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Job & Karriere

Mythen der Arbeit Fortschritt kostet Arbeitsplätze - stimmt's?

Ein Roboter mehr, ein paar Kollegen weniger: Oft wird technischer Fortschritt mit Massenentlassungen gleichgesetzt. Unterm Strich gilt dieser Automatismus aber meist nicht. Arbeitsforscher Joachim Möller erklärt, welche Art Fortschritt Arbeitnehmer tatsächlich fürchten müssen.
Kollege Roboter: Wieder ein paar Mitarbeiter überflüssig gemacht?

Kollege Roboter: Wieder ein paar Mitarbeiter überflüssig gemacht?

Foto: dapd

Es ist eine Urangst moderner Gesellschaften, dass der technische Fortschritt Arbeitsplätze vernichten könnte. Es mangelt auch nicht an Belegen: So entzog gegen Mitte des 19. Jahrhunderts der mechanische Webstuhl dem traditionellen Handwerk mehr und mehr die wirtschaftliche Grundlage. Die eintretende soziale Verelendung war der Grund für den Maschinensturm und Aufstand der schlesischen Weber im Jahr 1844.

Auch aus jüngerer Zeit lassen sich viele Beispiele anführen wie die Verdrängung von Bankangestellten durch Geldautomaten, von Buchhaltern durch elektronische Buchungssysteme oder von Produktionsarbeitern durch Roboter. Zweifellos kann technischer Fortschritt nicht nur mit einem tiefgreifenden Strukturwandel, sondern auch mit Jobverlusten einhergehen.

Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Denn die Jobverluste können durch neu geschaffene Arbeitsplätze an anderer Stelle mehr als aufgewogen werden. Josef Schumpeter, einer der einflussreichsten Ökonomen des 20. Jahrhundert, hat von "kreativer Zerstörung" gesprochen. Das Neue wächst sozusagen aus der Asche des Alten.

Wir erleben ständig, dass alte Produkte - wie der Kassettenrecorder, das Speichermedium Diskette oder die analoge Fotokamera - vom Markt verschwinden und durch leistungsfähigere oder marktgängigere Produkte wie den iPod, die optischen Speichermedien oder die Digitalkamera ersetzt werden. Dahinter steht jeweils auch ein Umbau der Wirtschaft, bei dem Arbeitsplätze wegfallen und neu entstehen. Aber nur Standorte, die beim technischen Fortschritt die Nase vorn haben, bleiben wettbewerbsfähig, nur dort werden hochwertige Arbeitsplätze geschaffen. Aus dieser Sicht ist der technische Fortschritt das Lebenselixier einer dynamisch wachsenden Wirtschaft.

Fluch oder Segen? Beides

Der technische Fortschritt ist also Fluch und Segen zugleich, er vernichtet Arbeitsplätze und schafft neue. Die entscheidende Frage ist, wie jeweils die Nettobilanz ausfällt. Kommt es durch technischen Fortschritt unter dem Strich zu mehr Arbeitsplätzen als verloren gehen oder ist es anders herum? Für die Antwort auf diese Frage muss man genauer hinsehen.

Beim technischen Fortschritt sind mehrere Aspekte zu unterscheiden. Zum einen führt er dazu, dass neue Produkte und Dienstleistungen geschaffen werden beziehungsweise sich deren Qualität verbessert (Produktinnovationen). Zum anderen bewirkt er, dass die Verfahren bei der Herstellung von Gütern und Diensten effizienter werden (Prozessinnovationen).

Gehen wir zunächst auf die Prozesse ein. Werden Produktionsverfahren verbessert, so wird die Wertschöpfung pro Arbeitskraft gesteigert, das heißt: Die Produktivität der Arbeit steigt. Für die gleiche Menge an Gütern oder Diensten benötigt man weniger Arbeitseinsatz. Dies ist der Einspareffekt des technischen Fortschritts. Die Herstellungskosten pro Stück sinken, Güter oder Dienste können billiger angeboten werden. Darauf reagieren die Kunden: Der günstige Preis mobilisiert zusätzliche Nachfrage. Dies ist der Nachfrageeffekt.

Neue Güter sorgen für Arbeit

Durch den Nachfrageeffekt wird wieder mehr Arbeitskraft benötigt. Ob der technische Fortschritt Arbeitsplätze kostet oder schafft, hängt davon ab, ob der Einspareffekt größer ist als der Nachfrageeffekt oder umgekehrt - beides ist möglich.

Über die Größe des Nachfrageeffekts lässt sich eine generelle Aussage treffen: Der Effekt wird klein sein, wenn der Markt für das betreffende Gut weitgehend gesättigt ist. Eine Preissenkung wirkt dann kaum nachfragesteigernd. Nehmen wir Standardgüter wie Kühlschränke oder Bügeleisen: Ein günstigerer Preis wird nur wenig Verbraucher motivieren, mehr von diesen Gütern zu kaufen, da sie in der Regel schon ein solches Produkt besitzen. Bei schon lange verbreiteten Gütern und hoher Marktsättigung ziehen Prozessinnovationen durch technischen Fortschritt also mit ziemlicher Sicherheit Arbeitsplatzverluste nach sich.

Ganz anders bei neuen Produkten. Diese sind bei Markteinführung in der Regel zunächst einmal teuer, so dass nur wenige sie sich leisten können. Beispielsweise waren die ersten Laptops, die auf den Markt kamen, Luxusgüter. Mit dem technischen Fortschritt bei den Produzenten stieg deren Produktivität, die Preise sanken dramatisch. Das Produkt wurde für immer mehr Verbraucher erschwinglich und damit zum Massenprodukt. Da der Nachfrageeffekt den Einspareffekt klar überwiegt, werden im Herstellungsprozess weltweit insgesamt heute viel mehr Arbeitskräfte benötigt als zur Zeit der Markteinführung. Der technische Fortschritt hat unter dem Strich zu einem deutlichen Mehr an Beschäftigung geführt.

Hohe Löhne? Fortschritt, bitte!

Ob der technische Fortschritt Fluch oder Segen für die Beschäftigten ist, hängt ganz entscheidend davon ab, wie stark die Nachfrage nach Gütern und Diensten auf Preissenkungen reagiert. Bei neuen Gütern überwiegt der Nachfrageeffekt, bei alten der Einspareffekt.

Für ein Land wie Deutschland, das im Weltmaßstab ein Hochlohnland ist, wäre es fatal, eine Verlangsamung des technischen Fortschritts anzustreben. Standardgüter, für die der Markt bei uns wie bei unseren Haupthandelspartnern weitgehend gesättigt ist, haben hier kaum eine Zukunft. Stattdessen wird es darum gehen, nicht nur auf effiziente Produktionsverfahren zu setzen, sondern auch auf innovative Produkte und Dienstleistungen.

Dabei sollte man den Begriff "innovativ" nicht zu eng fassen. Auch alte Produkte lassen sich durch wesentliche Veränderungen in ihren Qualitätseigenschaften wie Energieverbrauch, Design oder Nutzerfreundlichkeit neu erfinden.

Klar ist aber eines: Ohne technischen Fortschritt als Motor der Entwicklung ist eine Innovationsstrategie von vornherein zum Scheitern verurteilt. Es ergibt auch unter Beschäftigungsaspekten Sinn, ihn zu fördern statt zu behindern.

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