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Mobiles Arbeiten aus dem Ausland Frierst du noch – oder fliegst du schon?

Den Laptop mit Blick aufs Meer aufklappen und die Sonne genießen, während die Kolleginnen im deutschen Winter ausharren: Klingt verlockend? Was bei mobilem Arbeiten aus dem Ausland zu beachten ist.
Viele Beschäftigte wollen unabhängiger arbeiten – auch im Ausland

Viele Beschäftigte wollen unabhängiger arbeiten – auch im Ausland

Foto: Lumina / Stocksy United

So einen Dezember wollte Lukas von Zittwitz, 28, nicht noch einmal erleben. »Einsam« und »trist« sei der vergangene Winter gewesen, sagt der Teamleiter einer Kommunikationsagentur. Er führte sein siebenköpfiges Team remote aus den eigenen vier Wänden. Seine Freundin Amaya war wegen ihres Masterstudiums an der Copenhagen Business School nicht in der Stadt, und in Deutschland hatte im November 2020 der Lockdown Light begonnen, der erst im Mai dieses Jahres enden sollte . Kurz: von Zittwitz ging es schlecht. Und ihm war klar: Das will er nicht noch mal durchmachen.

Er und seine Partnerin stellten sich die Frage, der wohl fast jeder einmal nachhängt, der regelmäßig mobil arbeitet, ungebunden ist und die Möglichkeiten dazu hat: Wenn ich von überall aus meine Dinge erledigen kann, warum nicht einfach von dort, wo es ohnehin viel wärmer und schöner ist? Warum nicht aus Italien, Spanien, Dubai, Montenegro oder Südafrika?

Flexibles Arbeiten wird für Arbeitnehmer entscheidender

Scrollt man durch Netzwerke wie LinkedIn oder Xing, wird schnell deutlich, dass immer mehr Menschen diesen frommen Wunsch in die Tat umzusetzen scheinen. Oft sind es Selbstständige: Coaches, Werberinnen, Digitalarbeiter. Einige von ihnen, die Unternehmerin Céline Flores Willers etwa, arbeiten mit ihrem Team eine Woche aus einer Finca in Italien und nennen es Workation , eine Mischung aus Urlaub und Arbeit also; andere posten Fotos von Balkonen in Spanien oder Portugal. Die Message ist ähnlich: Schau mal, wie gut ich’s hab.

Ein LinkedIn-Report  unter den weltweit mehr als 700 Millionen Mitglieder des Netzwerks zeigt, was bei Beschäftigten während der Pandemie am deutlichsten an Bedeutung gewonnen hat. Die Top drei sind: Die Möglichkeit, im Unternehmen aufzusteigen (23 Prozent), eine gesunde Work-Life-Balance (21 Prozent) und flexible Arbeitsmodelle (sieben Prozent). In einer aktuellen Umfrage des Softwareanbieters Awork und des Marktforschungsinstitutes Appinio mit 1044 Teilnehmenden aus Deutschland gaben 65 Prozent der Befragten an, für sie sei vor allem »sehr wichtig«, ihren Arbeitsort flexibel wählen zu können.

Deutschland hängt bei gesetzlicher Homeoffice-Regelung hinterher

Eva Wißler, 48, ist Fachanwältin für Arbeitsrecht in Frankfurt am Main. Auch sie merkt, dass der Wunsch im Warmen zu überwintern, wächst – nicht nur unter Selbstständigen. Zwar gibt es in Deutschland, anders als etwa in Frankreich oder den Niederlanden, noch immer keinen gesetzlichen Anspruch auf Homeoffice, »an betriebseigenen Lösungen arbeiten gerade jedoch viele Unternehmen«, sagt Wißler. Und auch der neue Koalitionsvertrag  sieht nicht nur vor, mobiles Arbeiten zu öffnen, EU-weit soll es auch leichter möglich sein, von unterwegs zu arbeiten. »In diesem Bereich wird sich in Zukunft extrem viel tun«, schätzt die Juristin.

Angesichts dessen, sagt sie, bleibe eine kompakte Übersicht über die wichtigsten Regelungen für das mobile Arbeiten in jedem Land der Welt ein Wunschtraum, der sich nicht so ohne Weiteres erfüllen lasse. Denn die Einzelheiten sind davon abhängig, in welches Land es gehen soll.

Will man in einen Drittstaat, wartet besonders viel Bürokratie

Möchte man vorübergehend aus einem der 27 EU-Mitgliedsstaaten arbeiten, sorgt die sogenannte A1-Bescheinigung  dafür, dass man bei einer Dienstreise ins Ausland im Heimatland sozialversichert bleibt und seine Beiträge nicht in zwei Ländern zahlen muss.

