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Mobbing Wenn der Chef krank macht

Manche Chefs missbrauchen ihre Macht, sie sind manipulativ und gefühlskalt – das kann Mitarbeiter sogar gesundheitlich gefährden. Wann Sie sich gegen Übergriffe von oben wehren sollten.
Unsinnige Anweisungen, Launen, unklare Absprachen: Schlechte Führung kostet mittelfristig viel Geld

Unsinnige Anweisungen, Launen, unklare Absprachen: Schlechte Führung kostet mittelfristig viel Geld

Foto: gremlin / E+ / Getty Images

"Jetzt bloß nicht die Fassung verlieren." Die Wut brodelt im Bauch und drückt von unten gegen den Hals, aber Martin* nickt stumm mit dem Kopf, dreht sich um und geht. Auch wenn er am liebsten seiner Chefin entgegenschleudert hätte: "Du kannst mich mal, warum soll ich den Hof fegen, ich bin der Werksleiter hier."

Und zwar seit neun Jahren schon, und eigentlich lief immer alles gut - bis diese Frau kam, seine neue Chefin, und mit ihr kamen viele unsinnige Anweisungen, Launen und unklare Absprachen. Als der 39-Jährige es wagte, zweimal sachliche Einwände zu bringen, und das auch noch in großer Runde, folgten die Schikanen: noch mehr absurde Anforderungen, unlösbare Aufgaben, Abwertung. "Und als am Ende meine Zahlen nicht stimmten, sagte sie nur: 'Siehste!'" Mittlerweile bekommt Martin allein beim Gedanken an die Arbeit Bauchschmerzen, und wenn er morgens auf dem Weg ins Büro ist, kann er das Lenkrad kaum halten, so schweißnass sind seine Hände. Aber einfach hinschmeißen? Er hat Familie, zwei kleine Kinder. Und eigentlich liebt er seinen Beruf, war anerkannt und erfolgreich – bis die neue Chefin kam.

Was soll er tun? Gehen oder bleiben? Reden, aber mit wem? Sich Hilfe suchen? Wo?

Ein Regime des emotionalen Terrors

Nirgendwo sonst verbringen wir so viel Zeit wie im Job. Weder mit Freunden, selten nur mit der Familie. Kaum etwas hat einen so großen Einfluss auf unsere Stimmung und unsere Gesundheit wie die Arbeit. Wie es uns dort geht, welcher Ton herrscht, welche Umgangsformen, das bestimmen in großen Teilen unsere direkten Vorgesetzten. Im Guten wie im Schlechten. "Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen der Art und Weise, wie Beschäftigte ihren Chef erleben und wie es ihnen gesundheitlich geht", sagt Heike Bruch, Professorin für Leaderhsip am Institut für Führung und Personalmanagement der Universität in St. Gallen.

Schlechte Führung äußert sich vielfältig – angefangen von mangelnder Wertschätzung über schlechte Kommunikation bis hin zu Ignoranz. Nicht jeder schlechte Tag des Chefs ist gleich toxisches Verhalten. Aber wenn man sich permanent ausgelaugt fühlt, nur noch mit Widerwillen an die Arbeit denkt, ständig Angst hat, Fehler zu machen, dann sind das sichere Anzeichen für ein problematisches Arbeitsumfeld. Die Bielefelder BWL-Professorin Christina Hoon nennt Unternehmen, in denen ein solches Klima herrscht "Hell’s Kitchens" – zu Deutsch: Höllen-Küchen.

Arroganz dient als Mittel zum Zweck

Auffällig bei toxischen Chefs ist der Missbrauch der Macht, die ihnen ihre Position verleiht. Sie vertrauen auf das Instrument der Angst, sie wollen einschüchternd wirken. Dass sie arrogant rüberkommen, ist gewollt, Mittel zum Zweck.

Viele Menschen, die mit solchen ausgeprägt narzisstischen Menschen beruflich zu tun haben, berichteten von einem Gefühl permanenter Verunsicherung. "Damit spielt der Narzisst, er verbreitet ein Regime des emotionalen Terrors, der unausgesprochenen Beschuldigung, der schweigenden Anklage", sagt österreichische Psychiater Reinhard Haller in dem Interview-Buch "Genug ist genug: Narzissmus, Egozentrik und emotionaler Missbrauch: Wie toxische Beziehungen entstehen – und wie Sie sich daraus lösen können".

