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Motivationstrainer: "Arme dran, Beine dran - super!"

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Motivationstrainer Die Schweinehundversteher

Nein, beim Motivationskurs muss niemand mehr barfuß über Glasscherben stapfen oder sich mit "Tschakka!" anbrüllen lassen. Moderne Trainer machen auf Kumpel statt Guru. Sie locken mit Plüschtieren, Cartoons und Apps.

Weil es wichtig ist, seine Feinde zu kennen, hat Stefan Frädrich den gefährlichsten gleich mitgebracht, als Plüschtier mit rosa Rüssel und braunem Fell. Es erinnert an Alf, den Außerirdischen, soll aber der innere Schweinehund sein. Jener Saboteur der guten Vorsätze, der einen auf der Couch festhält, obwohl man joggen gehen wollte, und immer eine Ausrede parat hat, warum es besser wäre, den schwierigen Vortrag erst am nächsten Tag vorzubereiten. Oder am Tag darauf. Vielleicht auch nie.

Frädrich hat dem Kerl einen Namen gegeben: Günter. Angeblich weiß er sogar, wie man Günter zähmt. Frädrich, 42, ist Motivationstrainer, ein Kahlkopf mit Brille, der seine Vorträge gestaltet wie eine Stand-up-Comedy. Sparkassen und IT-Firmen buchen ihn ebenso wie Hersteller von Gabelstaplern. Sie wollen ihren Mitarbeitern etwas Gutes tun - und damit langfristig der eigenen Rendite. Denn wer gut drauf ist, schafft mehr weg. Da manche Vorgesetzten es für ausreichend halten, wenn sie ihr Team nicht explizit demotivieren, muss Hilfe von außen her.

Frädrich ist Arzt und Betriebswirt. Er arbeitete in der Psychiatrie und in der Geschäftsführung eines mittelständischen Textilhändlers. Seit elf Jahren ist er nun auf Motivationstour. 15 Bücher hat er allein über den Schweinehund veröffentlicht. In seinem Online-Shop vertreibt er Günter als Schlüsselanhänger, Handpuppe und auf einer Porzellantasse. Heute spricht Frädrich in einem Hotel in Frankfurt am Main vor Angestellten eines Pharmagroßhandels. "Wer von Ihnen hat schon mal Bekanntschaft mit Günter gemacht?", ruft er in den Saal. 130 Finger gehen hoch. "Und wer von Ihnen hat schon versucht, ihn zu überwinden?" Genauso viele Finger. Frädrich sagt ernst: "Tun Sie das nicht!" 130 Leute staunen.

"Sie dürfen Günter nicht bekämpfen", warnt der Schweinehundversteher. "Locken Sie ihn. Halten Sie ihm ein Leckerli hin." Dazu zeigt er eine Zeichnung von Günter, der sich durch den Tiefschnee schaufelt, weil ihn am anderen Ende des Parks eine Fressbude erwartet. Der Anreiz müsse nur groß genug sein, sagt Frädrich, dann nähmen Menschen die größten Strapazen auf sich: "Männer rennen bei Sauwetter auf einer Wiese herum, schwitzen, stinken, riskieren Knochenbrüche. Frauen marschieren stundenlang mit immer schwererem Gepäck durch die Stadt, laufen sich Blasen, verlieren dabei Geld. Und beides freiwillig! Das eine heißt Fußball, das andere Shopping."

Buenos días, Messias: Barfuß über Glasscherben

Frädrich gehört einer neuen Generation von Motivationstrainern an. Sie sind nicht weniger geschäftstüchtig als ihre Vorgänger, erklären aber gleich beim Kennenlernen, wie wenig sie den Klischees entsprechen. Und wie sehr sie sich von den Gurus der ersten Generation unterscheiden, die rund um die Jahrtausendwende die Deutschen zu Höchstleistungen antreiben wollten. Alles sei möglich, predigten sie damals.

