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Mitarbeiterführung Microsoft kippt Bewertung von "Minderleistern"

Gerade hat Yahoo die unangenehmste Form von Mitarbeiterbewertung eingeführt, da schafft Rivale Microsoft sie ab. Es ist Schluss mit ungerechter Notenvergabe und anschließender Entlassung. Großzügige Boni soll es weiter geben, aber keine Quoten für vermeintliche Minderleister.
Von Julia Graven
Konkurrenz als Strukturprinzip: Die Kultur bei Microsoft könnte sich wandeln

Konkurrenz als Strukturprinzip: Die Kultur bei Microsoft könnte sich wandeln

Foto: Manu Cornet

Ist es purer Zufall oder Agenda Setting, also geschicktes Themensurfen zugunsten des Unternehmensrufs? Während Yahoo-Chefin Marissa Mayer soeben mit ihrem Mitarbeiterbewertungssystem öffentlich und intern Kritik einfährt, verkündet Microsoft praktisch gleichzeitig das weltweite Aus für sein ebenfalls sehr umstrittenes Mitarbeiter-Ranking.

Eine E-Mail dazu von Microsoft-Personalchefin Lisa Brummel ging gestern an alle 94.000 Mitarbeiter des Software-Konzerns. Mit dem straffen Wettbewerbssystem unter den Angestellten ist Schluss; ab sofort werde mehr Wert auf Teamwork gelegt, schreibt Brummel. Das kommt einer Kulturrevolution gleich, schließlich hatte das alte Bewertungssystem dazu geführt, dass Teamkollegen eher gegeneinander als miteinander agierten.

Die E-Mail von Personalchefin Brummel erreichte auch die rund 2700 deutschen Beschäftigten von Microsoft. "Wir freuen uns", sagte Heiko Elmsheuser, Leiter der Unternehmenskommunikation, auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. "Es werden viele Punkte adressiert, die in der letzten Zeit für Unmut gesorgt haben."

Die wichtigste Neuerung dürfte viele Microsoft-Mitarbeiter aufatmen lassen: Es gibt keine Ratings mit festgelegten Quoten mehr. Das bedeutet das Ende für die Gaußsche Normalverteilung, nach der es in großen Gruppen viele mittelmäßige sowie jeweils wenige herausragende und leistungsschwache Mitglieder gibt.

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Statistik vs. "Minderleister": Yahoo führt Forced Rankings ein, Microsoft schafft sie ab

Foto: Stephen Brashear/ Getty Images

Bisher setzte Microsoft bei der regelmäßigen Leistungsbewertung auf das sogenannte Stack Racking, das in anderen Unternehmen als Forced Ranking bekannt ist: Innerhalb eines Teams musste es einen festen Prozentsatz von Top-Leuten, Normalsterblichen und eben auch "Minderleistern" geben - egal, wie gut das Team insgesamt und die einzelnen Mitarbeiter im Arbeitsalltag wirklich waren. Selbst, wenn ein Chef mit allen zehn Leuten im Team höchst zufrieden war: Er war gezwungen, vermeintliche "Minderleister" zu identifizieren und zu nennen. Einer war also immer der Loser. Die Normalverteilung muss eingehalten werden, so lautete die Vorgabe von ganz oben.

Einer ist immer der Loser

Ist das legitim im Sinne eines leistungsfähigen Unternehmens - oder unklug, ungerecht und am Ende "Gift für das Arbeitsklima", wie der Managementexperte Reinhard K. Sprenger das "Fallbeil der Quotierung" kritisiert? Yahoo hat ein derart rigides Beurteilungssystem unter der Regentschaft von Konzernchefin Mayer just eingeführt, Rivale Microsoft steigt dagegen aus. Das Fachblatt "Human Resources Manager"  sieht erheblichen Nachhall eines Artikels über Microsoft im vergangenen Jahr: "Jeder aktuelle oder frühere Microsoft-Mitarbeiter, den ich interviewte - wirklich jeder - nannte das Stack Ranking als den zerstörerischsten Prozess innerhalb von Microsoft, etwas, das unzählige Mitarbeiter weggetrieben hat (…) Es führt zu Mitarbeitern, die sich mehr auf den Wettbewerb untereinander konzentrieren als auf den Wettkampf mit anderen Unternehmen", schrieb der Autor Kurt Eichenwald im Magazin "Vanity Fair".

Zudem kann die langfristige Team-und Firmenleistung sinken, wenn für Mitarbeiter der kurzfristige Erfolg viel stärker zählt und sich auch in Form von Zulagen auszahlt - während sie bei der zweiten negativen Bewertung weg sind vom Fenster. "Wir werden weiterhin ein großzügiges Bonusbudget haben, aber es wird keine vorab festgelegten Verteilungsschlüssel geben", schreibt Brummel.

Zudem sollen die bislang einheitlichen Bewertungsintervalle individualisiert werden, angepasst an den Arbeitsrhythmus der einzelnen Abteilungen. Mitarbeiter sollen also nicht bewertet werden, weil gerade das Quartal endet, sondern weil sie zum Beispiel ein Projekt abgeschlossen haben: "Unsere Geschäftszyklen haben sich beschleunigt, und unsere Teams haben unterschiedliche Abläufe. Unser neues System wird sich daran anpassen."

Heftiger Druck auf "Underperformer"

Was Brummel nicht anspricht: Das alte Bewertungssystem wirkte sich nicht nur auf den Bonus aus, es konnte auch in einem Aufhebungsvertrag enden. Wer schlechte Bewertungen bekam, geriet als Underperformer unter besondere Beobachtung und musste um den Job bangen. Zwar bot Microsoft Unterstützung, Coachings und Fortbildungen an, doch die ständigen Zielvereinbarungen und Berichte konnten auch mürbe machen. Etliche langjährige Mitarbeiter fühlten sich nicht aufgemuntert, sondern auf der Abschussliste. Die Folge: massiver Stress, wenig Motivation und oft genug eine Entwicklung in Richtung Burnout.

Weg also mit den starren Feedback-Intervallen - stattdessen wolle man sich stärker an den Arbeitsabläufen der einzelnen Bereiche orientieren, verspricht Microsoft. Die neue Flexibilität soll auch den Konzernumbau im Rahmen des "Microsoft-One"-Programms unterstützen.

Allerdings, schreibt Brummel, wolle Microsoft weiterhin an leistungsbezogenen Prämien festhalten. Und da es nur ein bestimmtes Budget für Löhne und Prämien gebe, müsse man auch weiterhin Entscheidungen treffen, wer wie viel bekomme. Der neue Ansatz solle es den Führungskräften aber leichter machen, Prämien entsprechend der individuellen Leistungen zu verteilen, gerechter also und weniger willkürlich.

Der deutsche Unternehmenssprecher Heiko Elmsheuser ist erst einmal froh, dass auch für ihn Schluss ist mit der Notenverteilung an seine Mitarbeiter. Details über die neue Art der Mitarbeiterbewertung in Deutschland seien noch unklar. Nun werde es erst einmal Gespräche mit dem Betriebsrat geben, sagt er. Ziel sei eine neue Betriebsvereinbarung.

KarriereSPIEGEL-Autorin Julia Graven (Jahrgang 1972) ist freie Wirtschaftsjournalistin in München.