Mythen der Arbeit Für Arbeitslose werden Milliarden verpulvert - stimmt's?

Die Arbeitsmarktpolitik muss oft als Beispiel staatlicher Verschwendung herhalten - zu Unrecht, findet Arbeitsforscher Joachim Möller. Zum Beispiel seien die Ein-Euro-Jobs besser als ihr Ruf. Gerade im Aufschwung gilt: Wer hier spart, tut das auf Kosten der Langzeitarbeitslosen.

Arbeitsmarktpolitik: Alles sein Geld wert?
ddp

Arbeitsmarktpolitik: Alles sein Geld wert?


"Milliardengrab am Arbeitsmarkt", urteilte die Zeitung "Die Welt" vor ein paar Jahren über die Arbeitsmarktpolitik. Gemeint waren die arbeitsmarktpolitischen Instrumente, also beispielsweise Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Weiterbildungskurse. Aus der aufwendigen aktiven Arbeitsmarktpolitik würden oft keine signifikanten oder sogar negative Beschäftigungseffekte resultieren, schrieb die Zeitung damals.

Die Behauptung hört man immer wieder. Aber ist diese sehr skeptische Einschätzung der Wirksamkeit arbeitsmarktpolitischer Instrumente aus heutiger Sicht korrekt?

Seit den Hartz-Reformen gibt es kaum einen Politikbereich, der so genau wie siw Arbeitsmarktpolitik untersucht wurde. Die Studien haben ergeben, dass sich viele Maßnahmen sehr wohl günstig auf die Jobchancen der Teilnehmer auswirken. Insgesamt ist die aktive Arbeitsmarktpolitik in Deutschland erheblich besser als ihr Ruf. Zugleich zeigt sich aber, dass es bei der Auswahl der Teilnehmer und bei der Durchführung der Maßnahmen in vielen Fällen noch deutlichen Verbesserungsbedarf gibt.

Ein-Euro-Jobs: Und sie taugen doch

Beispielsweise sind die vielgeschmähten Ein-Euro-Jobs an sich kein verkehrtes Instrument. Für die richtige Zielgruppe eingesetzt, helfen sie bei der sozialen Integration. Viele berichten, dass sie froh über diese Arbeit sind, weil ihnen davor zuhause die Decke auf den Kopf gefallen sei. Sie freuen sich darüber, wieder unter Menschen zu sein und etwas Sinnvolles zu tun zu haben. Mittel- und langfristig verbessern die Ein-Euro-Jobs bei Arbeitslosen mit geringen Job-Chancen, sogenannten arbeitsmarktfernen Personen, die Aussichten auf einen Arbeitsplatz.

Die Forschung hat aber auch gezeigt, dass häufig Personen mit eigentlich guten Aussichten auf eine reguläre Stelle Ein-Euro-Jobs verordnet wurden. Dass das wenig sinnvoll ist, liegt auf der Hand. Und sicher lässt sich auch in dem einen oder anderen Fall kritisch hinterfragen, wofür Ein-Euro-Jobber eingesetzt wurden und ob sie reguläre Jobs verdrängen. Dafür kann man aber nicht das Instrument selbst verantwortlich machen. Seine Abschaffung hieße, das Kind mit dem Bade auszuschütten.

Die Studien zeigen klar: Beim Einsatz arbeitsmarktpolitischer Instrumente darf man keinesfalls mit der Gießkanne vorgehen. Es gibt leider auch nicht die eine ideale Maßnahme, die immer passt, viel bewirkt und bei der zudem noch Mitnahmeeffekte ausgeschlossen sind. Stattdessen sehen wir immer Licht- und Schattenseiten. Dort, wo die Wirkungen besonders stark sind, drohen meist auch hohe Mitnahme- oder Verdrängungseffekte. Unterm Strich bleibt dennoch: Richtig eingesetzt sind die Instrumente sinnvoll, auch wenn dies vielfach erst mit Zeitverzögerung sichtbar wird.

Mitnahmeeffekte lassen sich praktisch nicht vermeiden

Die Förderung der beruflichen Weiterbildung beispielsweise wirkt sich positiv auf die Beschäftigungschancen der Teilnehmer aus. Doch dieser Effekt tritt in der Regel nicht sofort ein. Bei der Förderung der Existenzgründung sind die Erfolge schnell sichtbar und bleiben auch langfristig bestehen - aber einige der Geförderten hätten sich wohl auch ohne Unterstützung erfolgreich selbstständig gemacht. Genauer quantifizieren lassen sich solche Mitnahmeeffekte leider kaum. Im Gegensatz zum Missbrauch ist die Mitnahme einer Förderung übrigens meist völlig legal. Klar ist jedoch, dass Mitnahmeeffekte die Effizienz der eingesetzten öffentlichen Mittel deutlich schmälern können.

