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11. April 2011, 17:01 Uhr

Nachtschicht

Die im Dunkeln sieht man nicht

Schichtbeginn, wenn Büroangestellte längst schlummern: Um Nachtschaffende zu porträtieren, fuhr Christian Fuchs mit dem Pizza-Express durchs dunkle Berlin - er traf einen Barmann und Charité-Schwestern, sah Nerds und eine Ministerin auf dem Weg zur Spätschicht.

Berlin - Was sind das für Menschen, die mit der Arbeit beginnen, wenn es dunkel wird in Deutschland? Um die Nachtschichtler kennenzulernen, haben wir uns an ein Expertengremium gewandt: an Mitarbeiter jenes Pizzadienstes, der Berlin nachts am längsten mit Pizza, Lasagne und Eis beliefert.

Mohrenstraße, Berlin-Mitte: Cem Eyili und zwei Mitarbeiter stehen hinter dem roten Tresen der kleinen "Call-a-Pizza"-Filiale. Die ersten Bestellungen des Abends trudeln ein, der Pizza-Ofen bollert kräftig. Pizzabäcker Cem Eyili kennt die Kunden, die nachts bei der Arbeit hungrig werden - "bei uns bestellen Werber genauso wie Ministeriumsmitarbeiter und Prostituierte".

Eyili und seine zehn Fahrer sind so etwas wie die Gelben Engel des Berliner Nachtlebens. An die 100 Essen werden sie heute ausfahren. In der Vergangenheit haben sie bereits Mark Medlock im Krankenhaus satt und glücklich gemacht, den Sänger Gentleman nach einem Konzert - und sogar Michael Jackson im Hilton-Hotel. Sie sind die Nummer gegen Hunger.

Während die Pizzaiolos zum Start der Spätschicht Ofenbleche sortieren und Teig für die ersten Pizzabrötchen kneten, hält ein schwerer Mercedes vor ihrem Geschäft. Fünf Meter von Cem Eyili entfernt steigt eine blonde Frau mit schwarzem Kostüm und rosa Bluse aus und quert im Stechschritt die Straße - ins Arbeits- und Sozialministerium. Es ist Ursula von der Leyen. Auch für sie beginnt jetzt eine Spätschicht.

18.51 Uhr, noch ist es hell. Die erste Fahrt - eine Pizza, ein Salat - bringt uns zur Cocktailbar "Reingold", nahe des Oranienburger Tors. Barchef Tino Hiller beginnt seine Nachtschicht. Er trägt einen gegelten Scheitel, Fliege, Hosenträger, Ärmelhalter am Hemd und einen penibel gepflegten Zwanziger-Jahre-Schnauzer im Gesicht. "Der Salat wird mein Frühstück, ich bin eben erst aufgestanden", sagt er. Seine Schichten gehen meist bis fünf Uhr morgens. "Manchmal sitzen hier um die Zeit noch Geschäftsleute, die dann beginnen, nach Russland oder Indien zu telefonieren." Sie haben an der Bar mit einem Cocktail gewartet, bis ihr Geschäftspartner in anderen Winkeln der Welt ins Büro kommt.

Hilfsarbeit in der Glamourwelt

In der golden schimmernden Edel-Bar läuft Berliner Swing, 100 Jahre alt. Tino Hiller putzt den nicht enden wollenden Tresen, will sich danach seinem Salat widmen. Bevor die Gäste eintreffen, möchte er aber auch noch einen neuen Likör ansetzen, der wird im "Reingold" selbst gemacht.

Hiller ist nicht irgendein Barkeeper. Vergangenes Jahr war er bei den "Bar Awards" einer von fünf Kandidaten für den "Newcomer des Jahres", er gibt auch Kurse an einer Barschule. "Das ist aber auch das Problem: Weil ich seit vier Jahren so im Barleben drinstecke, habe ich bald keine normalen Freunde mehr", sagt Hiller. Die nehmen gerade ihren Morgenkaffee, wenn er ins Bett geht. Jetzt kommen die ersten Gäste, die Arbeit ruft, Tino Hiller mixt einen Salbei-Mojito.

"Callapizzaberlinmittehallo?" 20.32 Uhr, Anrufe im Minutentakt, per Fax landen Online-Bestellungen in der Filiale. Mehl klebt an den Unterarmen der drei Pizzabäcker. Als Eyili gerade einen schnellen Pizza-Burger verdrücken will, stakst eine junge Texanerin in den Laden. Sie kauft einen Wein, ein Vanille-Brownie-Eis - und bleibt spontan auf eine Margarita.

Eigentlich sollte sie jetzt ein paar hundert Meter weiter bei einer Foto-Vernissage ihrer Freunde aus Prag herumstehen, dafür ist sie gemeinsam mit tschechischen Kommilitonen extra nach Berlin gekommen. Aber dort gab es nichts zu essen, also flüchtete die Künstlerin.

Während sie sich eine Pause von der steifen Eröffnungsfeier gönnt, beginnt ein anderer Künstler gerade sein Nachtwerk. Thomas Fuchs schlurft die Friedrichstraße entlang. Der Berliner klebt eigentlich Streetart-Poster und bastelt an Installationen; mit Freunden betreibt er zudem den Indie-Club "Sisyphos" in einer ehemaligen Tierfutterfabrik an der Spree in Berlin-Lichtenberg. Ein typischer Projektarbeiter des Kreativ-Proletariats der Stadt. Einer, der subkulturell zum Berliner "Arm, aber sexy"-Image beiträgt.

