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Nachtarbeiter und Tagediebe Wer hat an der Uhr gedreht?

Lerche oder Eule - manche Menschen sind frühmorgens erschreckend munter, andere blühen viel später auf. Austricksen lässt sich die innere Uhr kaum, sagt Till Roenneberg. Im Interview erklärt der Münchner Chronobiologe, was der "soziale Jetlag" bewirkt und wann Nachtschichten zu "Killerstunden" werden.
Foto: A9999 Db Upi/ dpa/dpaweb

KarriereSPIEGEL: Was genau ist die innere Uhr?

Till Roenneberg: Unser ureigener täglicher Taktgeber, der praktisch Abläufe in uns steuert, unter anderem auch den Schlaf. Die innere Uhr bestimmt das Auf und Ab von Körpertemperatur, Blutdruck, Hormonproduktion, Hungergefühl, Stoffwechsel, Schmerzempfindlichkeit. Nachts arbeitet ja der Körper ganz anders als tagsüber. Auch Gemütslage und Lernfähigkeit werden von der inneren Uhr beeinflusst.

KarriereSPIEGEL: Wo sitzt die innere Uhr?

Roenneberg: Die Hauptschaltzentrale, das Uhrenzentrum, sitzt bei Tieren wie auch beim Menschen im Gehirn. Es handelt sich um zwei reiskorngroße Nervenzellkerne über der Kreuzung der Sehnerve, etwa zwei Zentimeter hinter den Augen.

KarriereSPIEGEL: Und wer stellt sie?

Roenneberg: Die innere Uhr ist ein fundamentales biologisches System, das wir geerbt haben. Also mit den Uhren-Genen, von denen die Wissenschaft bisher mehr als 15 entdeckt hat. Unter zeitlicher Isolation, beispielsweise in einem Schlafbunker, weicht unsere innere Uhr vom 24-Stunden-Tag ab, bei den meisten Menschen ist der Innentag etwas länger als 24 Stunden. Das Licht, der Wechsel von Tag und Nacht, synchronisiert sie täglich mit der Sonnenzeit.

KarriereSPIEGEL: Wie wirken die Jahreszeiten auf unseren inneren Schlaf-Wach-Rhythmus?

Roenneberg: Unsere innere Uhr folgt dem Sonnenaufgang. Deshalb verwirrt die schlagartige Umstellung auf Sommer- und Winterzeit die innere Uhr des Menschen. Es dauert mehr als vier Wochen, bis sie sich an diese künstliche Zeitverschiebung angepasst hat.

Wie wir ticken

KarriereSPIEGEL: Aber offensichtlich tickt die innere Uhr nicht bei jedem Menschen gleich. Warum gibt es sogenannte Lerchen und Eulen?

Roenneberg: Wie sich die individuelle innere Uhr in den Licht-Dunkel-Wechsel einbettet, liegt an den genetisch bedingten Unterschieden. So entstehen unterschiedliche Chronotypen, deren natürlicher Schlafrhythmus im Extremfall zwölf Stunden auseinander liegt. Wenn wir von dem normalen achtstündigen Schlafbedürfnis ausgehen, ruhen knallharte Frühtypen von 20 bis 4 Uhr. Extreme Spättypen gehen nachts um 3 oder gar 4 ins Bett und wachen gegen 11 oder 12 Uhr von allein wieder auf. Wenn man sie lässt. Also im Urlaub, ohne Arbeits- oder Familienzwänge, ohne Wecker oder störende Kleinkinder. Aber das sind Extreme. Die meisten Menschen zählen zu den gemäßigten Eulen und Lerchen. Unsere Chronotyp-Fragebogen (siehe Kasten) zeigt, dass etwa 60 Prozent der Bundesbürger zwischen 23.30 und 1.30 Uhr ins Bett gehen und zwischen 7.30 und 9.30 Uhr wieder aufstehen.

KarriereSPIEGEL: Viele Jugendliche würden am liebsten die halbe Nacht in der Disco herumhängen. Sind das alles geborene Extrem-Eulen?

Roenneberg: Auch Chronotypen verändern sich mit dem Alter, was bei Teenagern besonders auffällt. In der Pubertät werden Menschen zu wahren Nachteulen. Etwa im 20. Lebensjahr kommt der Wendepunkt. Die innere Uhr verschiebt sich dann wieder nach und nach auf früher, bis hin zur senilen Bettflucht.

