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Schattenseiten von Firmengründern: Narzissten, Machiavellisten, subklinische Psychopathen

Foto: Miguel_Villagran/ picture-alliance / dpa

Mythos Jungunternehmer Arrogant, machthungrig, skrupellos

Sie schaffen Arbeitsplätze, gelten als Leistungsträger: Wer ein Unternehmen startet, wird als Halbgott verehrt. Zu Unrecht? Zwei Forscher haben die dunkle Seite von Firmengründern ausgeleuchtet. Im Interview sprechen sie über Narzissmus und Machthunger hinter dem Start-up-Mythos.
Zu den Personen

Matthias Kramer (links) und Dominik Schwarzinger forschen gemeinsam mit zwei anderen jungen Wissenschaftlern zur "Dunklen Triade der Unternehmer-Persönlichkeit". Kramer, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Reutlingen, promoviert in Dublin über Innovation und Entrepreneurship. Schwarzinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Lehrstuhl für Psychologie der Universität Hohenheim.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kramer, Herr Schwarzinger, Sie erforschen die seelischen Abgründe von Existenzgründern. Geben Sie mir einen Rat: Morgen will ich reich und berühmt sein. Mein Ego hat eine eigene Vorwahl, ich zaudere nie, bin siegesgewiss, hart zu mir selbst und gemein gegen andere. Soll ich unter die Unternehmer gehen?

Schwarzinger: Allein auf der Basis solcher Charakterzüge würden wir das niemandem empfehlen…...

SPIEGEL ONLINE: …...na gut, im Gepäck habe ich auch eine zündende Geschäftsidee, kenne die Branche, ein Businessplan geht mir leicht von der Hand. Reicht's jetzt für einen Gründer-Höhenflug?

Kramer: Es gibt so viele Erfolgsfaktoren, auf die Kombination kommt es an. Wir untersuchen die Persönlichkeiten von Unternehmensgründern. Politik, Wirtschaft und Medien loben stets die Courage von Gründern, ihre Leistungsbereitschaft und Durchsetzungsstärke, Flexibilität und Kreativität. In der bisherigen Forschung geht es ebenfalls meist um die positiven Charakterzüge. Aber für ein differenziertes Bild muss man auch negative Eigenschaften ausleuchten.

SPIEGEL ONLINE: Davon haben Sie viele gefunden: Machtstreben und Geldgier, Arroganz und Gefühlskälte….

Schwarzinger: Wir forschen zur "Dunklen Triade der Persönlichkeit", ein Zusammenspiel negativer Charakterzüge, mit denen die von Ihnen genannten Verhaltensweisen einhergehen. Unsere Studien zeigen, dass diese Eigenschaften, die andere Menschen als negativ wahrnehmen, eine Existenzgründung begünstigen können.

SPIEGEL ONLINE: Wer viel aufgibt, um eine eigene Firma zu steuern, braucht einen starken Motor. Was treibt Gründer an?

Kramer: Nach unseren Ergebnissen haben selbstverliebte Persönlichkeiten eine höhere Neigung, Unternehmen zu gründen. Eine starke Überzeugung von sich selbst kann sich positiv auswirken im Umgang mit Risiken. Gründer plagt ja stets die Unsicherheit, wie gut die eigene Idee ist, auf welches Marktumfeld sie trifft. Wer mehr Chancen sieht als Bedenken, wird eine Geschäftsidee schneller und entschlossener umsetzen als andere mit ähnlichen Plänen.

SPIEGEL ONLINE: Als unangenehme Drillinge beschreiben Sie Narzissten, Machiavellisten, subklinische Psychopathen. Was sind das für Typen, was unterscheidet sie?

Schwarzinger: Die Narzissten zeichnet in erster Linie überzogene Selbstwertschätzung aus; sie halten sich für die Besten, wollen bestätigt und bewundert werden. Eine gewisse Empathielosigkeit und Arroganz vereinen sie mit einer starken Anspruchshaltung: Narzissten glauben, sie hätten mehr verdient als ihre Mitmenschen - zum Beispiel ein höheres Einkommen und generell einen Platz auf der Sonnenseite des Lebens.

Kramer: Machiavellisten sind manipulative Machtmenschen und kennen viele Strategien, um Gegner unter Druck zu setzen. Anders als Narzissten können sie sich selbst eher realistisch einschätzen und gehen pragmatisch vor. Ihre emotionale Distanziertheit lässt Machiavellisten komplett ausblenden, was andere von ihnen halten mögen - in Konflikt- oder Wettbewerbssituationen kann es von Vorteil sein, sich ganz auf den Sieg zu konzentrieren.

Schwarzinger: Subklinische Psychopathen haben, wie Narzissten, ein übermäßiges Selbstwertgefühl. Noch ausgeprägter als bei den Machiavellisten ist ihre emotionale Kälte und Bereitschaft, ohne Rücksicht und Schuldbewusstsein fürs eigene Wohl zu lügen und zu betrügen. Auf andere wirken sie oft intelligent, unterhaltsam, auch charmant. Aber es ist ein glatter, oberflächlicher und oft aggressiver Charme. Robert Hare, führender Psychopathie-Forscher aus den USA, spricht in diesem Zusammenhang auch von "sozialen Raubtieren": Ihnen würden genau die Dinge fehlen, die wichtig sind für ein gutes Zusammenleben in der Gesellschaft - ein Gewissen, Achtsamkeit gegenüber Mitmenschen. Ein dritter Aspekt ist ein Lebensstil, der gekennzeichnet ist von Reizhunger, Impulsivität und dem Fehlen langfristiger Pläne.

