SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

01. November 2017, 06:44 Uhr

Mobbing am Arbeitsplatz

"Mein Chef macht Stimmung gegen mich"

Aufgezeichnet von

Ein Mathematiklehrer kommt gut mit seinen Kollegen klar - bis er den stellvertretenden Schulleiter kritisiert. Der stellt sich gegen ihn, auch andere Lehrer wenden sich ab. Was kann der Mann tun?

Martin Münner* schreibt:

"Als das Mobbing begann, war ich bereits seit einigen Jahren als Lehrer für Mathematik an einem bayerischen Gymnasium angestellt, fühlte mich dort wohl und galt als "pflegeleichter" Kollege. Als ich jedoch zwei Schülerinnen wegen provokanten Verhaltens im Unterricht einen Verweis erteilte, beschwerten sie sich beim stellvertretenden Schulleiter über mich. Er brachte den beiden ein großes Verständnis entgegen und untergrub so meine Autorität. Ungewöhnlich war auch der Ton, in dem er mit ihnen sprach - als ob er deren Onkel wäre.

Das wiederholte sich noch einige Male: Wenn bestimmten Schülern im Unterricht etwas nicht passte, drohten sie, sich über mich zu beschweren und fanden bei dem stellvertretenden Schulleiter wiederholt ein offenes Ohr. Ich fand es unangemessen, dass diese Schüler sich im Direktorat beschweren durften. Ihr erster Ansprechpartner ist eigentlich der Klassenleiter oder der Vertrauenslehrer. Vor allem eine Schülerin brüstete sich mit einem besonderen Vertrauensverhältnis zum Vize-Chef. Vielleicht hatte sie etwas falsch verstanden oder bei ihm einen wunden Punkt getroffen?

Nachdem ich den stellvertretenden Schulleiter kritisch, aber in freundlichem Ton, in mehreren Mails fragte, wieso er meine Autorität so untergrub, wurde ich in kurzer Abfolge ins Direktorat vorgeladen.

Einmal holte mich der Vize-Chef ohne weitere Erklärung aus dem Lehrerzimmer ab und ging mit mir zur Direktorin. Ihr sei von jemandem zugetragen worden, ich hätte Schüler fotografiert. Enttäuscht äußerte sie: "So hätte ich Sie bisher nicht eingeschätzt!" Die Sache mit den Fotos konnte ich schnell klären, als ich der Direktorin mein Smartphone zeigte: Ich hatte lediglich banale Passfotos von den Schülern gemacht und in eine Lehrer-App integriert, um mir ihre Namen schneller merken zu können.

Am Gymnasium sprach sich schnell herum, dass ich einen Konflikt mit dem stellvertretenden Schulleiter hatte, einem Mann, der an der Schule viel Macht hatte. Er verleumdete mich gegenüber der Direktorin und ich hatte das Gefühl, dass er gegenüber meinem alten und neuen Fachbetreuer Stimmung gegen mich machte. Schließlich wendeten sich Kollegen von mir ab. Ich konnte und wollte so an der Schule nicht weiterarbeiten.

Sollte man Kritik an Vorgesetzten also vermeiden, um die berufliche Karriere nicht zu gefährden?"

*Name geändert

Psychologe Rainer Müller antwortet:

Gekränkte Eitelkeit kann Mobbing auslösen. Aus diesem Grund sollte man sich vor allem bei Vorgesetzten überlegen, wie man Kritik formuliert. Um dies zu tun, könnte man sich an den Prinzipien der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg orientieren:

Beschreiben Sie Ihrem Vorgesetzten zunächst ganz sachlich, was Sie beobachtet haben beziehungsweise worum es geht. Dann gehen Sie darauf ein, was das bei Ihnen ausgelöst oder bewirkt hat. Anschließend sollten Sie Ihre Bedürfnisse zur Sprache bringen und letztendlich eine entsprechende Frage an Ihr Gegenüber richten: Welche Konsequenzen beziehungsweise welches Verhalten wäre Ihrer Meinung nach wünschenswert?

Offen bleibt jedoch die Frage, warum diese Auseinandersetzung trotz Ihrer Bemühungen, eine Klärung herbeizuführen, eskaliert ist? Sie deuten an, dass in dem Verhältnis des stellvertretenden Schulleiters zu einer Ihrer Schülerinnen etwas nicht stimmte. Sollte das wahr sein, könnte er sich von Ihnen bedroht gefühlt haben.

Als er mit Ihnen zur Direktorin ging, um mit ihr über die Fotos zu reden, die Sie aufgenommen haben, versuchte er offenbar, Anschuldigungen auf Sie umzulenken. Zwar ist es erfreulich, dass Sie den Vorwurf mit den Fotos ausräumen konnten, dennoch könnte es sein, dass Sie dadurch Sympathie im Kollegium sowie bei Ihrer Direktorin einbüßen mussten. Obwohl Sie in diesem konkreten Fall Ihre Unschuld beweisen konnten, bleibt bei dem Verdacht eines derartigen Verstoßes gegen die Gruppennorm ein Geschmäckle.

In einer solchen Situation sollte man es vermeiden, einen verbalen Gegenangriff zu starten oder auch nur anzudeuten. Ansonsten wird die andere Partei wahrscheinlich versuchen, Argumente zur Rechtfertigung ihres Verhaltens hervorzubringen, oder sich bemühen, Ihnen berufliche Fehler nachzuweisen.

Ratsam wäre es zudem, zunächst mit wenigstens einem Kollegen oder einer Kollegin unter vier Augen über die Ereignisse zu sprechen sowie eine externe Vertrauensperson mit einzubeziehen, um sich den Rücken zu stärken und den eigenen Blickwinkel gegebenenfalls zu erweitern.

Gerade der Umgang mit Vorfällen, wie Sie ihn darstellen, erfordert ein hohes diplomatisches Geschick. Hier ist es hilfreich, sich von einer auf solche Angelegenheiten spezialisierten Einrichtung aus Ihrer Region oder der Antidiskriminierungsstelle des Bundes beraten zu lassen.

Ihre Entscheidung, die Schule zu verlassen, ist dennoch durchaus verständlich. In einem derartigen Klima hätten Sie wohl große Mühe gehabt, sich künftig zu behaupten.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung