Mobbing-Methoden Seelenmörder auf Kaninchenjagd

Das im Kreisverband von CDU-Generalsekretär Peter Tauber aufgetauchte Papier ist ein typisches Mobbing-Drehbuch. Die Täter agieren stets gleich, sagt Karrierecoach Martin Wehrle. Jeder Jäger kann das nächste Opfer sein.

CDU-Generalsekretär Tauber hat eingeräumt, von der Existenz des Papiers gewusst zu haben
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CDU-Generalsekretär Tauber hat eingeräumt, von der Existenz des Papiers gewusst zu haben


"Operation Kaninchenjagd" stand auf dem Papier, das in der CDU im Main-Kinzig-Kreis zirkulierte. Und mit dem Kaninchen war anscheinend Anne Höhne-Weigl gemeint, die Kreisgeschäftsführerin. War das ein Aufruf zum brutalen Mobbing? Ach was! Kaninchen stehen nicht auf der Liste der geschützten Arten, sie dürfen gejagt werden. Wo es zu viele Kaninchen gibt, spricht man von einer "Plage".

Das ist typisch fürs Mobben: Die Menschenjäger legitimieren ihr Tun, sie geben sich als Landschaftspfleger. Rund zwei Millionen Mobbing-Opfer gibt es in Deutschland. Aber die Mobber? Sucht man vergeblich.

Wie man eine Fliege vom Teller scheuchen darf, ohne deshalb als Unmensch zu gelten, so glauben viele, darf man einen Unbequemen aus der Firma jagen, ohne deshalb gleich ein Mobber zu sein. Als "unbequem" gilt, wer vom Rest abweicht: wer engagierter ist oder erfolgreicher, schöner oder weiblicher, kritischer oder nachdenklicher.

Die Hauptrolle spielt immer der Chef

Frauen in Führungspositionen gleichen Bäumen auf freiem Feld - sie ziehen die Blitze förmlich an. Wenn das Mobbing einschlägt, dann bevorzugt bei ihnen, haben einschlägige Untersuchungen ergeben.

Der Naturforscher Konrad Lorenz war es, der den Begriff "Mobbing" prägte: Er galt Gänsen, die sich auf einen Fuchs gestürzt hatten. In den Achtzigerjahren übertrug der Psychologe Heinz Leymann den Begriff aufs Berufsleben. "Mobbing" brachte es auch sprachlich auf den Punkt. "To mob" heißt im Englischen "über jemanden herfallen". Das Hauptwort "Mob" steht für "Pöbel", "Horde", "Schar". Und wenn der Engländer "the Mob" großschreibt, ist damit die Mafia gemeint.

Jedes Mobbing folgt einem Drehbuch, ähnlich dem jetzt aufgetauchten anonymen Papier bei der CDU im Main-Kinzig-Kreis. Der erste Akt heißt: "Das Kaninchen wird zum Abschuss freigegeben." Die Hauptrolle spielt der Chef. Mal schiebt er das Mobbing an, zum Beispiel sagt er beim Meeting: "Frau Müller, Sie haben Ihre Kollegen bei diesem Projekt ganz schön hängen lassen!" Er wirft ihr verächtliche Blicke zu, fällt ihr ins Wort und schüttelt den Kopf. Jeder im Raum weiß: Die Jagd ist eröffnet.

Wer nicht eingreift, spornt die Täter an

Oder ein Vorgesetzter sieht, wie ein Teammitglied gejagt wird, aber greift nicht ein. Er verhält sich wie ein Fußballschiedsrichter, der jedes Foul einer bestimmten Mannschaft durchgehen lässt, jeden Tritt, jeden Schlag, jede Attacke. Das Spiel wird immer brutaler. Würde der Chef sofort dazwischengehen: Das Mobbing würde im Keim erstickt. Wer als Führungskraft nicht eingreift, spornt die Täter an.

Der zweite Akt im Drehbuch heißt: "Das Kaninchen wird verleumdet." Bliesen nur einzelne Mitglieder der Gruppe zur Jagd, könnte das Mitleid der Mehrheit dem Opfer gelten. Also werden Gerüchte gestreut: "Sie redet schlecht über dich!", "Sie macht krank, und wir baden es aus!", "Ihre Arbeitsfehler werden uns alle noch den Job kosten!", "Sie will sich deinen Job schnappen, sei vorsichtig!". Gut möglich, dass der Computer des Kaninchens "zufällig" abstürzt, alle Daten verschwunden sind und das ganze Team deshalb zu Überstunden antreten muss.

Auf einmal lichten sich die Reihen um das Kaninchen. Wenn es grüßt, grüßt keiner zurück. Wenn es in der Kantine fragt, ob der Platz noch frei sei, heißt es: "Nicht für dich!" Und wenn es eine wichtige Information bräuchte, um seine Arbeit gut zu machen, bleibt diese Information aus. Am Ende wird das Kaninchen vom Großraumbüro in einen eigenen Bau versetzt, zum Beispiel eine ehemalige Besenkammer. Dort sitzt es allein, ohne Kontakt zu den Kollegen. Wer sich noch mit dem Kaninchen zeigt, riskiert, ebenfalls ins Feuer der Jäger zu geraten.

