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28. Dezember 2011, 13:26 Uhr

Mythen der Arbeit

Die Mehrheit der Beschäftigten ist männlich - stimmt's?

Der Trend ist weiblich, sagt Arbeitsforscher Joachim Möller. Denn auf allen Ebenen der Berufswelt holen Frauen auf. Was es heute nicht mehr gibt: Eine weibliche Reservearmee auf dem Arbeitsmarkt, je nach Bedarf mal reingezwängt, mal rausgedrängt - diese Zeiten sind vorbei.

Dieses Mal stimmt die Überschrift der Kolumne ausnahmsweise - aber nur um Haaresbreite. So kommt es, dass die Aussage trotzdem in die Irre führt. Tatsache ist: Mittlerweile sind 49 Prozent der Beschäftigten in Deutschland Frauen. Vor 20 Jahren lag ihr Anteil noch bei 44 Prozent - die Teilnahme von Frauen am Erwerbsleben hat also deutlich zugenommen.

Beim Anteil an allen geleisteten Arbeitsstunden, dem so genannten Arbeitsvolumen, haben die Frauen mit 43 Prozent bis heute noch nicht gleichgezogen. Der Grund liegt in der im Mittel unterschiedlichen Arbeitszeit: Drei Viertel aller Teilzeitstellen, jedoch nur ein gutes Drittel der Vollzeitarbeitsplätze werden von Frauen besetzt. Dennoch: Auch beim Arbeitsvolumen haben weibliche Beschäftigte Boden gutgemacht, immerhin stieg ihr Anteil seit 1991 um vier Prozentpunkte.

Die Zahlen zeigen, dass das Erwerbsverhalten von Frauen einem fundamentalen Wandel unterliegt. Die Teilnahme am Arbeitsleben gehört für die große Mehrheit der Frauen zu ihrem Lebensentwurf hinzu. Dabei kommt den Frauen der Strukturwandel der Wirtschaft entgegen. Die von Männern dominierten Arbeitsplätze im Verarbeitenden Gewerbe - also etwa der Eisen- und Stahlindustrie oder dem Maschinenbau - schrumpfen im Zeitablauf. Bei der wachsenden Zahl der Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich kommen dagegen vielfach Frauen zum Zuge. Der Trend ist weiblich.

Teilzeit bringt Nachteile bei Einkommen, Karriere, sozialer Sicherung

Der Anteil der Frauen an den Beschäftigten unterscheidet sich übrigens kaum zwischen Ost und West. Anders sieht es bei der Teilzeitquote aus: Sie ist bei den ostdeutschen Frauen mit 45 Prozent wesentlich niedriger als bei den westdeutschen (54 Prozent). Neben der stärkeren Erwerbsorientierung ostdeutscher Frauen spielt auch die dort besser ausgebaute Kinderbetreuung eine Rolle. Dass in Ostdeutschland die Lebenspartner häufiger arbeitslos sind als im Westen, erhöht in der Tendenz ebenfalls das Arbeitsangebot von Frauen.

Während bundesweit also rund die Hälfte aller Frauen teilzeitbeschäftigt ist, arbeiten Männer nach wie vor erheblich seltener in Teilzeit. Auch ihre Teilzeitquote hat jedoch deutlich zugenommen und liegt jetzt bei 17 Prozent. Während Männer Teilzeit vor allem am Anfang und Ende ihres Erwerbslebens nutzen, nimmt bei Frauen die Teilzeitarbeit häufig im gesamten Erwerbsleben nach der Familiengründung breiten Raum ein. Das bringt Nachteile beim Einkommen, der Karriere und der sozialen Sicherung mit sich, Stichwort: Rentenansprüche.

Die Hälfte der teilzeitbeschäftigten Frauen würde ihre vereinbarte Arbeitszeit gerne ausweiten. Im Schnitt würden sozialversicherungspflichtig beschäftigte Frauen mit einer Teilzeitstelle gern vier Stunden pro Woche mehr arbeiten, geringfügig beschäftigte Frauen sogar neun Stunden.

Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit von Frauen würde sich um gut 2,5 Stunden auf rund 32 Stunden erhöhen, wenn alle Verlängerungswünsche umgesetzt werden könnten. Landesweit entspräche dies einem Arbeitsvolumen von 40,5 Millionen Stunden wöchentlich. Rechnet man all das in Vollzeitstellen um, kämen circa eine Million davon zusammen. Allein in den nicht realisierten Arbeitszeitwünschen von Frauen steckt also ein erhebliches Potenzial.

Frauen sind nicht mehr die Arbeitsmarkt-Reservearmee

An diesem Punkt bietet sich an, sich gleich mit einem weiteren Mythos zu beschäftigen: Viele würden spontan annehmen, dass sich in der sogenannten Stillen Reserve deutlich mehr Frauen als Männer befinden. Zur Stillen Reserve gehören jene, die keine Beschäftigung haben, jedoch grundsätzlich erwerbsbereit wären und aus den verschiedensten Gründen nicht in der Arbeitslosenstatistik erscheinen.

Ein typischer Fall wäre eine Person, die sich vom Arbeitsmarkt zurückzieht, da sie für sich ohnehin keine Job-Chancen sieht. Wenn kein Anspruch auf Arbeitslosengeld besteht, liegt es nahe, sich dann auch gar nicht erst arbeitslos zu melden.

Früher waren tatsächlich mehrheitlich Frauen in der Stillen Reserve: So setzte sich im Jahr 1975 die Stille Reserve aus etwa 60 Prozent Frauen und 40 Prozent Männer zusammen. Seit den achtziger Jahren sank der Anteil der Frauen an der Stillen Reserve aber nahezu kontinuierlich und pendelte sich bereits in den neunziger Jahren bei rund 50 Prozent ein. Die Zeiten sind vorbei, in denen Frauen eine Reservearmee von Arbeitskräften bildeten, die je nach Bedarf rekrutiert oder aus dem Arbeitsmarkt verdrängt werden.

Um das Bild vollständig zu machen, sei noch ergänzt, dass auch unter den Arbeitslosen Männer und Frauen ungefähr gleich stark vertreten sind. Anders sieht es bei den Selbständigen aus. Da sind Männer deutlich in der Mehrheit. Der Frauenanteil an den Erwerbstätigen insgesamt ist mit 48 Prozent daher etwas niedriger als der Frauenanteil an den Beschäftigten.

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