Zu den schillerndsten Vertretern der Zunft gehörte der Holländer Emile Ratelband ("Tschakka! Du schaffst es!"), der Teilnehmern seiner Seminare schon mal eine Boa um den Hals legte, um ihnen die Angst vor Schlangen zu nehmen und damit ebenfalls die vor dem Chef. Eine dubiose Größe war auch der frühere Versicherungsvertreter Bodo Schäfer. Er gab vor zu wissen, wie man in sieben Jahren zum Millionär wird. Blöd war nur, dass seine Coaching-Firma kurz nach dem Verkauf an einen Mitarbeiter insolvent ging. In Millionenhöhe bewegten sich dabei nur die Schulden.

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SPIEGEL JOB: Rundflug durchs Magazin

Foto: Sebastian Arlt/ SPIEGEL JOB

So richtig in Verruf geriet die Branche jedoch durch Jürgen Höller. Der nannte sich "Deutschlands teuerster Motivationstrainer" und ließ sich in seinen Shows feiern wie ein Messias. Seine Auftrittsmusik war "Sing Hallelujah!" vom singenden Zahnarzt Dr. Alban. Berühmt wurde Höller, als der damalige Fußballtrainer Christoph Daum ihn als Motivator für Bayer Leverkusen engagierte. Höller schickte die Spieler barfuß über Glasscherben. Seminarteilnehmern erzählte er, sie seien Adler. Seine Weiterbildungsfirma Inline AG wollte er ebenfalls zum Fliegen bringen. Doch statt an die Börse ging Höller 2003 in den Knast, verurteilt wegen Untreue und vorsätzlichen Bankrotts.

Inzwischen veranstaltet er wieder Massenerweckungen und nennt sie Power Days. Dank der richterlich verordneten Zwangspause kann der einstige Branchengott in seinen Vorträgen heute authentisch berichten, wie es sich anfühlt, am Boden zu liegen. Höller gibt sich geläutert: "Ich sage in meinen Kursen nicht mehr: Du bist der Beste! Sondern: Gib dein Bestes!"

Showprogramm statt Religionsersatz

Bunte Vögel finden sich auch unter den jüngeren Motivatoren. Christian Bischoff etwa, 37 Jahre alt. Der frühere Basketballtrainer und Junioren-Nationalspieler flitzt mit einem roten Stirnband über die Bühne und sagt Sätze, die man erst einmal sacken lassen muss: "Dein größtes Problem ist nicht dein Problem. Dein Problem ist, dass du glaubst, dein Problem sei dein Problem."

Die meisten Lebenshelfer aber treten zurückhaltender auf als die Einpeitscher zu Zeiten der Dotcom-Blase. Sie setzen sich als Motivationskumpel in Szene, weniger als -gurus. Ihre Auftritte sind Showprogramm statt Religionsersatz. Manche nennen sich in Abgrenzung zu den Tschakkas und Höllers lieber Inspirationstrainer. Oder schlicht Speaker. Und sie verzichten darauf, die Erwartungen ins Kosmische hochzujazzen.

So sagt Slatco Sterzenbach, 47, in seinen Seminaren: "Ich kann Sie nicht motivieren." Pause. "Motivation funktioniert nur von innen. Ich kann Ihnen aber einen Schlüssel geben. Reingehen dürfen Sie selbst." Der Diplom-Sportwissenschaftler hat in seinem Leben schon zweimal mit dem Rad die Erde umrundet, zusammengerechnet natürlich. 17-mal hat er den Ironman geschafft, den härtesten Triathlon der Welt. Sein Ruhepuls liegt angeblich bei 28 Schlägen pro Minute. All das kann man auf seiner Homepage nachlesen, unter "Slatco Sterzenbach in Zahlen" und "Diamanten seiner Karriere". Manchmal hält er seine Vorträge, während er auf einem Hometrainer strampelt.

Aus SPIEGEL JOB 1/2014

Der Text ist aus dem Magazin SPIEGEL JOB mit Beiträgen aus der Berufswelt - für Einsteiger, Aufsteiger, Aussteiger. Weitere Themen:

Prima, Ballerina: Der harte Alltag einer Spitzentänzerin / Ausstiegsträume: "Das mach ich eh nur fünf Jahre" / Branchenreport Energie: Zeit, dass sich was dreht.

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Sein Erfolg mag nicht nur in der Inszenierung als Fitness-Vorbild begründet sein, sondern auch in der Schlichtheit seiner Weisheiten. Einer von Sterzenbachs Vorträgen heißt "Der perfekte Tag". Darin rät er, morgens zwei Gläser heißes Wasser zu trinken, viel Obst zu essen, dazu zweimal in der Woche Muskeltraining. Wer würde widersprechen?

Abends, so Sterzenbach, möge man in ein Büchlein schreiben, was gut war am Tag. Und man solle sich regelmäßig fragen, was richtig läuft und was falsch. Hauptsache, man werde auf dem Sterbebett dereinst nicht vom Gedanken gequält, man habe zu viel verpasst im Leben. Sterzenbachs "perfekten Tag" gibt es auch als App. Die empfiehlt etwa ein "Nicht stören"-Schild für die Mittagspause. Und dabei ein Nickerchen.

"Arme dran, Beine dran - super!"

Stefan Frädrich verstellt ebenfalls niemandem den intellektuellen Zugang zu seinen Erkenntnissen. Er verbreitet fast nur frohe Botschaften, keine davon ohne Pointe. Besser als sich beim Aufwachen zu ärgern ("Scheiße, Montag!") seien positive Gedanken ("Arme dran, Beine dran - super!"). Beim Anblick des eigenen Spiegelbilds möge man sich nicht grämen, weil man nicht mehr aussehe wie Anfang zwanzig, sondern sich auf die Schulter klopfen: "Du wirst dicker, grauer, älter - aber du bist immer noch so geil drauf!" Läuft es trotzdem mal nicht rund, kann man sich das eigene Leben als Film vorstellen. Oder den Chef als Comicfigur.

Ein Seminar aus Frädrichs Portfolio mutet dann doch verwegen an. Der Titel ist ein Versprechen: "Nichtraucher in 5 Stunden". Und das ohne Nikotinpflaster. Statt mit Fotos von Raucherbeinen zu schockieren, schwärmt Frädrich in den fünf Stunden vom Leben als Nichtraucher und erklärt, was Nikotin mit dem Körper anstellt. Etwa die Hälfte der Teilnehmer sei nach zwei Jahren noch abstinent, versichert er. Er gibt aber zu, das bedeute auch: Die andere Hälfte habe wieder mit dem Rauchen angefangen. Wegen der großen Nachfrage hat er eine Kompaktversion des Vortrags entwickelt: "Nichtraucher in 20 Minuten". Valide Erkenntnisse über die Erfolgsquote gibt es nicht.

Und eine weitere positive Nachricht: Ab und zu dürfe man seinen Schweinehund auch streicheln, sagt Frädrich. "Gönnen Sie ihm ruhig mal eine fette Pizza oder einen faulen Vormittag im Bett. Umso lieber wird er danach mit Ihnen zusammenarbeiten." Es dürfte die einzige Regel sein, die garantiert jeder beherzigt.

Foto: Bernhard Riedmann/ DER SPIEGEL

SPIEGEL-Redakteur Alexander Kühn, 38, fragt sich, warum es eigentlich keine Schweinehundepensionen gibt, in denen man Günter mal für ein paar Tage abgeben kann.

Die Stickereien erstellte Christin Czura, 27. Sie arbeitet als Laborantin und verkauft nebenbei auf dawanda.com "Gesticktes, Gestricktes, Gehäkeltes und was mir sonst so in den Sinn kommt".