KarriereSPIEGEL: Offensichtlich braucht nicht jeder acht Stunden Schlaf. Churchill schlief angeblich nur vier …

Roenneberg: Richtig. Auch Napoleon, Hitler, Stalin und Edison kamen mit wenigen Stunden aus. Andererseits brauchte Einstein zehn Stunden Schlaf, um produktiv zu sein. Ob jemand vier oder mehr als zehn Stunden schläft, hängt auch von genetischen Faktoren ab. Lang- und Kurzschläfer gibt es unter den Lerchen ebenso wie unter den Eulen. Extreme Kurzschläfer besitzen vermutlich das Talent, sich zwischendurch mit einem Nickerchen aufzumuntern.

KarriereSPIEGEL: Welcher Chronotyp hat im Berufsleben die besten Chancen?

Roenneberg: Die üblichen Tages-Arbeitszeiten kommen den Lerchen entgegen. In der Wirtschaft machen Frühaufsteher und Kurzschläfer eher Karriere. Langschläfer selektiert vermutlich der Konkurrenzkampf aus. Ein Josef Ackermann kann es sich nicht leisten, erst ab 11 Uhr Termine anzusetzen, nur weil er dann erst munter wäre.

KarriereSPIEGEL: Nun hat nicht jeder die Chance, einen chronotypisch passenden Beruf zu wählen. Auch Spätaufsteher werden Lehrer und müssen morgens um acht topfit vor der Klasse stehen. Kann man sich nicht einfach dran gewöhnen?

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Nachtarbeit: Lichtscheue Gestalten

Foto: Corbis

Roenneberg: Nie. Auch äußere Zwänge - der Wecker, Arbeitszwang, putzmuntere Kleinkinder - vermögen einen Chronotypen nie zu ändern. Für etwa 60 Prozent der Deutschen liegen unsere Arbeitszeiten zu früh. Wenn der Wecker klingelt, ist ihre biologische Schlafenszeit noch nicht beendet. Dennoch müssen sie mit und in dieser Außenzeit leben. Das führt zum sozialen Jetlag. So nennt die Wissenschaft die zeitliche Diskrepanz zwischen Innen- und Außenzeit, weil sie sehr an Reisen über Zeitzonen hinweg erinnert, im Gegensatz zu diesen aber chronisch ist.

KarriereSPIEGEL: Wechselschichten führen demnach zu einem dauernden sozialen Jetlag?

Roenneberg: Ja, sie sind eine der stärksten Angriffe auf die innere Uhr. Bei Tagschichten bekommen Spättypen eher weniger Schlaf, weil sie später einschlafen und dennoch morgens um sechs raus müssen. Spättypen fällt es tendenziell leichter, Spätschichten zu fahren. Für Nachtschichten sind - wenn überhaupt - nur die wenigen extremen Spättypen geeignet. Das sind Killerstunden. Im rotierenden Schichtdienst muss man arbeiten, wenn die innere Uhr auf Schlaf programmiert ist. Und soll schlafen, wenn die innere Uhr den Körper eigentlich auf Aktivität gestellt hat und die Welt draußen laut und hell ist. Schichtarbeiter leben permanent gegen ihre innere Uhr. Und leiden unter chronischem Schlafmangel. Das führt unweigerlich zu Gesundheitsproblemen.

KarriereSPIEGEL: Hilft den Spät- und Nachtschichtlern eine hellere Beleuchtung am Arbeitsplatz, die Tageslicht simuliert?

Roenneberg: Der Versuch, mit Licht die innere Uhr zu manipulieren, ist langfristig höchst gefährlich. Zudem können künstliche Lichtquellen nicht annähernd die Kraft von Tageslicht ersetzen. Eine extrem gut ausgeleuchtete Werkhalle bringt vielleicht 1000 Lux aufs Auge, meistens sind es nicht mehr als 100 Lux, ein bedeckter Himmel draußen schon 10.000.

KarriereSPIEGEL: Ihr Verbesserungsvorschlag?

Roenneberg: Wir müssen endlich beginnen, frei über Arbeitszeitgestaltung nachzudenken. Je flexibler die Arbeitszeit, das heißt: je größer das Zeitfenster, das der Unternehmer anbietet, desto eher können sich die Menschen ihre persönlich produktivste Schaffenszeit aussuchen. Das wäre für beide Seiten eine Win-Win-Situation.

KarriereSPIEGEL: Und was für ein Chronotyp sind Sie selbst?

Roenneberg: Eule und gemäßigter Langschläfer. Ich brauche acht Stunden normale Schlafenszeit - am liebsten zwischen ein und neun Uhr. Als Morgenmuffel laufe ich erst langsam zur Hochform auf. Deshalb mache ich nie frühmorgens ein Live-Interview.

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