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Chef-Studie Darf's noch ein bisschen mehr Ego sein?

Selbstgefällige Vorgesetzte sind für Mitarbeiter eine Qual. Allerdings tun sich Narzissten leichter, die Karriereleiter zu erklimmen, haben Forscher herausgefunden. Oben angekommen, sollten Angeber sich aber zügeln.
Von Annick Eimer
Hör! Mir! Zu! Ein Narzisst denkt immer, er sei ein guter Chef

Hör! Mir! Zu! Ein Narzisst denkt immer, er sei ein guter Chef

Foto: Corbis

Die Chefetagen sind voller Psychopathen. Vorgesetzte, die ihren Mitarbeitern das Leben zur Hölle machen. Führungskräfte, die alle anderen für Underperformer halten. Narzisstische Persönlichkeiten nennen Psychologen diese Art von Menschen. Narzissten sind selbstgefällig, arrogant und dominant. Außerdem sind sie häufig eloquent und witzig und ziehen sich gern gut an. Und es gibt von ihnen ganz besonders viele in Führungspositionen. Das ist keine Küchentisch-Psychologie, sondern in wissenschaftlichen Studien nachgewiesen.

Aber haben selbstherrliche Persönlichkeiten das Zeug zum Chef? Die Wissenschaft lieferte bisher widersprüchliche Ergebnisse. Manche Studien zeigen, dass Narzissten ihre Mitarbeiter demotivieren. Dass sie tickende Zeitbomben sind, weil sie dazu tendieren, hohe Risiken einzugehen. Andere Untersuchungen hingegen zeichnen ein positiveres Bild: Das Charisma selbstverliebter Chefs kann demnach anstecken. In ihrem Größenwahn entwickeln sie Visionen, mit denen sie andere begeistern und mitreißen.

Emily Grijalva von der University of Illinois wollte mehr Klarheit in das Wirrwarr an Untersuchungen bringen. Gemeinsam mit Kollegen führte sie eine Meta-Analyse zu narzisstischen Führungskräften durch, eine Art Zusammenfassung aller bisher veröffentlichten Untersuchungen. Die Wissenschaftler rechneten dabei die Daten der verschiedenen Studien so um, dass man sie miteinander vergleichen kann. Sie untersuchten insgesamt mehr als 50 Fachartikel, Promotionen und Master-Arbeiten, um den Facetten des Narzissmus auf die Schliche zu kommen.

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Psychopathen: Raubtiere ohne Kette

Foto: ROBERT GALBRAITH/ REUTERS

Eines der Ergebnisse der Forscher: Um die Karriereleiter zu erklimmen, ist Narzissmus sehr hilfreich. Studienleiterin Grijalva liefert die Erklärung: "Narzissten punkten vor allem mit ihrer Extrovertiertheit. Sie haben die Gabe, beim ersten Treffen zu glänzen. Damit sind sie im Vorstellungsgespräch ganz klar im Vorteil."

Ein weiteres Ergebnis: Von allein kommt einer echter Narzisst nicht auf die Idee, in Frage zu stellen, ob er ein guter Chef ist. Das konnten die Wissenschaftler eindeutig nachweisen. In ihrer Analyse schauten sie sich nämlich auch Untersuchungen an, in denen verglichen wurde, wie Mitarbeiter die Leistung ihrer Vorgesetzten bewerteten und wie dieser Vorgesetzte sich selber sah. Grijalva fasst zusammen: "Egal, wie die Mitarbeiter urteilen - ein Narzisst denkt immer von sich, dass er ein sehr guter Chef ist."

Auf die Frage, wer nun der bessere Chef ist - der Narzisst oder der Nette - lieferte die Analyse allerdings keine Antwort. "Betrachtet man den Durchschnitt, sind Narzissten weder die besseren noch die schlechteren Chefs", sagt Grijalva.

"Der ideale Chef ist in Maßen narzisstisch"

Deshalb untersuchten die Wissenschaftler einen weiteren Datensatz: Von einer Personalberatung bekamen sie die Ergebnisse von Führungskräfte-Bewertungen, die die Berater bei Kunden, zumeist US-amerikanischen Großunternehmen, durchgeführt hatten. In diesen Bewertungen wurden sowohl Chefqualitäten als auch negative Eigenschaften, wie zum Beispiel narzisstische Züge, erfasst.

Die Wissenschaftler kamen zu einem ganz neuen Ergebnis: Sie stellten fest, dass sich der Zusammenhang zwischen dem Grad des Narzissmus und dem Erfolg als Führungskraft als Kurve beschreiben lässt, die die Form eines umgekehrten U hat. Dieses Ergebnis legt nahe, dass weder der ganz nette noch der ganz narzisstische Chef seinen Job gut macht - sondern derjenige, der von beidem etwas hat. "Der ideale Chef ist in Maßen narzisstisch", sagt Grijalva

Dass dies in anderen Studien nicht gefunden werden konnte, war der Methodik geschuldet, so die Psychologin. "Die anderen Studien wurden mit der Annahme durchgeführt, dass der Zusammenhang zwischen Narzissmus und Erfolg als Führungskraft linear ist."

Grijalva will nun weiterforschen. Sollte sich aber ihre Vermutung bestätigen, würde dies für Personalchefs bedeuten, dass sie Führungskräften künftig ein anderes Augenmaß anlegen sollten. "Beim Narzissmus ist Mittelmäßigkeit genau richtig."

Foto: David Einsiedler

KarriereSPIEGEL-Autorin Annick Eimer (Jahrgang  1975) ist freie Journalistin in Hamburg.

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