zieht nicht. Schon jetzt ist es auf ganz unterschiedlichen Wegen möglich, einen Betrieb auch ohne Meistertitel zu führen - etwa über die sogenannte Altgesellenregelung, wenn man also langjährige Berufserfahrung vorweisen kann.

Die Betriebe, die seit Abschaffung der Meisterpflicht gegründet wurden, haben übrigens alle Bestandsschutz. Sie dürfen also weiter arbeiten."

Kontra

Jonas Kuckuk

"Mir war schon mit 14 klar, dass ich keine Ausbildung machen will. Diese hierarchische Struktur zwischen Meister, Gesellen und Lehrling fand ich fürchterlich. Heute bin ich 53 Jahre alt und habe weder eine Ausbildung gemacht noch studiert. Trotzdem arbeite ich als Reetdachdecker und kann gut davon leben.

Foto: Privat

Mein Beispiel zeigt: Um ein guter Handwerker zu sein, braucht man keinen Meister. Wer diese Pflicht einfordert, will in Wahrheit künstlich den Markt verknappen. Denn nur, wer einen Meistertitel trägt, darf in Deutschland seinen eigenen Betrieb eröffnen und auch ausbilden. Ich würde das zwar auch gern tun, darf es aber trotz jahrelanger Berufserfahrung ohne den Titel nicht.

An den Strukturen von damals hat sich nichts geändert. Noch immer leben einige Meister ihre Macht gegenüber ihren Angestellten gern aus. Das passt aber nicht in die moderne Arbeitswelt. Für junge Menschen, die heute viele alternative Berufsoptionen haben, ist eine Ausbildung deshalb häufig unattraktiv. Das Handwerk muss sich nicht wundern, wenn es keinen Nachwuchs findet.

Das Argument, dass ohne Meisterpflicht nicht mehr ausgebildet würde, ist deshalb auch hinfällig. Die Ausbildungszahlen im Handwerk sinken seit Jahren. In den Berufen, für die die Meisterpflicht 2004 abgeschafft wurde, gab es keine Verstärkung dieses Trends. Wer etwas daran ändern will, dass wir immer weniger Azubis haben, muss etwas an den Arbeitsbedingungen und am Image des Handwerks ändern - und nicht die Berufsfreiheit durch die Wiedereinführung der Meisterpflicht einschränken.

Der Fachkräftemangel wird sich durch diese Entscheidung nur verstärken. Auf einem künstlich klein gehaltenen Markt gibt es weniger Konkurrenz, für die Meister ist das natürlich angenehm und schafft Sicherheit. Die Kosten dafür trägt der Verbraucher: Die Preise für Handwerksleistungen werden durch die Novelle steigen, die Wartezeiten noch länger werden.

Und wer nur einen kleinen Auftrag zu vergeben hat, wird das Nachsehen haben: Für einen einzelnen Wasserhahn wird kein Klempner mehr zum Kunden kommen."

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