Frauen mit MINT-Beruf "Wir mussten uns immer wieder anhören, dass wir etwas mit dem Professor hätten"

Sie behauptet sich seit Jahren in Männerdomänen als eine der wenigen Frauen im MINT-Bereich: Tanja Hochschild hat Technomathematik studiert, arbeitet als Softwareentwicklerin - und musste schon jede Menge Machosprüche ertragen.

Studentin in MINT-Fächern - immer noch stark unterrepräsentiert (Symbolbild)
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Studentin in MINT-Fächern - immer noch stark unterrepräsentiert (Symbolbild)

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"Ich habe einen tollen Job. Und ich genieße es, da zu sein, wo ich heute stehe: Ich bin im Führungsgremium bei einem großen Elektronikunternehmen tätig. Geplant hatte ich das alles so nicht.

Nach dem Abitur habe ich erst ein soziales Jahr gemacht und dann Technomathematik an der Universität Karlsruhe studiert. Das ist ein interdisziplinärer Studiengang: Mathematik im Hauptfach, Maschinenbau und Informatik als Nebenfächer.

Ich habe hauptsächlich mit Männern studiert. Das war manchmal schwierig, hatte aber auch Vorteile - ich wurde zum Beispiel von allen schnell wiedererkannt und habe dadurch sehr viel Unterstützung auch vonseiten der Professoren erfahren. Mit den Frauen, die mit mir studiert haben, habe ich mich gut vernetzt. Wir waren alle in einer ähnlichen Situation - und mussten die gleichen Widerstände überwinden.

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    Tanja Hochschild, 53, Diplom-Technomathematikerin, Head of Post Merger Integration und Software Development Senior Consultant, Würth Elektronik eiSos GmbH und Co KG.

"'Das erkläre ich Ihnen noch mal'"

Ich finde es sehr schade, dass wir Frauen uns immer wieder anhören mussten, dass wir etwas mit dem Professor hätten. Oder später mit dem Geschäftsführer. Ich habe auch oft Ungläubigkeit darüber erlebt, ob ich den Stoff wirklich begreifen könne - eingebettet in eine Fürsorglichkeit. 'Das erkläre ich Ihnen noch mal, Sie sind ja eine Frau und haben es im technischen Bereich schwerer als die Männer', hieß es dann zum Beispiel.

Ein Erlebnis, das mir besonders in Erinnerung blieb: Ich ging zur Studienberatung, weil ich noch nicht sicher war, in welche Fachrichtung ich mich entwickeln wollte. Und der Professor dort hat mich überhaupt nicht ernst genommen. Er hat mir Fotos von Dozenten verschiedener Fachrichtungen gezeigt und gesagt, wir Frauen würden ja aufs Aussehen achten - ich solle mir doch aussuchen, welchen Mann ich am hübschesten fände. Das fand ich deplatziert!

Männer haben mich aber auch oft unterstützt

Gegen Ende des Studiums habe ich ein Kind bekommen. Ich habe das Studium beendet, bin danach aber erst mal mit dem Kind zu Hause geblieben und habe noch zwei weitere Kinder bekommen - hatte aber immer den Wunsch zu arbeiten. In meinen ersten Job bin ich dann eher hineingestolpert.

In einem Produktionsunternehmen für Leiterplatten wurde mir ein Teilzeitjob als Softwareentwicklerin angeboten. Hier, im ländlichen Raum, gibt es keine Teilzeitstellen für Mathematiker. Ein echter Glücksgriff, wie sich rausstellte. In diesem Job konnte ich meine Leidenschaft für Logik mit meinem Familienleben vereinen.

Später wurde die Firma verkauft, ich wechselte zu einer anderen Unternehmensgruppe, wurde unter anderem Teamleiterin für Softwareentwicklung und stieg später in die Führungsriege auf. Rückblickend finde ich: Es gab auch immer wieder Männer, die mich sehr unterstützt haben. Mein früherer Vorgesetzter hat mir zum Beispiel ermöglicht, Führungsverantwortung zu übernehmen. Ich hätte das für mich zu der Zeit überhaupt nicht in Erwägung gezogen - als einzige Frau und einzige Teilzeitarbeitende in der Abteilung. Aber er hat mir das zugetraut und mich gepusht - das war der Startpunkt meiner Karriere.

Ideen einbringen, Zukunft gestalten

Mich fasziniert an meinem Beruf, dass ich die Zukunft mitgestalten kann. Viele eigene Ideen einbringen kann. Viele Menschen denken, dass der Beruf des Softwareentwicklers wenig mit Menschen zu tun hat - aber das Gegenteil ist der Fall. Menschen möchten Apps verwenden, sie brauchen Dashboards, die sie intuitiv verstehen. Dabei behilflich zu sein, gefällt mir sehr.

Was mich ärgert: Als Mutter habe ich die Erfahrung gemacht, dass noch für zu viele Lehrer die Vorstellung, Mädchen könnten gute Chemikerinnen, Mathematikerinnen oder Physikerinnen sein, undenkbar ist. Und die Bereiche, in denen Mädchen Technik lieben, kommen im Unterricht viel zu kurz.

Frauen sollten sich nicht irre machen lassen, wenn es heißt, Technik oder Naturwissenschaften seien nur etwas für Männer. Und wir Frauen sollten uns mehr zutrauen. Ich erlebe bei Bewerbungen sehr häufig: Wenn in einer Stellenanzeige fünf Bedingungen für einen Job aufgeführt sind, bewerben sich Frauen nur, wenn sie das Gefühl haben, alle Punkte vollends zu erfüllen. Männer bewerben sich auch, wenn nur drei auf sie zutreffen. Wir Frauen stehen uns oft selbst im Weg - das muss sich ändern."

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