Jungunternehmer: Kleine Sonnenkönige schwächeln, wenn's ernst wird - und Machiavellisten laufen im Wettbewerb zur Hochform auf

SPIEGEL ONLINE: Das klingt wie eine schockierende Diagnose, mehr nach Hannibal Lecter als nach Firmengründern. Solche üblen Charaktere sind Ihnen wirklich begegnet?

Schwarzinger: Natürlich nicht in Reinkultur! Dann wären es diagnostizierbare psychische Störungen. Erst bei Extremwerten spricht man von einer narzisstischen oder antisozialen Persönlichkeitsstörung. Wir erforschen lediglich erhöhte Ausprägungen von Persönlichkeitseigenschaften, die jeder mehr oder weniger stark in sich trägt.

Kramer: Ein bisschen Narzissmus ist in jedem Menschen, auch der Wunsch nach Status oder Geld, ebenso Ehrgeiz und eine gewisse Aggression. Uns ging es darum, besonders markante Merkmale in Beziehung zu setzen zu Gründungsneigung und -chancen. Dazu haben wir Studenten zu ihren Gründungsideen befragt und beobachtet, wie sie Businesspläne ausarbeiten und präsentieren.

SPIEGEL ONLINE: Welcher der drei Typen schneidet am besten ab?

Kramer: Sich etwas zu trauen ist wichtig, um die ersten Hürden zu nehmen. Narzissten haben ein beinah überschäumendes Interesse, sich selbständig zu machen - aber das ist nicht das Gleiche wie echte Passion für eine Idee. Ihre Selbstüberschätzung stand ihnen dabei im Weg, andere zu überzeugen.

SPIEGEL ONLINE: Weil sie schnell als Blender und Schwätzer durchschaut wurden?

Schwarzinger: Zumindest zeigten Narzissten deutliche Umsetzungsschwächen bei der Erstellung und Präsentation ihrer Businesspläne. Subklinische Psychopathen, die problematischsten Typen, haben eine ähnlich starke Gründungsneigung und tun sich etwas leichter, sich auf das Gegenüber einzustellen. Aber auch sie hatten schlechtere Ergebnisse als Machiavellisten. Deren Gründungsinteresse lag im Normalbereich. Dafür gelang es ihnen im Vergleich am besten, ein Unternehmen fundiert und vorausschauend zu planen. Vor allem die Wettbewerbssituation lässt Machiavellisten zu großer Form auflaufen.

Die Schattenseiten von Existenzgründern

SPIEGEL ONLINE: Unterscheiden sich da Gründer von angestellten Managern? Sind nicht die Führungsetagen der Wirtschaft voll von manipulativen Menschen mit großer Bugwelle?

Kramer: Da müssen wir passen, mangels Direktvergleich. Für die Zukunft ist es eine interessante Forschungsfrage, ob etwa Machtmenschen, interessiert an Reichtum und Status, zur Gründung einer eigenen Firma neigen - oder ob ihnen dieser Weg zu anstrengend, zu langwierig ist und sie lieber über die Hierarchieebenen eines Unternehmens aufsteigen.

SPIEGEL ONLINE: Nun gibt es viele Gründe fürs Gründen. Manchen BWL-Koffermännchen geht's allein um Geld. Andere Jung-Chefs wollen Gutes bewirken und erst in zweiter Linie davon leben. Um ein Spendenportal oder eine Kita zu eröffnen, muss ein Sozialunternehmer vielleicht mit Glaubwürdigkeit punkten, statt nur flink Investoren und Kreditgeber einzuseifen…

Kramer: Wir sind überzeugt davon, dass manche Eigenschaften generell die Gründungsneigung beeinflussen, in welchem Wirtschaftsbereich auch immer - etwa der Mut, etwas Neues anzufangen. Wichtig ist aber, ob ein Gründer richtig einschätzt, was er kann und wie er auf andere wirkt. Denn damit steigen auch seine Chancen als Unternehmer, kluge Entscheidungen zu treffen. Treffen etwa auf der Gründer- und der Investorenseite sehr sprunghafte Typen zusammen, wird ein nachhaltiger Erfolg unwahrscheinlich. Und ein ausgeprägter Narzisst hält sich für derart überlegen, dass er große Anstrengungen wohl unnötig findet.

SPIEGEL ONLINE: In der Gründerberatung würden Sie versuchen, ihn besser zu erden?

Kramer: Gegen unrealistische Ziele hilft realistisches Feedback vom Sparringspartner. Klassischerweise als negativ angesehene Persönlichkeitsmerkmale werden bisher in der Gründungsberatung unterschätzt. Ein Verhalten rückzuspiegeln, kann absolut sinnvoll sein: Manchmal brauchen Traumtänzer einen Dämpfer, damit sie nicht abheben.

Foto: Jeannette Corbeau

Das Interview führte Jochen Leffers (Jahrgang 1965), SPIEGEL-ONLINE-Redakteur und Leiter des Ressorts KarriereSPIEGEL.