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Ein Jahr Mindestlohn Praktikanten verdienen jetzt mehr - und bleiben kürzer

8,50 Euro pro Stunde: So viel müssen Arbeitgeber seit einem Jahr auch Praktikanten zahlen. Aber profitieren sie wirklich vom Mindestlohn?
Auch für Praktikanten gilt der Mindestlohn - wenn sie länger als drei Monate bleiben

Auch für Praktikanten gilt der Mindestlohn - wenn sie länger als drei Monate bleiben

Foto: Corbis

Seit einem Jahr sollen Praktika für gut ausgebildete junge Jobsuchende keine schlecht bezahlte Dauerbeschäftigung mehr sein: Am 1. Januar 2015 wurde der Mindestlohn eingeführt. Seither bekommen auch Praktikanten mindestens 8,50 Euro pro Stunde, wenn sie länger als drei Monate im Unternehmen bleiben und es kein Pflichtbestandteil ihrer schulischen, betrieblichen oder universitären Ausbildung ist. Was hat die Gesetzesänderung verändert? Verdienen Praktikanten jetzt wirklich besser? Und sind sie zufriedener mit ihrer Situation?

Dazu hat die Universität Magdeburg eine Befragung im Auftrag der Jobbörse Absolventa und der Personalberatungsfirma Clevis wissenschaftlich begleitet. Die Untersuchung leidet allerdings darunter, dass die meisten Befragten wirtschaftswissenschaftliche Studiengänge oder Ingenieurwissenschaften studieren (rund 65 Prozent) - sich damit also für Branchen interessieren, die generell höhere Gehälter zahlen. Der bundesweite Durchschnittslohn von Praktikanten dürfte also darunter liegen.

Die Ergebnisse der Befragung im Überblick:

  • Seit Jahresbeginn erhalten rund 96 Prozent der Praktikanten ein Gehalt, zuvor waren es rund 94 Prozent.
  • Praktikanten verdienen tatsächlich mehr als vor einem Jahr. Ihr Durchschnittsgehalt stieg um 10,6 Prozent: von 859,27 Euro auf 950,43 Euro brutto im Monat. Praktika, in denen der Mindestlohn gezahlt werden muss, werden im Schnitt sogar mit 1.240,18 Euro entlohnt.
  • Überproportional stiegen laut Untersuchung die Gehälter bei Master-Studenten: Sie verdienen mit 1.079,82 Euro monatlich nun 15 Prozent mehr als im Vorjahr.
  • "Allerdings passen viele Arbeitgeber ihre Praktika offenbar auch den neuen Bedingungen an und setzen verstärkt auf Arbeitsverhältnisse, die vom Mindestlohngesetz ausgenommen sind", schreiben die Studienmacher. Die Praktika werden also deutlich kürzer: So habe sich die Anzahl der dreimonatigen Praktika, die vom Mindestlohn ausgenommen sind, binnen des vergangenen Jahres verdoppelt. Ihr Anteil an der Gesamtzahl der Praktika in Deutschland beträgt nun 21 Prozent (vorher 11).

Foto: CLEVIS
Foto: CLEVIS

  • Insgesamt sind oder waren 87 Prozent der befragten Teilnehmer mit ihrem Praktikum zufrieden. Besonders hoch war demnach der Grad der Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen (89 Prozent), der Aufgabengestaltung (81 Prozent) und dem Teamklima (81 Prozent).
  • Dass der Mindestlohn eingeführt wurde, bewerten die meisten als positiv, dennoch gaben drei Viertel an, dass für sie die Erfahrungen im Praktikum wichtiger seien als das Gehalt. Fehlendes Interesse und Engagement kann also keiner den Praktikanten vorwerfen: Knapp 40 Prozent von ihnen leisten sogar Überstunden.

Millionen Beschäftigte profitieren offenbar seit 2015 von dem gesetzlichen Mindestlohn. Vor allem in klassischen Niedriglohnbranchen seien die Verdienste kräftig gestiegen, zeigt eine neue Analyse des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Potenziell betroffen seien nach Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zwischen 4,8 und 5,4 Millionen Beschäftigte, die im Jahr 2014 noch einen geringeren Stundenlohn als 8,50 Euro hatten. Die stärksten Zuwächse erzielten laut Hans-Böckler-Stiftung ungelernte Frauen in Ostdeutschland - sie verzeichneten demnach einen Lohnzuwachs von 8,5 Prozent, bei Männern der gleichen Gruppe gab es ein Plus von 8,0 Prozent.

Zu Beginn des kommenden Jahres soll der Mindestlohn noch einmal angehoben werden. Die Höhe soll eine Mindestlohnkommission aus Vertretern von Arbeitgebern und Gewerkschaften bis Mitte des Jahres beschließen. Gewerkschaftsnahe Forscher plädieren für eine Erhöhung des Mindestlohns von 8,50 auf mindestens 9 Euro.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) sagte am Donnerstag, die Kommission berate nun "über die erste Erhöhung, hoffe ich". Sie denke, "dass es wahrscheinlich ist", ergänzte sie mit Blick auf eine mögliche Erhöhung. Zugleich betonte Nahles, sie sei froh, dass nicht sie und die Politik über den Schritt entscheiden müssten.

lgr/dpa