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Knigge-Kurs für Taxifahrer "Leute, ihr befördert doch Menschen"

Knurriger Ton, fragwürdiger Fahrstil - in Berlin haben Taxifahrer ein schlechtes Image. Eine Schulung soll aus muffigen Kutschern zuvorkommende Chauffeure machen. Doch nicht alle schaffen die Abschlussprüfung.

"Zwei Drittel haben keine Ahnung vom Autofahren." Es klingt provokant, wie Detlev Freutel, 56, das sagt, ein hartes Urteil über die Berliner Taxifahrer, seine eigenen Kollegen. Aber das entspreche seiner Erfahrung, sagt Freutel, der nicht nur Vorsitzender des Taxi Verbands Berlin-Brandenburg ist, sondern auch regelmäßiger Fahrgast.

Zwanzig der so Gescholtenen sitzen gerade vor ihm. 10 Uhr, ein kleiner Schulungsraum im Hof des Taxi-Zentrums im Berliner Stadtteil Friedrichshain. Für die Kursteilnehmer hat die letzte Sitzung vor der Prüfung begonnen. Das "VIP-Seminar für den Quality Taxi Service", wie der Kursus etwas gestelzt heißt, soll aus ihnen freundliche, hilfsbereite Chauffeure machen, die ihr Auto sauber halten, den Fahrgast sicher durch die vollen Straßen der Hauptstadt befördern, Kartenzahlung akzeptieren und während der Fahrt die Finger von ihrem Handy lassen. Eigentlich alles selbstverständlich? Nicht in Berlin.

Detlev Freutel, der das Seminar leitet, beobachtet den Zustand seines Gewerbes seit langem mit Bauchschmerzen. Es sei höchste Zeit, dass etwas passiere. Die Berliner Taxiunternehmen mit ihren etwa 18.000 Fahrern spürten mehr und mehr den Konkurrenzdruck durch Carsharing, Mietwagen und hochwertige Limousinen-Services. "Schwarzarbeit ist auch ein Riesenproblem", sagt Stephan Müller von Taxi Berlin, als Projektleiter zuständig für die Kurse. Davon wolle man sich abgrenzen.

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In Berlin werden Schätzungen zufolge etwa die Hälfte der Einnahmen nicht oder falsch versteuert. Noch mehr leidet das Image, wenn schwarze Schafe ausländischen Touristen schon mal 200 Euro für eine Fahrt von zehn Kilometern abknöpfen. Deshalb hat Taxi Berlin den Kurs ins Leben gerufen, zusammen mit mehreren Branchenverbänden.

Das Interesse ist riesig. Bis zum Sommer will Freutel 1500 Taxifahrer durch die Prüfung gelotst haben. Ein ehrgeiziges Ziel: Im Schnitt fallen 20 Prozent der Teilnehmer durch. Als größte Falle erweist sich die nicht unwichtige Prüfungsfrage, ob ein Taxi auf der Busspur halten darf. Die richtige Antwort, nur an der Bushaltestelle, kennt kaum einer. Fehlerquote: 90 Prozent.

Netto- oder Bruttopreis auf dem Taxameter?

Die Teilnehmer an diesem Vormittag - durchweg Männer - sind fast alle langjährige Fahrer. Sie zahlen 40 Euro für das zweitägige Seminar und gehören zu denen, die sich anstrengen wollen. Dennoch hakt es auch hier: Wie war das noch mal mit der Umsatzsteuer und dem ermäßigten Satz von sieben Prozent für Fahrten innerhalb der Gemeinde? Was zeigt das Taxameter an, Netto- oder Brutto-Preis?

Es geht um Haftungsfragen, Abrechnung mit EC-Karte, um Verkehrsrecht und die Punkte in Flensburg. Im Mittelpunkt aber steht an diesem Vormittag der Kunde. "Guten Tag" sagen, wenn der Fahrgast einsteigt, ihm direkt in die Augen sehen. Nicht gleich die ganze Lebensgeschichte erzählen, sobald der Kunde mal eine Frage stellt.

Auch in Sachen Fahrstil klare Ermahnungen: "Leute, ihr befördert Menschen", sagt Freutel. "Auf der Rückbank sitzt ein biologisches System." Vorsichtig Gas geben, sachte bremsen, mit Abstand fahren. Bevor es stressig werde, "einfach mal den Bus vorlassen oder das tiefergelegte Fahrrad". Nicht zufällig gebe der entspannte Fahrgast am meisten Trinkgeld, sagt Freutel. Er saß selbst jahrzehntelang am Steuer eines Taxis.

Mehr Aufträge dank VIP-Kärtchen

Einer der Teilnehmer ist Andreas Krause, 49. Er sei freiwillig hier, sagt er. Dem Seminarleiter kann er nur zustimmen: "Wir sehen ja, wie manche Kollegen mit Fahrgästen umgehen." Handy am Ohr, zu schnelles Fahren, ständige Spurwechsel. "Da würde ich sofort aussteigen."

Die geschulten Chauffeure sind an einem Kärtchen mit der Aufschrift "VIP Quality Taxi Service" erkennbar, das hinter der Windschutzscheibe klebt. Ausgewählte Großkunden können die VIP-Taxen gezielt bestellen. "Ziel ist es, das langfristig für jeden Kunden anzubieten", sagt Stephan Müller. Wer ein freies VIP-Taxi auf der Straße entdeckt, kann es aber schon jetzt zu sich winken. Die Fahrer nehmen jeden mit, zu den üblichen Preisen.

Das Seminar endet an diesem Tag erfolgreicher als sonst. 18 von 20 Taxifahrern bestehen die Prüfung. Unter ihnen ist auch Andreas Krause. Er wird jetzt mehr Aufträge bekommen. Seinen Ausweis, der ihn als Premium-Fahrer legitimiert, hält er schon in der Hand. Wird der VIP-Status nicht auch zu Gerede am Taxistand führen, zu Gruppenbildungen unter den Fahrern? Wahrscheinlich ja, sagt Krause. "Aber ich finde es gut, dass es jetzt einen Pool gibt, der sich abgrenzt."

Foto: privat

KarriereSPIEGEL-Autor Sebastian Höhn (Jahrgang 1979) ist freier Journalist und Fotoreporter. Er lebt in Berlin.Homepage: Sebastian Höhn, Journalist und Fotograf