Bei problematischen Chefs kommt oft ein gefährlicher Cocktail aus verschiedenen negativen Eigenschaften zusammen. Sie sind tendenziell selbstverliebt, machthungrig, manipulativ und dabei gefühlskalt. Eine Kombination aus Charaktermerkmalen, die bei Menschen, die es nach oben geschafft haben, besonders häufig anzutreffen ist, wie Wissenschaftler herausgefunden haben.

Hinzu kommt: Vorgesetzte mit einer solchen Persönlichkeitsstruktur sind häufig gut darin, willige Unterstützer um sich zu scharen, die aus Angst, aber auch weil sie von der Macht mitprofitieren wollen, die giftigen Verhaltensweisen decken oder sogar befördern. Die Kosten dafür tragen die, die nicht Teil der "In-Group" sind.

Anfangs fühlen sie sich von dem dominanten Verhalten ihres Vorgesetzten vielleicht nur in die Ecke gedrängt oder demotiviert, aber auf Dauer zermürbt und schwächt es Gesundheit und Psyche. Permanenter Druck, erhöhter Stress und das Gefühl des Ausgeschlossen seins sind nachweislich schädlich für unseren Körper. Verdauungsprobleme, Immunschwäche, ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall sowie psychische Probleme wie Depressionen, Burn-Out und Angstzustände können die Folgen sein.

Was darf mein Chef?

"Du Idiot, du Trottel", solche Beschimpfungen muss sich niemand gefallen lassen – auch nicht von seinem Chef und auch nicht in Branchen, wo ein eher rauer Ton herrscht. Jeder Vorgesetzte ist zu einem angemessenen Umgang verpflichtet. Persönliche Beleidigungen sind sogar ein Straftatbestand. Wie aber reagieren? Sich kleinzumachen und wegzuducken ist genauso falsch wie zurück zubrüllen. In vielen Fällen hilft es, ruhig, aber bestimmt zu zeigen, dass es so nicht geht. Augenkontakt herstellen und antworten: "Über die Inhalte können wir jederzeit reden, gern auch kritisch, aber nicht in diesem Ton."

Die DAK hat in ihrer jährlichen Untersuchung ermittelt, dass 2019 die Zahl der Fehltage von Arbeitnehmern wegen Depressionen, Angst- oder Belastungsstörungen auf 260 Tage pro 100 Versicherte gestiegen ist. Das ist der höchste Stand seit Beginn der Untersuchung 1997. Seitdem hat sich die Zahl mehr als verdreifacht.

Schlechte Führung kostet viel Geld

Hinter diesen abstrakten Zahlen stehen häufig Wochen und Monate voller innerer Qualen, Wut und Verzweiflung der Einzelnen. Viele Betroffene leiden still, werden krank oder wechseln einfach den Job. Denn lange Zeit fehlte in Unternehmen das Bewusstsein für die zerstörerische Kraft von schlechter Führung. Lange Zeit maßen die Firmen die Qualität ihrer Manager allein an deren Ergebnissen. Belohnt wurde Effizienz und Zielerreichung, nicht aber Motivation und nachhaltige Unterstützung des Teams. Psychische Belastungen der Mitarbeiter wurden bagatellisiert.

Erst langsam setzt sich das Bewusstsein durch, dass auch schlechte Führung mittelfristig viel Geld kostet – über Fehlzeiten oder Mitarbeiter, die ihre Leistungsfähigkeit verlieren oder innerlich kündigen. Ver.di schätzt, dass 1,8 Millionen Erwerbstätige von Mobbing betroffen sind – und in mindestens 50 Prozent der Fälle sind Vorgesetzte dafür verantwortlich oder beteiligt. Der Rat der Gewerkschaft, schnell zu handeln, sich an wohlgesonnene Kollegen zu wenden, ist mitunter nicht leicht umzusetzen.

Auch Martin hat lange gehadert, war er tun soll. Einen Betriebsrat, zu dem er hätte gehen können, gab es nicht, ein Gespräch mit dem Vorgesetzten seiner Chefin verlief ergebnislos. "Der wollte sich nicht einmischen, befürchtete Ärger und hat lieber die Augen zugemacht", sagt Martin. Ihm blieb irgendwann nur der Schritt zu gehen. Bereut hat er ihn nicht. In seiner neuen Firma sei der Ton ein ganz anderer. "Wenn hier gelacht wird" sagt er, "dann nicht auf Kosten anderer."

* Martin ist der Autorin persönlich bekannt, möchte aber anonym bleiben.

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