Tracht beim Kieferorthopäden "Im Dirndl ist jede Frau gut angezogen"

In einer Münchner Kieferorthopädie tragen die Mitarbeiterinnen ausschließlich Dirndl. Chefin Marie-Catherine Klarkowski erklärt warum - und was der einzige Mann in der Praxis anhat.

Michael Helwig

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Frau Klarkowski, warum tragen Sie und Ihre Mitarbeiterinnen in der Praxis Dirndl?

Klarkowski: Ich habe die Praxis im bayerischen Hüttenstil gestaltet, weil ich wollte, dass es die Patienten so gemütlich wie möglich haben. Da ist es nur konsequent, wenn wir bei dem Ambiente auch Dirndl tragen.

Zur Person
  • Michael Helwig
    Marie-Catherine Klarkowski leitet die Kieferorthopädie "Relax and Smile". Sie ist in Berlin aufgewachsen, lebt aber seit vielen Jahren in der bayerischen Landeshauptstadt und besitzt mittlerweile einen riesigen Schrank voller Dirndl. Auch privat trägt sie die Tracht gern.

SPIEGEL ONLINE: Haben alle Mitarbeiterinnen das gleiche Dirndl an?

Klarkowski: Ja. Wir haben mit Dirndln von der Stange angefangen. Inzwischen haben wir aber diverse Kooperationen mit unseren Herstellern, also Dirndlmanufakturen. Vor zwei Jahren habe ich sogar eine eigene Dirndl-Kollektion entworfen - zu unserem zehnjährigen Geburtstag - mit dem Namen Dr. Dirndl. Bei der Zusammenarbeit mit den Herstellern müssen wir ja doch auf spezielle Dinge achten.

SPIEGEL ONLINE: Nämlich?

Klarkowski: Die Dirndl müssen alltagstauglich und einfach zu reinigen sein. Strass und Glitzer sind also schlecht. Ein Seidendirndl, das knittert oder ein Samtdirndl, das nicht atmungsaktiv ist, eignet sich auch nicht für den alltäglichen Gebrauch. Deswegen tragen wir Dirndl aus Polyester, gemischt mit Baumwolle.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft wechseln Sie und Ihre Mitarbeiterinnen die Tracht?

Klarkowski: Wir tragen jeden Tag unterschiedliche Dirndl. Jeder weiß, welches er an welchem Wochentag anziehen muss. Wir nennen das intern den "Dirndlkodex".

SPIEGEL ONLINE: Welches Dirndl ist denn zum Beispiel montags an der Reihe?

Klarkowski: Montags tragen wir ein lilafarbenes Dirndl mit Hirschen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es für jeden Tag eine andere Farbe?

Klarkowski: Die Dirndl sind alle in den Praxisfarben Lila und Gold gehalten.

SPIEGEL ONLINE: Tragen Sie und Ihre Mitarbeiterinnen über dem Dirndl einen Kittel?

Klarkowski: Wir haben zwar Kittel, aber im Regelfall tragen wir ihn nicht über dem Dirndl. Wir arbeiten aber auch nicht in einer Zahnarztpraxis, sondern in der Kieferorthopädie, wir ziehen also keine Zähne und behandeln keine offenen blutigen Wunden. Natürlich unterliegen wir den ganz normalen Hygieneanforderungen von der Zahnärztekammer. Wir haben uns auch attestieren lassen, dass alles korrekt ist.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich schon mal jemand in Ihrer Praxis beworben, der kein Dirndl tragen wollte?

Klarkowski: Wir hatten einmal eine Bewerberin, die hatte vorher nicht auf unsere Webseite geschaut und war dann sehr überrascht. Die Mitarbeiter sollten sich mit der Praxis identifizieren. Wir positionieren uns ja auch mit unserem Ambiente und den Dirndln. Ich vergleiche das immer mit Fluglinien. Da können die Mitarbeiter auch nicht sagen, dass sie keine Lust auf die Uniformen haben. Bei uns komme ich außerdem für die Praxiskleidung auf, die Mitarbeiter müssen nichts bezahlen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, bei Ihnen herrscht "Dirndl-Pflicht"?

Klarkowski: So kann man das sagen. Aber wie gesagt, die Dirndl sind ja etwas Positives. Pflicht hört sich so negativ an. Auf die Dirndl-Idee kam ich ja auch, weil ich Bioschuhe, ausgewaschene Poloshirts und vergraute, weiße Hosen nicht mag. Im Dirndl ist jede Frau adrett und immer gut angezogen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es einem Patienten, der seine Zähne richten will, nicht egal, was die Kieferorthopäden tragen?

