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Casting für hässliche Models Hübsch ist langweilig

Hässliche Menschen sind die besseren Models. Ihre Gesichter merkt man sich. Davon ist Del Keens überzeugt. In Berlin castet er "Ugly Models".

Der Gelbe Engel wird als erstes vermessen. 108 - 105 - 110 sind seine Maße. Sein Chef wollte ihm erst nicht frei geben, aber nun hat sich doch jemand gefunden, der für ihn den Bereitschaftsdienst übernimmt, damit er zum Casting kann. Andreas Korth, 32, arbeitet als Abschleppwagenfahrer für den ADAC in Köln. Um halb fünf Uhr morgens ist er aufgestanden, um den Flieger nach Berlin zu kriegen.

Jetzt steht er im Flur eines bröckligen Backsteinhauses im Stadtteil Weißensee und wartet darauf, in die Modelkartei aufgenommen zu werden. Beworben hat er sich mit einem Foto, auf dem er aussieht wie der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi. "Ich bin total wandlungsfähig", sagt er und verschwindet mit einem weißen Muskelshirt, das er auf den Fotos tragen soll, in der improvisierten Umkleidekabine.

"Misfit Models"  steht auf den Shirts. Es ist der Name der Agentur, er sagt eigentlich alles: Gesucht werden Misfits, Außenseiter. Menschen, die irgendwie anders sind. So wie Del Keens, 44, der Gründer der Firma. Alles in seinem Gesicht scheint nach unten zu wollen, die Tränensäcke, die Backen, das Kinn. Nur die Zähne nicht. Die stehen kreuz und quer. Ein Gesicht, das in Erinnerung bleibt. Ideal für eine Werbekampagne, fand vor 20 Jahren ein Londoner Fotograf und schickte ihn zur Agentur "Ugly Models".

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Casting für Außenseiter: Sieh! Mich! An!

Foto: SPIEGEL ONLINE

Seinen Job als Kurierfahrer konnte Keens bald kündigen. Als Model wurde er von Calvin Klein gebucht, von Levi's, Diesel und anderen Marken. Auf der Straße erkannten ihn die Leute. Er war jetzt ein bisschen berühmt. Ein paar Jahre lang.

2006 zog er nach Berlin, hier gefällt es ihm. Wenn da nur die nervigen Leute vom Arbeitsamt nicht wären. Keens lebt von Sozialhilfe. Vorübergehend, wie er sagt: "Ich habe nach Jobs als Model und Schauspieler gesucht, aber für Leute wie mich gab es keine Agentur." Also hat er jetzt selbst eine gegründet. Mehr als 200 Leute hat er schon in der Kartei, an diesem Tag sollen 61 dazukommen.

Das Casting ist straff organisiert. Die Möchtegern-Models kommen im Viertelstundentakt. Als erstes müssen sie einen Fragebogen ausfüllen. Name, Adresse, Hauttyp, Fremdsprachen, Schuhgröße, Gewicht, spezielle Fähigkeiten. "Mist bauen" hat Andreas Korth in diese Spalte geschrieben.

"Bei diesem Model ging was schief, dafür ist der Mietpreis attraktiv"

Für das erste Bild soll er sich den Fragebogen verkehrt herum vor die Brust halten. 460 steht dort mit dickem Filzstift notiert. Es ist seine Karteinummer. Keens knipst von jedem vier Motive: geradeaus gucken mit Nummer, geradeaus gucken ohne Nummer, Kopf nach links, Kopf nach rechts. Fertig. Die Kandidaten werden erst wieder von ihm hören, wenn ein Klient gezielt nach ihnen fragt.

Immerhin ein halbes Dutzend Models und sich selbst hat Keens schon vermitteln können. "Bei diesem Model ging was schief, dafür ist der Mietpreis attraktiv", steht auf dem Werbeplakat einer Mietwagenfirma neben Keens' Konterfei. Keens sieht sich selbst als Kämpfer gegen den Schönheitswahn. Aber wird er hier nicht als Witzfigur missbraucht? Das sei ihm egal, sagt er: "Solange die Firmen Geld dafür bezahlen." Als Misfit-Model dürfe man keine Angst davor haben, auch mal albern auszusehen oder merkwürdige Kleider zu tragen.

Seine Casting-Kandidaten lassen sich grob in drei Kategorien einteilen: die Faulen, die Kranken, die Querköpfe. Korth zählt sich selbst zur ersten Kategorie. Möglichst unkompliziert Geld verdienen, das ist sein Ziel. Nancy Dietze, 27, geht es um etwas anderes. Sie will sich und anderen zeigen, dass es Spaß macht zu leben. Dass es Sinn hat zu kämpfen. Dass man sich nicht verstecken muss.

Nancy hat Krebs. Vor drei Jahren ist sie schon einmal operiert worden. Jetzt geht alles von vorne los. Vor der Chemotherapie hat sie sich die Haare abrasiert. "Die waren so lang", sagt Roland, ihr Freund und hält die flache Hand auf Höhe von Nancys Taille. Seine Mutter habe geweint, als die Haare fielen. "Ist doch nicht so schlimm, kann man mal was Neues ausprobieren", sagt Nancy. Aus Solidarität hat Roland sich auch eine Glatze geschoren. Seine Haare sind jetzt schon wieder nachgewachsen.

Die beiden sind extra fürs Casting aus Leipzig angereist, gleich nach dem Fotoshooting fahren sie wieder zurück. "Eigentlich sollte ich nicht hier sein", sagt Nancy, verdreht die Augen und lacht. Weil ihr Immunsystem so schwach ist, soll sie Menschenansammlungen vermeiden. Sie soll immer einen Mundschutz tragen und niemandem die Hand geben. Del Keens reicht sie sie trotzdem.

Ob sie denn trotz ihrer Krankheit zu Fotoshootings reisen könne, will er wissen. Ja klar, meint Nancy. Nur direkt nach der Chemo sei sie immer sehr schwach. Ihren Job im Schuhgeschäft hat sie verloren, man hat ihr gekündigt, weil sie so oft auf Toilette musste. Sie erzählt das ganz ruhig, so wie andere Leute ihren Freunden von einem zerbrochenen Teller berichten würden. Dumm gelaufen, aber nicht so schlimm.

Sarah Abdelkerim, 21, gehört zur dritten Kategorie der Misfit-Models, den Querköpfen. "Du bist hübsch", sagt Keens, es ist in diesem Fall mehr Vorwurf als Kompliment. Immerhin habe sie dunkle Haut und wilde Haare. Hübsch, das ist für Keens ein Synonym für langweilig. "Man schaut hin und vergisst die Gesichter sofort wieder."

Sarah war schon bei anderen Castings, für hübsche Menschen. Einmal wollte man Geld von ihr, ein anderes Mal behandelte man sie wie eine Puppe. "Das ist nichts für mich", sagt Sarah. "Ich will nicht halbnackt irgendwo rumstehen und nur Deko sein."

Auf dem Foto für die Mietwagenfirma ist Keens auch halbnackt. Er trägt einen goldfarbenen Badeanzug.

Foto: Jeannette Corbeau

Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.

Foto: Beatrice Blank
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