Die Schwestern finden keine Zeit zum Essen

Heute jedoch ist er Hilfsarbeiter in der Glamourwelt. Ab 21.15 Uhr wird er als Bühnenarbeiter im Friedrichstadtpalast schwitzen, um seine Mietschulden abzutragen. Für den "Deutschen Filmpreis" sollen in dieser Nacht Lampen an Metalltrassen gehängt und verkabelt werden. Die Techniker, Messebauer und Roadies wie Fuchs legen nach Ende der Palast-Show los. 13 Stunden waren es gestern, heute wohl ebenfalls, schätzt Fuchs. Acht solcher Nachteinsätze muss er noch durchstehen, dann kann sein Vermieter wieder entspannt schlafen.

Zurück beim Pizzadienst: Ein Polizeiauto hält vor der Tür. Die Polizisten schauen nur mal schnell ins Ministerium. Heute zwickt sie wohl kein Heißhunger, sonst gehört ein Stopp bei Pizzabäcker Eyili oft zu ihrer Tour. Typisch für die Kohlenhydrat-Dealer im Raumschiff Berlin: Während Polizisten ihre Patrouillen-Pause am Tresen verbringen, könnte sich ein Pizzafahrer gerade ans andere Ende der Gesellschaft aufmachen.

Nachts beim CCC: Pssst, geheim!

Fahrer Chico trägt einen quadratischen Metallkasten in seinen Opel, navigiert das Auto vorbei am beleuchteten Brandenburger Tor hinter das ARD-Studio. Eine Stunde vor Mitternacht liegt die Prachtallee Unter den Linden bereits so leer und leise wie ein Feldweg in der Eifel. Dann der Stopp in einer Seitenstraße: "Das sind auch Stammkunden von uns", sagt Chico und klingelt. Im Hinterhaus dringt Dioden-Licht von zehn Laptops aus einem verglasten Wintergarten in die Nacht. CCCB steht in Großbuchstaben über dem Eingang: Willkommen beim Chaos Computer Club Berlin.

Jungs in schwarzen T-Shirts, Langhaar zu Zöpfen gebunden, sitzen an Tischen, eine Frau hockt auf dem Sofa. Was sie hier noch arbeiten? "Wir müssen hier jar nich arbeiten", ruft ein Mann. Und was machen sie dann hier, um 23.11 Uhr zu zehnt mit vollen Computerakkus? Geheimsache, da könne ja jeder kommen, blafft ein junger Mann mit Gesichtsakne. Was auch immer es ist - es scheint hungrig zu machen. Sie haben viele Pizzen, Lasagne, Eis geordert.

Kurz vor Mitternacht erreicht Chico wieder die Pizzeria, die Bestell-Hochphase flaut gerade ab. Wir riskieren einen Blick rüber zu Ursula von der Leyen. In einem Ministeriumsbüro brennt noch Licht. Wer wird da so spät noch bewacht? Unser Klopfen dringt nicht zu den Wachleuten durch. Das Trio würfelt im Wächter-Kabuff - in den oberen Etagen wird unser Land regiert, unten knobelt die Sicherheit.

Bei den Charité-Schwestern wird die Pizza kalt

Die drei Innendienstler der Pizzeria polieren jetzt ihre Küche. "War heut ein eher ruhiger Tag", sagt Cem Eyili. Ein paar Geschäftsleute haben sie noch beliefert, die sich Pizza Diabolo plus Bier ins Hotel bestellten. Um 0.15 Uhr kommt einer der letzten Aufträge rein, ein Hilferuf aus der Charité.

Im bekanntesten Krankenhaus Deutschlands, 13. Etage, knurren zwei Mägen. Station 133, Kardiologie, Pulmologie und Angiologie. Die Nachtschwestern Kristin Ohmeyer und Patricia Tscheschlog hatten seit Schichtbeginn vor drei Stunden noch keine Minute für einen Happen. Gerade brüten sie über dicken Ordnern. Mit den Akten ihrer 32 Herz-, Gefäß- und Lungenpatienten bereiten sie die Untersuchungen und Medikamentegaben des nächsten Tages vor. Aus einem Nebenraum ihres Büros dringen Schreie. Eine Frau mit der unheilbaren Gehirn-Erkrankung Chorea Huntington haben sie in ihr Schwesternzimmer geschoben, damit die anderen Patienten besser schlafen können. Die Schreie mischen sich um ein Uhr früh mit Jay-Z's New-York-Hymne "Empire State of Mind" aus dem Radio. Ein verstörender Geräuschmix.

Die Nachtschwestern hinken in der Zeit hinterher, legen immer wieder den Papierkram beiseite. Patricia Tscheschlog springt auf und bringt einem Patienten 40 Tropfen Schmerzmittel, Kristin Ohmeyer streichelt der todkranken Frau im Nachbarraum die Hand, Infusionen müssen neu gelegt werden. Die Pizzen werden mittlerweile kalt.

Zwei Rundgänge stehen noch an bis Schichtende um 6.30 Uhr. Den Kontrollmonitor des Dauer-EKG ihrer Patienten dürfen die beiden nicht aus den Augen verlieren. An der Pinnwand über ihrem Schreibtisch hängen Laborinformationen, Dienstanweisungen, die Telefonnummer eines Psychiaters.

Mittendrin ein persönliches Plakat. Ein Frosch im Schnabel eines Storchs. Darüber steht: "Niemals aufgeben!"

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