"Wir sehen doch, wie Sie sich quälen - tun Sie sich das nicht länger an!"

Hilflos hoppelt das Kaninchen in einem Teufelskreis: Weil es isoliert ist, wird es unsicher und emotional instabil. Weil es unsicher wird und immer weniger Informationen bekommt, macht es Fehler. Weil es Fehler macht, wird es angegriffen. Weil es angegriffen und niedergemacht wird, wird es krank. Weil es krank wird, wird es schwächer und noch mehr attackiert.

Der letzte Akt des Drehbuchs lautet: "Das Kaninchen wird geschossen." Meist sind die Jäger klug genug, den Schuss nicht selbst abzufeuern - sie drängen ihr Opfer, sich selbst zu liquidieren: "Wir sehen doch, wie Sie sich quälen - tun Sie sich das nicht länger an!" Wenn sich das Opfer selbst abschießt, spart man sich die Abfindung und die juristische Prüfung. Im Original-Drehbuch der CDU hieß es: "Kein Wort zum Kündigungsschutz" und bei Nachfragen "Sand in die Augen streuen". Und als Termin für den finalen Schuss war geplant: "Freitag/Samstag. Vorteil: Kaninchen kann zwei/drei Tage niemanden konsultieren."

Hat Deutschland ein Mobbing-Problem? Absolut. Aber das Problem sind nicht die einzelnen Mobber, wie möglicherweise der heutige CDU-Generalsekretär Peter Tauber - sondern Firmenstrukturen, die ein Mobbing zulassen, Chefs, die dabei zusehen, und ein Gesetzgeber, der Mobbing-Opfern eine unzumutbare Beweislast aufbürdet.

Warum gibt es noch kein zentrales Mobbing-Verzeichnis? Warum wird ein Vorgesetzter, der nachweislich gemobbt hat, nicht wie ein brutal foulender Fußballspieler für einige Zeit (oder, je nach Schwere, lebenslang) gesperrt? Warum schämen sich noch immer die Opfer anstelle der Täter?

Die Jäger von heute können die Gejagten von morgen sein

Wir brauchen eine Arbeitswelt, in der Menschen wieder miteinander arbeiten, statt sich heimlich zu bekämpfen. Wir brauchen Vorgesetzte, die sich nicht nur für Zahlen verantwortlich fühlen, sondern auch für Menschlichkeit. Und wir brauchen eine Wirtschaft, die sich nicht pausenlos im Kriegszustand befindet ("Fusionsschlachten"), sondern wieder den Menschen dient. Statt nur umgekehrt.

Mobbing schadet den Firmen, denn es lähmt Arbeitskräfte. Mobbing schafft ein Klima der Angst, denn die Jäger von heute wissen, dass sie die Gejagten von morgen sein können. Mobbing ist ein Verbrechen, nicht harmloses Jagdvergnügen.

Menschen sind keine Kaninchen. Wer sie am Arbeitsplatz mit der Verbalflinte jagt, macht sich zum Seelenmörder.

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insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
akkzent 29.09.2016
1. Den Nagel auf den Kopf getroffen
Triefend ironisch, treffsicher, eindringlich und anklagend geschrieben. Mir scheint mehr und mehr, ... hinter manchem Strauch ein Dieb. Vielen Dank Wehrle, bitte mehr davon.
ilganhe 29.09.2016
2. ach der Tauber!
Wie der Herr (Frau), so das Gscherr! Auch innerhalb der CDU - Basis ist dieser Herr nicht. unumstritten. Auch ihm konnte eine aehnliche Behandlung von seinem arroganten Thron stossen.
spontanistin 29.09.2016
3. Es fängt immer mit Bossing an!
Wie auch im Artikel deutlich wird. Der Boss beginnt mit der Ausgrenzung des Mitarbeiters und gibt ihn zur Jagd und zum Abschuss frei. Zumindest schreitet er nicht ein, wenn Konflikte erkennbar werden. Also: Bossing! Die Mitarbeiter beteiligen sich dann allzu gerne am Mobbing, denn sonst könnte es sie ja noch selber treffen (Gruppenzwang!) In hierarchischen Organisationen fängt halt der Fisch immer am Kopf an zu stinken!
unky 29.09.2016
4. Zweifel sind erlaubt
Dass Mobbing in dieser Gesellschaft von vielen Chefs geduldet wird, weil sie nach dem Prinzip "Divide et impera" agieren, ist ja nicht neu - nicht desto trotz unerträglich. Leider habe ich keine Hoffnung, dass sich an diesen Zuständen etwas ändert, weil der wirtschaftliche Neoliberalismus den Gewinn zur Gottheit erhoben hat und der Mensch in diesem entfesselten Kapitalismus nichts mehr wert ist. Die Entsolidarisierung der Gesellschaft hat inzwischen ein gefährliches Niveau erreicht - gefährlich für den Fortbestand eben dieser Gesellschaft.
mat76 29.09.2016
5.
Treffender kann es nicht beschrieben werden. Die wirtschaftlichen Folgen auch für das Unternehmen sind enorm, aber scheinbar kommt das bei "den da oben" nicht an. Ein Armutszeugnis für Deutschland
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