Vermittlungsgutscheine verbessern die Integrationschancen zwar tendenziell, dafür sind die Beschäftigungsverhältnisse im Schnitt kürzer. Und gerade bei diesem Instrument häufen sich Hinweise nicht nur auf Mitnahme, sondern auch auf Missbrauch.

Wenngleich die arbeitsmarktpolitischen Instrumente nicht so schlecht sind, wie immer wieder behauptet wird, lässt sich noch einiges verbessern. Einige sehr ähnliche Instrumente sollten zusammengefasst werden, beispielsweise die vielen verschiedenen Varianten der Eingliederungszuschüsse, die als Lohnkostenzuschuss an Arbeitgeber gezahlt werden können. Zudem wäre es vernünftig, den Spielraum der Arbeitsvermittler beim Einsatz der Förderinstrumente zu erhöhen. Das heißt dann aber auch: Die Anforderungen an die Vermittler steigen, wodurch ihre Qualifikation noch wichtiger wird als bisher schon. Hier Abstriche zu machen, wäre sicher verkehrt.

Falsch ist sicher auch die Vorstellung, man könne bei der aktiven Arbeitsmarktpolitik im gleichen Umfang sparen wie die Arbeitslosenzahlen zurückgehen. Gewichtige Argumente sprechen dafür, den Rotstift hier nur sehr vorsichtig anzusetzen. So sollte die Zuwanderung gezielt gesteuert und das große Potenzial an arbeitslosen Fachkräften im Inland genutzt werden. Ohne Fördermaßnahmen wird das aber kaum in größerem Umfang gelingen. Der harte Kern von Langzeitarbeitslosen wird umso härter, je mehr er schrumpft.

Zugleich ist aber die Aufnahmebereitschaft des Arbeitsmarktes zurzeit sehr hoch. Die Integrationschancen nach Fördermaßnahmen sind deshalb günstig. Es wäre schade, wenn Deutschland die einmalige Chance, die Langzeitarbeitslosigkeit nachhaltig zu verringern, durch Knauserei an falscher Stelle verpassen würde.



insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
muunoy 26.07.2011
1. Blödsinn
Zitat von sysopDie Arbeitsmarktpolitik muss oft als Beispiel staatlicher Verschwendung herhalten - zu Unrecht, findet Arbeitsforscher Joachim Möller. Zum Beispiel seien die Ein-Euro-Jobs besser als ihr Ruf. Gerade im Aufschwung gilt: Wer hier spart, tut das auf Kosten der Langzeitarbeitslosen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,776062,00.html
Blödsinn, die meisten Fördermassnahmen sind rausgeworfenes Geld. Beispiel: Als ich mich selbständig gemacht habe, habe ich selbstverständlich 6 Monate Gründungszuschuss beantragt (gab nur 6, weil ich selbst mein Anstellungsverhältnis gekündigt habe und nicht gekündigt wurde). Dies aber nur, weil mich ein Freund auf diese Möglichkeit aufmerksam gemacht habe. Und ganz klar: Wer für den Schritt in die Selbständigkeit auf den Gründungszuschuss angewiesen ist, sollte es besser lassen. Eine steuerliche Entlastung für z. B. die ersten 3 Jahre in der Selbständigkeit wäre erheblich effizienter, einfacher umzusetzen und würde Gründer wirklich unterstützen. O. k., man kann den Gründunszuschuss auch als ausgleichene Gerechtigkeit für nutzlos gleistete Beiträge in die Arbeitslosenversicherung ansehen. Dann soll man es aber auch als Beitragsrückerstattung deklarieren und nicht als Arbeitsfördermassnahme. 1Euro-Jobs vernichten zumindest in Kommunen nachgewiesen reguläre Arbeitsplätze. Und dass nur die Hälfte der Aufwendungen für Hartz IV Empfänger überhaupt bei den Alimentierten ankommt, zeigt doch alle mal wie ineffizient das ganze Sozialgekaspere ist.
caecilia_metella 26.07.2011
2. Die Männerwelt denkt verkehrt herum. Schon gemerkt?
Arbeitgeber: Ich gebe dir A r b e i t. Ist das nicht schön? Da, nimm! Arbeitnehmer: Oh, wie schön, ich bekomme A r b e i t. Wie schön! Danke!
ALG III 26.07.2011
3. Die Durchführung ist das A und O einer guten Arbeitsmarktpolitik
Zitat von sysopDie Arbeitsmarktpolitik muss oft als Beispiel staatlicher Verschwendung herhalten - zu Unrecht, findet Arbeitsforscher Joachim Möller. Zum Beispiel seien die Ein-Euro-Jobs besser als ihr Ruf. Gerade im Aufschwung gilt: Wer hier spart, tut das auf Kosten der Langzeitarbeitslosen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,776062,00.html
Der Artikel beeindruckt durch seinen sachlichen Stil und durch die Differenziertheit seiner Lösungsvorschläge. Leider wird die Diskussion um die Arbeitsmarktpolitik allzu oft durch polemische Beiträge belastet, die letztlich den Blick auf eine nüchterne und damit konstruktive Beurteilung der bisher eingesetzten arbeitsmatktpolitischen Instrumente eher verstellt als fördert. Ich möchte aus meiner persönlichen Sicht zu zwei der wichtigsten angesprochenen Punkte Stellung nehmen. Den 1-Euro-Jobs und den Maßnahmen zur beruflichen Weiterbildung. 1-Euro-Jobs werden in der Regel damit begründet, dass die Teilnehmer "aktiv" bleiben sollen. Wenn sie zu Hause rumsitzen, fangen sie schon am Morgen an zu trinken und zu rauchen und gucken zu viel Unterschichtenfernsehen, was ihnen nach aller Erfahrung nicht gut bekommt. Ich teile diese Einschätzung, bin jedoch der Meinung, dass auch Arbeitslosencafes eine positive Rolle bei der sozialen Integration Arbeitsloser spielen können. Diese sollten stärker gefördert werden. Ich habe an zwei Maßnahmen zur beruflichen Weiterbildung persönlich und leidenschaftlich teilgenommen. Der erste Kurs, den meine Jobmanagerin für mich belegte, befasste sich mit den Möglichkeiten der Online-Recherche. Lernziel war, wie ich im Internet einen Job finde. Pornoseiten konnte man nicht aufrufen, diese wurden vom System geblockt. Letztlich habe ich nichts gelernt, was mir genutzt hätte. Die zweite Maßnahme war ein Gabelstaplerkurs. Diesen musste ich belgen, weil gerade kein anderer frei war. Da ich fast den Fahrlehrer tot gefahren hätte, durfte ich schon am ersten Tag wieder nach Hauase gehen. Mehr Positives kann ich also auch über diese Maßnahme nicht berichten. Letztlich kommt es - und darin gebe ich dem Autor des Artikels vollkommen Recht - auf die *Durchführung* an. Es ist wie überall im Leben, hehre Theorie, mickrige Praxis.
bestoffive 26.07.2011
4. Auf und ab
Zitat von sysopDie Arbeitsmarktpolitik muss oft als Beispiel staatlicher Verschwendung herhalten - zu Unrecht, findet Arbeitsforscher Joachim Möller. Zum Beispiel seien die Ein-Euro-Jobs besser als ihr Ruf. Gerade im Aufschwung gilt: Wer hier spart, tut das auf Kosten der Langzeitarbeitslosen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,776062,00.html
Am besten, wir sparen weder im Aufschwung, noch im Abschwung, und schon gar nicht bei Stagnation. :-) Sondern erst, wenn Weihnachten und Neujahr auf den selben Tag fallen. Wichtig ist doch eher zu schauen, was wirkt und was nicht, und welchen Erfolg pro eingesetzem Euro was hat. Danach wählt man dann die Instrumente aus. Bewerbungstraining über 6 Wochen? Staplerschein/ LKW-Führerschein? Schulabschluss nachholen? Ausbildung nachholen? Fachliche Qualifizierung in einen suchenden Markt hinein oder doch eher ins Blaue umschulen? Die Bildungsträger können ruhig reich werden mit ihren Maßnahmen, aber sie müssen eben evaluiert werden, sodass unnötige oder wenig effektive Maßnahmen erst ergriffen werden, wenn wirklich noch genügend Geld in der Kasse ist. (und da das nie der Fall sein wird, werden diese Null-Nutzenbringer eben nicht mehr finanziert.)
Walter Sobchak 26.07.2011
5. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Jemanden der fuers Arbeitsamt arbeitet, glaube ich kein Wort wenn er Niedriglohn lobpreist. Milliarden werden aber wirklich nicht verpulvert, sondern in die Kassen der Unternehmer gespuelt, die solche Lohnsklaven mit dem Segen der Bundesregierung fuer sich schuften lassen duerfen.
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