Für die Steuer gilt die sogenannte 183-Tage-Regelung  als Grundlage. Sie besagt, dass Beschäftigte weiterhin in Deutschland steuerpflichtig sind, solange sie weniger als 183 Tage in einem anderen Land arbeiten und ihren Lohn aus Deutschland beziehen – und nicht von einer Betriebsstätte im Reiseland. Ab dem 184. Tag müssen womöglich dann auch im Reiseland Steuern bezahlt werden. »Viele Länder haben individuelle Doppelbesteuerungsabkommen geschlossen. Hier sollte man sich unbedingt über den Steuerberater informieren, um im Vorhinein zu wissen, woran man ist. Denn gerade bei der Steuerfrage gibt es keine pauschale Aussage, ob eine individuelle Besteuerung im Ausland gut oder schlecht ist«, rät Wißler. Auf alle Fälle sei zu empfehlen, dass alles eng mit dem Arbeitgeber abgestimmt wird. Jeder müsse sich im Vorfeld zwingend die Zustimmung fürs vorübergehende mobile Arbeiten aus dem Ausland einholen.

Generell, so die Juristin, erleichterten die einheitlicheren Strukturen und die Arbeitnehmerfreizügigkeit  innerhalb der Europäischen Union die Möglichkeit, im EU-Ausland zu überwintern. Dennoch: »In der EU ist es schon nicht so einfach – in einem Drittland wird es noch einmal komplizierter«, sagt auch die Frankfurter Arbeitsrechtlerin Aziza Yakhloufi. Hier müsse für jedes Land individuell geprüft werden.

Lukas von Zittwitz und seine Freundin Amaya haben sich für die komplizierte Variante entschieden: Ägypten, Kairo, außerhalb der EU. Dort beginnt von Zittwitz' Freundin im Januar ihr Auslandssemester an der American University – und ihr Freund kommt mit. Für drei Monate. »Wenn man von woanders arbeiten möchte, dann doch jetzt. Ich sehe darin auch eine super Chance, neue Erfahrungen zu sammeln«, sagt von Zittwitz.

Als er seinem Chef, Thomas Rosenwald, vor gut einem Monat von der Idee erzählte, stimmte er ihr trotz vieler Fragezeichen erst einmal zu. Einige Restzweifel hatte er dennoch, auch wenn in Rosenwalds gut 30-köpfiger Agentur seit Corona ohnehin fast komplett remote gearbeitet wird. »Lukas hat sein Team auch von zu Hause aus super geführt. Trotzdem möchte man, wenn es läuft, erst mal möglichst wenig verändern«, sagt Rosenwald. Dennoch will er seinem Mitarbeiter die Chance ermöglichen. »Wir leben alle nur einmal – und ich vertraue Lukas«. In Rosenwalds Agentur ist das Homeoffice aus dem Ausland eine Premiere. »Lukas' Kunden sitzen ohnehin überwiegend im Ausland. Solange das geschäftliche Risiko übersichtlich und arbeitsrechtlich alles in Ordnung ist, bekommt er grünes Licht«, sagt Rosenwald.

Und hier ist die Krux: Das deutsche Arbeitsrecht ist unflexibler als so macher Chef. Auf Zittwitz und Rosenwald wird noch einiges zu kommen, weiß Arbeitsrechtlerin Wißler. Für den Arbeitgeber lauere hier sogar das größere Risiko, sagt sie.

Sollte von Zittwitz etwas passieren, müsse der Arbeitgeber womöglich die Behandlungskosten tragen, auch über eine Betriebsstättengründung vor Ort müsse man eventuell nachdenken, um die Risiken zu verringern, sagt Wißler. Mit Ägypten  hat Deutschland kein Sozialversicherungsabkommen geschlossen. Damit für ihn das deutsche Sozialversicherungsrecht gilt, müsste von Zittwitz offiziell entsendet werden . »Ob das eine Möglichkeit ist, prüfen wir gerade«, sagt Rosenwald. Er war schon bei seinem Steuerberater. Ohne juristische Unterstützung sei das kaum zu bewältigen, sagt auch Arbeitsrechtlerin Wißler.

Lukas von Zittwitz und seine Freundin Amaya wollen trotz steigender Infektionszahlen an ihren Plänen festhalten. Sein siebenköpfiges Team habe die Pläne positiv aufgenommen, jetzt warten andere Herausforderungen: »Gerade sind wir erst mal dabei, eine Wohnung zu finden. 800, 900 Euro Miete im Monat, damit hatten wir nicht gerechnet«, sagt von Zittwitz. Flugtickets hätten sie noch nicht gebucht, sagt er. Jetzt warte er noch auf das finale Go der Krankenkasse, die eine mögliche Entsendung genehmigen müsse. Bleibt zu hoffen, dass es nicht doch ein Winter wird, wie Lukas von Zittwitz ihn nicht mehr erleben wollte.