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Durchtrainiert und abgefertigt: Männermodels auf der Fashion Week

Foto: Sarah J. Tschernigow

Männermodels Arm, aber sexy

Einer schmächtig, der andere wie Herkules: Die Männermodels Franz Joseph und Philip Deml sind gut gebucht. Doch reich werden beide allein mit Laufstegjobs nicht. Für einen Einsatz gibt es oft nur 150 Euro.
Von Sarah Tschernigow

Arbeitsamt-Atmosphäre im Berliner Luxushotel. In einem Konferenzraum des Waldorf Astoria läuft ein Modelcasting für die Modenschau eines Frauenmagazins auf der Fashion Week. Vor der Tür stehen 200 junge Schönheiten Schlange für den Job - und mit ihnen steht die Luft. Es ist eine freundliche Massenabfertigung: kurzer Blick in die Bewerbungsmappe, einmal auf und ab laufen, danke, wir melden uns, der Nächste bitte.

Mittendrin steht Model Philip Deml mit seinen Koffern. Er hat kaum geschlafen und den ersten Zug von Frankfurt nach Berlin genommen. Mit 23 Jahren ist er fast schon ein alter Hase im Modelgeschäft. "Ob sie dich buchen, ist reine Typfrage", sagt er. "Sie schauen dich kurz an und wissen sofort, ob du in ihr Schema passt, oder nicht."

Für seine Agentur Eastwestmodels ist Deml ein Vorzeigekandidat für den "kommerziellen Typ", wie vielseitig einsetzbare Models im Fachjargon genannt werden: durchtrainierter Körper mit Waschbrettbauch, volles Haar, Zahnpastalächeln. Für die Schau der Zeitschrift wird er dann auch gebucht, als einer von fünf Männern.

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Casting für Außenseiter: Sieh! Mich! An!

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Nur halbwegs nett aussehen reicht aber auch bei den Männern nicht für eine Modelkarriere. Sie müssen mindestens 1,83 Meter groß sein, schöne Haut und volles Haar haben, auf ihre Ernährung achten und bereit sein, ständig unterwegs zu sein.

Doch während charismatische Männer noch mit Mitte 50 gebucht werden, gelten Frauen über 30 oft als zu alt, ihre Maße werden strenger kontrolliert. Dafür verdienen sie deutlich besser, gerade in der Top-Liga. Zum Vergleich: Von allen Männermodels verdiente der US-Amerikaner Sean O'Pry im Jahr 2013 laut Wirtschaftsmagazin Forbes mit 1,1 Millionen Euro weltweit am meisten. Das Ranking der Frauen führt die Brasilianerin Gisele Bündchen an. Sie kassierte das 30-fache.

Bei Modenschauen wie der Berliner Fashion Week verdienen beide Geschlechter gleich mau. Einmal Laufsteg wirft 150 bis 300 Euro ab, manchmal gar nichts. Werbekampagnen und Katalogshootings sind lukrativer, da gibt es immerhin 2000 bis 5000 Euro Tagesgage. Daher geht es in Berlin während der Modewoche weniger ums Geld als darum, gesehen zu werden.

Bitte recht schmächtig!

Also auf zum nächsten Casting: Diesmal stellt sich Deml in einem Berliner Loft vor, in dem der Designer Ivan Mandzukic für sein Label Ivanman ein Model nach dem anderen Kollektionsteile anprobieren lässt. Deml wird diesmal gleich wieder weggeschickt. Mit seinem breiten Kreuz passt er nicht einmal in die schmal geschnittenen Anzüge.

Der Favorit des Designers: Franz Joseph aus Berlin. Er wird in einen grünen Anzug gesteckt, in dem er ein bisschen aussieht wie ein Jäger. Ein schmächtiger Jäger, wohlgemerkt. Der 21-Jährige hat nicht viel vom typischen Männermodel. Er hat keine Muskeln, leicht abstehende Ohren, ist zart und keine klassische Schönheit.

Genau deshalb will der Designer ihn haben. "Nur weil Models perfekte Maße haben, heißt es nicht, dass die Anzüge auch gut sitzen", sagt Mandzukic. "An Franz sieht alles von mir gut aus, er hat das gewisse Etwas." In der extravaganten Kleidung, darunter pinkfarbene Anzüge und rückenfreie Hemden, würde ein markanter James Bond eher albern aussehen. Der zierliche Joseph hat den Job sicher.

"Die Typenvielfalt ist ja das Tolle am Männermarkt", sagt Model Franz. Er hat im Gegensatz zu Philip zwar noch nicht die internationalen Laufstege erobert, dafür aber die Werbewelt. Als Schüler wurde er zufällig entdeckt, sein erster Auftrag war ein internationaler Werbespot einer Schuhmarke, es folgten Drehs für Nüsse, Autos und eine Fast-Food-Kette. Auch auf der Berliner Fashion Week ist Franz Stammgast.

Zu schön ist auch nicht gut

Seine Agentur, die Kult Model Agency aus Hamburg, ist Europas größte Männermodelagentur und hat rund 300 Kandidaten in der Kartei. Bookerin Julie Bretschneider sagt, dass zunehmend androgyne, metrosexuelle Typen angefragt würden, die funktionierten auch gut in Paris. In L.A. hingegen sollten die Jungs aussehen wie Herkules. "Zu schön ist aber nicht immer gut. Vor allem in Deutschland wollen die Kunden gerne den Typ von Nebenan, mit dem sie sich identifizieren können." Kürzlich sei die bärtige Vaterfigur schwer im Trend gewesen, jetzt seien Zartere und Jüngere gefragt. Ohne Bart. Gut für Franz Joseph - er hat keinen.

Für ihn wie für Philip Deml ist das Modeln derzeit nur ein nettes Zubrot. Ihr Laufsteg ist sonst die Uni, Deml studiert Wirtschaft, Joseph Holztechnik. Bis jetzt, sagen sie, gingen Job und Studium noch gut zusammen. Auf Aftershow-Partys in den frühen Morgen zu tanzen, ist für die zwei aber nicht drin: Sie müssen für die nächsten Prüfungen lernen. Immer zwischen Laufsteg und Hotel.

KarriereSPIEGEL-Autorin Sarah J. Tschernigow ist freie Journalistin in Berlin.