Klarkowski: Man muss sich aus der Masse der Kollegen abheben. Die Patienten verhalten sich inzwischen ja auch ganz anders, sie schauen sich die Ärzte im Internet und auf Bewertungsportalen an. Da ist es schon wichtig, wie man wahrgenommen wird. Viele Patienten sind dann allerdings schon überrascht, dass hier wirklich alles so aussieht wie auf den Fotos.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch Männer, die in Ihrer Praxis arbeiten?

Klarkowski: Wir haben einen Zahntechniker. Der arbeitet im Labor ganz regulär in seiner Arbeitskleidung, also in einem Kittel.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, er muss keine Lederhose tragen?

Klarkowski: Die trägt er nur für Fotos und wenn wir ausgehen, zum Oktoberfest oder Frühlingsfest in München.

SPIEGEL ONLINE: Kommt es denn auch mal vor, dass die Patienten den Ärztinnen und Arzthelferinnen zu tief ins Dekolleté schauen?

Klarkowski: Wir tragen hochgeschlossene Blusen zu den Dirndln. Da stellt sich die Dekolletéfrage gar nicht. Wir sind ja hier nicht auf einem Volksfest, sondern konzentrieren uns auf kieferorthopädische Behandlung.

SPIEGEL ONLINE: Dann ist der Rest also wie in jeder anderen Praxis?

Klarkowski: Die Patienten sollen bei uns relaxen und sich eher wie im Urlaub fühlen. Wir möchten, dass sie entspannt in die Behandlung gehen, dann funktioniert es auch besser. Um die Wahrnehmung der Patienten positiv zu beeinflussen, benutzen wir spezielle Aromen. Wichtig ist, dass diese nicht nach Zahnarzt riechen, sondern im Sommer frisch und zitronig und im Winter nach Vanille und Bergamotte. Außerdem arbeiten wir auch mit einer Heilpraktikerin, mit Osteopathen und Physiotherapeuten zusammen. Wir haben auch eine Magnetfeldliege, die den Patienten über Schwingungen, Musik und Sound entspannen kann.

SPIEGEL ONLINE: Da kommt dann aber keine bayerische Volksmusik?

Klarkowski: Nein, nur dezente Loungemusik. Die bayerische Volksmusik läuft bei uns nur auf dem WC.

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insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
Selbstzweck 06.06.2016
1.
Abgesehen davon das Frau Klarkowski in Berlin schmerzlich vermisst wird, sollte ihr nicht entgangen sein das besonders die afrikanischen und asiatischen Frauen im Dirndl besonders gut aussehen.
Plasmabruzzler 06.06.2016
2.
"SPIEGEL ONLINE: Das heißt, bei Ihnen herrscht "Dirndl-Pflicht"? Klarkowski: So kann man das sagen. Aber wie gesagt, die Dirndl sind ja etwas Positives." Eine sehr einseitige Sicht der Dinge und - wie ich finde - eine Bevormundung der Mitarbeiterinnen. Für bestimmte Berufsgruppen gibt es (aus gutem Grund) einen bestimmtem Kleidungskodex - z. B. Sicherheitsschuhe im Handwerksbereich oder Uniformen bei der Bundeswehr. Wer am Dirndl etwas Positives empfindet, hat wohl vergessen, dass diese Kleidung je nach Farbkombination und Ausstattung die Trägerin einer bestimmten Region und/oder sozialen Schicht zuordnet. Ich finde die ganze Idee zwar witzig, aber dies als Pflicht zu machen und erwarten, dass dies jeder positiv sieht, kann ich nicht nachvollziehen.
Greggi 06.06.2016
3. Nun ja ...
"Um die Wahrnehmung der Patienten positiv zu beeinflussen, benutzen wir spezielle Aromen. Wichtig ist, dass diese nicht nach Zahnarzt riechen, sondern im Sommer frisch und zitronig und im Winter nach Vanille und Bergamotte." Frau Doktor sollte sich mal zu diesem Thema bei einem Kollegen, der Allergien behandelt, updaten.
Brillenschlumpf 06.06.2016
4. Tolle Idee
Tolle Idee, in einem Satz beschreibbar, ein Alleinstellungsmerkmal und somit insgesamt sehr sympathisch. Es müssen nicht immer die großen Business-Pläne sein, die ein Unternehmen/eine Praxis zum Erfolg führen. Man kann der Praxis nur raten, ihre Kollektion auch an andere nicht-medizinische Berufsgruppen anzupassen, funktioniert zumindest in München sicherlich sehr erfolgreich.
dipl-inge 06.06.2016
5. Finde ich SUPER!
Das würde ich gern viel mehr sehen. Erstens schaut JEDE Frau in einem Dirndl gut aus (Bei den Männern die Lederne Kniebundhose und a gscheites Hemd) und zwoatens pflegt das unsere Kultur und letzteres gewinnt für unsere nationale Identität zunehmend an Bedeutung. Wieso nicht auch in Bautzen in einer sorbischen Tracht, etc? Meine Hochachtung vor der Chefin und ihrem Praxisteam.
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