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Mythen der Arbeit Mindestlöhne vernichten Arbeitsplätze - stimmt's?

Der Mindestlohn ist Teufelszeug und bringt Menschen millionenfach um ihren Job. Diese Ansicht gehört fest zur Ökonomen-Folklore - ist aber falsch, so Joachim Möller. Der Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erklärt, wie Mindestlöhne tatsächlich wirken.
Demo für Mindestlöhne: Britische Ökonomen irritiert die deutsche Furcht vor der Lohnuntergrenze

Demo für Mindestlöhne: Britische Ökonomen irritiert die deutsche Furcht vor der Lohnuntergrenze

Foto: MARTIN MEISSNER/ AP

Wenn es darum geht, dass der Gesetzgeber eine Lohnuntergrenze festlegt, setzen sich deutsche Ökonomen zur Wehr - mit fast schon missionarischem Eifer. In einer Kolumne der "Wirtschaftswoche" hieß es beispielsweise: "Der Teufel hat sich den Mindestlohn ausgedacht." Und in einem Brandbrief, den das "Handelsblatt" veröffentlichte, sprachen sich sieben Präsidenten und Direktoren deutscher Wirtschaftsforschungsinstitute vehement gegen Mindestlöhne in Deutschland aus: Das würde massenweise Arbeitsplätze vernichten, heißt es meist, und den Niedriglöhnern sei damit letztlich auch nicht geholfen.

Spricht man dagegen mit britischen Ökonomen, so stößt diese Haltung auf Unverständnis. Im Vereinigten Königreich gilt seit 1999 ein nationaler Mindestlohn. Die Fakten dort sprechen für sich. Nimmt man die Beschäftigungsentwicklung zum Zeitpunkt der Mindestlohneinführung unter die Lupe, so ist nicht die geringste Delle zu entdecken. Außerdem profitieren weit mehr Arbeitnehmer, als deutsche Ökonomen sich vorstellen können: Nicht unter zwei Prozent sind betroffen, wie oft fälschlich behauptet wird, sondern zwischen vier und sechs Prozent der Beschäftigten, unter ihnen viele Frauen.

Der britische Mindestlohn wurde seit seiner Einführung mehrfach angehoben, die Effekte wurden in zahlreichen wissenschaftlichen Studien untersucht. Das Ergebnis: Der Mindestlohn hat die Verdienste am unteren Ende der Lohnskala ohne messbare Jobverluste erhöht. Dies spiegelt sich auch in der hohen politischen Akzeptanz einer Lohnuntergrenze wider. Keine gesellschaftlich relevante Gruppierung in Großbritannien verlangt heute die Abschaffung des Mindestlohns. Vor der Einführung, in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre, gab es allerdings ähnlich hitzige Debatten wie derzeit in Deutschland.

Woher kommt die tiefsitzende Furcht vor schädlichen Auswirkungen eines Mindestlohns? Nun, jeder Ökonomiestudent lernt im ersten Semester, dass die Festlegung eines wirksamen Mindestpreises auf einem ansonsten funktionierenden Konkurrenzmarkt zu Überangebot führt. Die von der verfehlten früheren EU-Agrarpolitik geschaffenen Butterberge und Milchseen können als anschauliches Beispiel dafür dienen. Liegt es nicht nahe, diese Argumentation auf den Arbeitsmarkt zu übertragen: Wenn der Lohn eines Beschäftigten künstlich über den Marktlohn gehoben wird, dann geht der Job verloren?

Ausgleich für die Marktmacht der Arbeitgeber

Auf den ersten Blick erscheint das plausibel, ist aber allenfalls nur ein Teil der Wahrheit. Denn ein Arbeitsmarkt ist alles andere als ein idealer Markt. Arbeitskräfte und Jobs sind sehr heterogen, es herrscht ein hohes Maß an Intransparenz. Die Arbeitssuchenden wissen nicht von vornherein, wo der beste Arbeitsplatz für sie ist, und die Unternehmen wissen nicht, welcher Bewerber auf eine offenen Stelle am besten passt.

Zudem ist der Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt eingeschränkt, immer ist auch Marktmacht im Spiel. Diese kann auf beiden Seiten liegen, etwa wenn Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände die Tarifverträge aushandeln. Sie kann aber auch einseitig verteilt sein, zum Beispiel wenn ein dominierender Arbeitgeber einen lokalen Arbeitsmarkt beherrscht.

Neuere theoretische Erkenntnisse zeigen, dass außerdem viele Faktoren auf der individuellen Ebene die Marktmacht der Unternehmen begründen können. Das ist etwa der Fall, wenn sich eine Arbeitnehmerin sagt: "Die zahlen zwar nicht so gut, aber ich muss nicht so lange pendeln und habe es nicht so weit zum nächsten Kindergarten." Oder: "Ich akzeptiere den schlechteren Verdienst, weil die Arbeitszeiten flexibel sind." Oder: "Bei meinen Qualifikationen finde ich sonst nichts."

Marktmacht der Unternehmen hat zur Konsequenz, dass der Lohn auch unter den fairen Wert der Arbeitsleistung gedrückt werden kann, der sich auf einem idealen Markt bestimmen würde. In einer solchen Situation korrigiert ein Mindestlohn die einseitige Verteilung der Marktmacht. Interessanterweise kann eine Untergrenze für den Lohn dann sogar zu mehr Beschäftigung führen. Dabei kommt ein Angebotseffekt zum Tragen: Aufgrund der besseren Bezahlung interessieren sich mehr Leute für die Jobs, und folglich können offene Stellen schneller besetzt werden.

Auch eine neue Studie der Universität Berkeley, die die amerikanischen Mindestlöhne sehr umfassend untersucht, kommt zu dem Ergebnis, dass es offenbar einen Spielraum für einen Mindestlohn ohne Jobverluste gibt. Aus meiner Sicht sollte eine Gesellschaft diesen Spielraum auch nutzen. Ein Mindestlohn verbessert die soziale Lage der erwerbstätigen Armen, senkt die Zahl der geringverdienenden Hartz-IV-Aufstocker, dient der Integration in Erwerbstätigkeit und stabilisiert die Beschäftigungsverhältnisse. Wenn die Schraube nicht überdreht wird, ist ein Mindestlohn alles andere als des Teufels.