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Mindestlohn für Azubis Plädoyer gegen die Tarifflucht

Auszubildende sollen bald einen Mindestlohn bekommen. Doch der Gesetzentwurf hat eine entscheidende Schwäche: Nicht die Azubis sind die Gewinner, sondern die Gewerkschaften. Die müssen sich jetzt einsetzen.
Demonstration in Hamburg (Symbolbild)

Demonstration in Hamburg (Symbolbild)

Foto: Markus Scholz/ dpa

Waschen, schneiden, föhnen für 200 Euro. Was Ihnen vielleicht teuer vorkommt, ist für eine angehende Friseurin in Sachsen Realität. Denn es geht hier nicht um den Preis, den Sie für Ihren neuen Schnitt samt Kopfmassage und Föhnfrisur hinblättern sollen. Sondern um den Monatslohn, den die Auszubildende im ersten Lehrjahr erhält .

Zu wenig, findet Bundesbildungsministerin Anja Karliczek. Sie hat am Mittwoch einen Gesetzentwurf durchs Kabinett gebracht, der für Azubis eine sogenannte Mindestvergütung vorschreibt. 515 Euro sollen Auszubildende ab 2020 im ersten Lehrjahr bekommen. Im zweiten kommen 18 Prozent drauf, im dritten 35. So werde "dem steigenden Beitrag Auszubildender zur betrieblichen Wertschöpfung spürbar Rechnung getragen", heißt es aus dem Ministerium.

Denn Azubis lernen zwar noch, sind aber in den Betrieben bereits eine wichtige - und bisher oft billige - Arbeitskraft. Sie leisten häufig Überstunden und kümmern sich gerade im ersten Ausbildungsjahr oft um die Drecksarbeit,wie diese angehende Friseurin erzählt.

Diese Arbeitskraft ist aus Sicht des Handwerks nun in Gefahr. Besonders in Ostdeutschland, wo die Löhne für Azubis oft deutlich niedriger sind als im Westen, würden kleine Betriebe durch den Mindestbetrag stark belastet.

Dieses Argument wurde bereits durch den Mindestlohn widerlegt. Die Wirtschaft ist nach der Einführung der Lohnuntergrenze entgegen allen Befürchtungen nicht kollabiert. Allerdings gab es hier Übergangsfristen, etwa für das Friseurhandwerk. Mittlerweile wird aber auch dort der Mindestlohn von zurzeit 9,19 Euro gezahlt. Die Ausbildungsvergütung ist im Vergleich ein Dumpinglohn.

Tarifvertrag steht über dem Gesetz

Doch die Angst bleibt: Die Betriebe würden nicht mehr ausbilden, so befürchtet etwa der Sächsische Handwerkstag - und verlieren die Jugend an den Westen.

Allerdings wird der eine oder die andere wohl schon heute abwandern. Bekommt die angehende Friseurin in den westdeutschen Bundesländern doch mehr als das Doppelte: 498 Euro beträgt die Vergütung im ersten Ausbildungsjahr  dort durchschnittlich.

Die großen Unterschiede in der Bezahlung sind ein Grund für den Entwurf. Werden die Differenzen zu groß, muss die Politik eine Untergrenze einziehen, so die Idee des Gesetzes.

Die Krux: Die Bundesregierung will in die Tarifhoheit nicht eingreifen. Gibt es einen Tarifvertrag, der wie beim Beispiel Sachsen 200 Euro im ersten Lehrjahr vorsieht, steht der über dem Gesetz.

Der Nachwuchsmangel ist hausgemacht, sagt Ver.di

Einen positiven Nebeneffekt aber hat der Entwurf dennoch: Er ist ein Argument gegen die Tarifflucht. Und damit ein Plädoyer für die Stärkung der Arbeitnehmerrechte. Denn immer mehr Betriebe verabschieden sich aus dem Tarif, wie das WSI-Tarifarchiv der Hans-Böckler-Stiftung jüngst analysiert hat .

Waren Mitte der Neunzigerjahre in Westdeutschland noch 60 Prozent und in Ostdeutschland 44 Prozent der Betriebe tarifgebunden, waren es Stand 2017 nur noch 29 Prozent im Westen und 20 Prozent im Osten. Bei der Ausbildung wird der fehlende Tarifvertrag damit zum Nachteil: Denn gibt es keinen, gelten automatisch die 515 Euro Mindestlohn.

Gibt es bereits einen Vertrag, der wie etwa bei Sachsens Friseur-Azubis deutlich unter der Mindestvergütung liegt, haben die Gewerkschaften mit der Mindestvergütung ein zusätzliches Argument parat. Denn legen die Arbeitgeberverbände nicht noch Geld drauf, bliebe immer noch die Kündigung.

Unternehmen profitieren im Übrigen von einer guten Bezahlung der Azubis. Denn gut qualifizierte Jugendliche haben angesichts der vielen unbesetzten Lehrstellen mittlerweile die Wahl. Das Friseurhandwerk spürt das bereits: Die Bewerberzahlen sind zuletzt noch mal um knapp fünf Prozent gesunken . Der Nachwuchsmangel, sagt die Gewerkschaft Ver.di, ist hausgemacht.

Doch diese Entwicklung lässt sich aufhalten: Wenn Azubis gut behandelt und fair bezahlt werden. Eine angemessene Bezahlung jedoch beginnt erst bei Beträgen deutlich oberhalb von 200 Euro - Beträge, bei denen Sie sicher nicht mehr an einen einzelnen Haarschnitt denken würden.

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