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Job & Karriere

Alltag eines Kardiologen "Wir schleusen immer mehr Patienten durch"

In München treffen sich an diesem Wochenende etwa 31.000 Herzspezialisten aus 150 Ländern zum Europäischen Kardiologenkongress. Aber wie sieht eigentlich ihr Joballtag aus? Ein Arzt erzählt.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

Ich liebe meinen Job; das schnelle und präzise Arbeiten, den Umgang mit verschiedenen Menschen, die Abwechslung. Aber leider wird die Zeit immer knapper, die ich für meine Patienten habe. Krankenhäuser werden zunehmend wie Wirtschaftsunternehmen gesehen: Wir müssen profitabel sein und Gewinn machen, immer effizienter arbeiten - und immer mehr Patienten durchschleusen.

In der Kardiologie liegt ein Patient im Durchschnitt etwa drei Tage, mit einem Herzinfarkt können es auch mal fünf sein, mit einem kleineren operativen Eingriff vielleicht auch nur zwei. Viele Eingriffe, die früher stationär gemacht wurden, werden heute ambulant durchgeführt. Dazu zählen manche Herzkatheteruntersuchungen oder auch das Einsetzen eines Herzschrittmachers. Jedem einzelnen Patienten dabei noch gerecht zu werden, ist herausfordernd.

Ich arbeite seit zehn Jahren in meinem Beruf, mittlerweile bin ich Oberarzt in einer Universitätsklinik. Beeindruckend finde ich den technischen Fortschritt, den ich in dieser Zeit erleben durfte. Es ist toll, dass der Europäische Kardiologenkongress in diesem Jahr in Deutschland stattfindet. Dort werden die neuesten wissenschaftlichen Ergebnisse präsentiert, darauf freue ich mich schon - und auf die Treffen mit vielen Kollegen aus unterschiedlichen Ländern. Auch ich persönlich lerne immer Neues dazu. Mittlerweile kann ich etwa Herzrhythmusstörungen schon beim Abhören erkennen. Das macht mich stolz.

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Das anonyme Jobprotokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Mein Arbeitsvertrag sieht 40 Stunden in der Woche vor, aber damit komme ich bei weitem nicht aus. Manchmal schaffe ich es kaum, die vorgeschriebenen Ruhezeiten einzuhalten.

Aber darauf hatte ich mich schon vor meinem Studium eingestellt. Der Ärztemangel ist ja allgemein bekannt. Wir sind einfach chronisch zu wenig Personal für immer mehr Arbeit.

Fällt das Herz aus, geht nichts mehr

Arzt war schon als Kind mein Traumberuf, aber ich konnte mich lange nicht entscheiden, worauf ich mich spezialisieren wollte. Auch im Studium fand ich noch alles gleich spannend: Anatomie, Physiologie, die Funktionen der verschiedenen Organe im Körper. Im praktischen Jahr müssen drei Stationen absolviert werden: Innere Medizin, Chirurgie und ein Wahlfach. Während meiner Zeit bei der Inneren wurde ich unter anderem in der Kardiologie eingesetzt - und hier gefiel es mir so gut, dass ich bleiben wollte.

Ich hatte zwei Mentoren, beide großartige Ärzte, die es verstanden, gleichzeitig fachlich brillant zu sein und den Patienten auf Augenhöhe zu begegnen. Das hat mich sehr beeindruckt. Außerdem ist das Herz ein sehr spannendes und vielfältiges Organ. Fällt es aus, geht nichts mehr.

Im praktischen Jahr ist man eigentlich noch Student, lernt aber unter Anleitung schon, Patienten zu versorgen. In dieser Zeit begegnete ich auch das erste Mal einem Menschen mit akutem Herzinfarkt. Damals war ich froh, in der Situation nicht ganz allein entscheiden zu müssen.

Als ich als Assistenzarzt das erste Mal allein einen Patienten mit Herzinfarkt in der Notaufnahme betreuen musste, rutschte mir mein eigenes Herz fast in die Hose, so nervös war ich. Ich wusste: Wenn ich jetzt nicht schnell genug bin oder eine falsche Entscheidung treffe, wird das für den Patienten gesundheitlich gravierende Folgen haben. Im schlimmsten Fall kann er sogar sterben.

Bei einem Herzinfarkt muss das verschlossene Gefäß so schnell wie möglich wieder geöffnet werden. Da ist Teamarbeit gefragt. Eine Katheterschwester und der Oberarzt sind in jedem Fall dabei und entscheiden, welche Schritte eingeleitet werden. Wenn ich die Diagnose nur richtig und früh genug gestellt habe, läuft alles nach einem vorgefertigten Plan, wir sind ein eingespieltes Team.

Manchmal kommt es vor, dass ich einen Patienten nicht retten kann, und das nehme ich auch schon mal mit nach Hause. Das finde ich aber gar nicht schlimm, ich bin schließlich auch nur ein Mensch mit Gefühlen.

Süßigkeiten für die Krankenschwestern

Im Team stützen wir uns gegenseitig. Wenn mich eine Situation nicht mehr loslässt, habe ich hier immer einen Gesprächspartner. Auch mit meiner Frau, die selbst Ärztin ist, kann ich in solchen Situationen immer reden. Für mich ist nur eines wichtig: Ich muss wissen, dass ich selbst mein Bestes gegeben habe und für den Patienten getan habe, was ich konnte.

Besonders schön ist es dagegen, wenn alles gut verläuft. Ich erinnere mich an ein älteres Paar, der Mann hatte einen Herzinfarkt und die Frau lief nervös vor der Tür auf und ab, bis die Untersuchung zu Ende war. Als ich ihr mitteilte, dass ihr Mann wieder gesund wird, konnte ich ihre Erleichterung förmlich spüren. Das war ein schöner Moment.

Aus Dankbarkeit schenken uns Patienten auch immer wieder mal Süßigkeiten oder schreiben Briefe. Darüber freue ich mich immer. Die Süßigkeiten gebe ich meist gleich an die Krankenschwestern weiter. Als Arzt darf ich eigentlich keine Geschenke annehmen, aber die ganze Station freut sich über solche Aufmerksamkeiten sehr.

Ein enger Kontakt zu meinen Patienten ist mir wichtig. Ich nehme mir die Zeit, so gut ich kann, auch wenn das zu noch mehr Überstunden führt. Eine große Portion Idealismus gehört eben auch zu meinem Beruf.

Video: Überlastete Notaufnahmen - "Ich bin krank, ich habe Herzschmerz!"

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