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SPIEGEL-Umfrage Hat #MeToo für Sie schon etwas verändert?

Ein Jahr #MeToo: Menschen debattieren seither viel über Sexismus am Arbeitsplatz, im Privaten. Doch ändert sich dadurch etwas? Eine Umfrage des SPIEGEL fällt ernüchternd aus. Leserinnen und Leser berichten, was sie erleben.
Foto: Frank May/ dpa

Eine SPIEGEL-Leserin, ein SPIEGEL-Leser, zwei Stimmen zu #MeToo:
"In meinem Berufsfeld, der Geisteswissenschaft, hat sich durch #MeToo wenig verändert", berichtet die Leserin. Sexismus, vor allem das Abstreiten intellektueller Kompetenz von Frauen, komme weiterhin häufig vor. "Das passiert vor allem unter Kolleginnen und Kollegen auf derselben Karrierestufe, nicht zuletzt aufgrund der hohen Konkurrenz auf dem wissenschaftlichen Arbeitsmarkt."

"Insbesondere Männer in Führungsposition verhalten sich erkennbar anders", meint der Leser, Chef einer Unternehmensberatung. "Einzelgespräche mit einer Frau werden gemieden oder finden grundsätzlich in verglasten Räumen statt." Er selbst behandle Frauen im Beruf "stets distanziert als Neutrum". Persönliche Komplimente an Frauen leiste sich in seinem Umfeld keine Führungskraft unter 60 Jahren.

Sexismus, Machtmissbrauch, sexuelle Belästigung: Seit einem Jahr berichten Menschen weltweit unter dem Hashtag #MeToo über ihre Erlebnisse am Arbeitsplatz und im Privatleben. Medien, auch der SPIEGEL, griffen die Diskussion auf.

Anlass für den globalen Aufschrei waren Dutzende Vorwürfe wegen Vergewaltigung und sexueller Belästigung gegen den Hollywoodproduzenten Harvey Weinstein, der seither privat wie beruflich erledigt ist und sich nun vor Gericht verantworten muss. Es folgten Anschuldigungen gegen andere Prominente wie Kevin Spacey, zum Teil mit ebenfalls deutlichen Konsequenzen.

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Was bedeuten die Debatte und deren Auswirkungen für die Gesellschaft? Hat #MeToo zu einem besseren Umgang miteinander am Arbeitsplatz und im Privaten geführt? Der SPIEGEL hat dazu in Kooperation mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey eine repräsentative Umfrage durchgeführt, die seit dem 27. September …mehr als 5000 Menschen beantwortet haben.

Das Ergebnis: Für gut die Hälfte der Befragten hat die #MeToo-Debatte keine konkreten Verbesserungen bewirkt. Und das, obwohl zwei Drittel der Deutschen die Diskussionen an sich als positiv empfunden haben, wie eine andere SPIEGEL-Umfrage gezeigt hat.

18 Prozent der Teilnehmer gaben an, am Arbeitsplatz weniger sexuelle Belästigung zu bemerken. Nur rund zehn Prozent berichten von weniger Belästigung im privaten Umfeld. Ob die Befragten zuvor oft oder nur selten mit diesem Problem konfrontiert waren, geht aus der Umfrage nicht hervor.

Frauen und Männer nehmen die Debatte über sexuelle Belästigung in der Gesellschaft allerdings unterschiedlich wahr. Umfragen zeigen, dass deutlich mehr Männer als Frauen der Ansicht sind, über dieses Thema werde zu viel gesprochen.

Umso überraschender ist, dass das Geschlecht die persönliche Wahrnehmung, ob die #MeToo-Debatte eine Veränderung bewirkt hat, offenbar nicht signifikant beeinflusst: Dass die Diskussionen die Dinge zum Positiven gewendet haben, bejahen etwa gleich viele Frauen und Männer.

Das Alter macht bei der Bewertung hingegen sehr wohl einen Unterschied: Jüngere Menschen zwischen 18 und 39 Jahren antworteten tendenziell häufiger, dass die #MeToo-Debatte eindeutig keine Verbesserung bewirkt habe.

Allerdings bedeutet das im Umkehrschluss nicht, dass ältere Befragte häufiger eine positive Entwicklung wahrnahmen. Bei ihnen war lediglich der Anteil der unentschiedenen Befragten größer.

Der SPIEGEL hat Leser auch nach ihren persönlichen Erlebnissen seit Beginn der Debatte gefragt. Die Zuschriften waren divers: Manche schrieben von mehr Respekt und einem sensibleren Miteinander - andere von noch mehr abfälligen Bemerkungen.

So beobachtet eine Leserin: "Männer finden es jetzt sogar noch lustig, ihrem unangemessenen Verhalten ein schuldunbewusstes 'Darf man das überhaupt noch?' hinterherzuschieben."

Eine andere Leserin vermutet, dass bewusste Belästigung seit Beginn der Debatte sogar eher zugenommen habe: "Respektlose Menschen betrachten #MeToo als lächerlich, halten die Berichte für übertrieben und erfunden und wollen es den Frauen 'jetzt erst recht' zeigen."

Sie beobachtet allerdings auch eine erfreuliche Entwicklung: "Viele Menschen, vor allem auch Männer, reagieren inzwischen sensibler darauf, wenn sie eine Belästigung mitbekommen, und schreiten schneller ein. Wahrscheinlich, weil sie Belästigungen inzwischen auch als solche erkennen."

Für einige ist #MeToo auch persönlich erleichternd. Eine Leserin schreibt, sie habe sich stets deutlich gegen sexuelle Übergriffe gewehrt und deshalb den Ruf gehabt, "prüde und zickig" zu sein. "#MeToo ist meine späte Genugtuung: Ich hatte recht mit meinem Verhalten, es waren die anderen, die falsch lagen, auch wenn ich mit dieser Haltung fast mein ganzes Leben lang ziemlich allein dastand. Falsch lagen sowohl Männer, die übergriffig waren, als auch Frauen, die über mich lachten, weil ich mir nicht gefallen ließ, was sie ertrugen."

Wer steckt hinter Civey-Umfragen?

Zur Erhebung seiner Umfragen schaltet die Software des Unternehmens Civey Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.