Kuriose Stellenanzeige 60 Tage Rumlümmeln

Die Raumfahrtbehörden Nasa und Esa suchen Probanden, die sich in ein Bett legen und es zwei Monate lang nicht verlassen - nicht mal fürs Pinkeln. Das Honorar ist stattlich.

60 Tage im Liegen
DLR

60 Tage im Liegen


Es klingt wie ein Traumjob für Faulenzer: In den Tag hineinleben, dicke Bücher lesen, endlos Netflix gucken, weder einkaufen noch Wäsche waschen und schon gar nicht arbeiten müssen. All das in der Horizontalen. Im Bett. Und dafür auch noch entlohnt werden. Mit 16.500 Euro.

Doch das lässige Abhängen ist streng reglementiert. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) sucht gemeinsam mit der amerikanischen und der europäischen Weltraumbehörde Nasa und Esa derzeit nach Frauen und Männern, die sich im Dienst der Wissenschaft hinlegen - und 60 Tage lang nicht mehr aufstehen.

Die "Bettruhestudie" soll die Auswirkungen von Schwerelosigkeit auf den menschlichen Körper im Institut für DLR-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin in Köln untersuchen. Dafür müssen die freiwilligen "terrestrischen Astronautinnen" zwei Monate lang in einem Bett liegen bleiben, das mit dem Kopfende um sechs Grad nach unten geneigt ist.

Als Gegenmaßnahme gegen die negativen Effekte der Schwerelosigkeit wird künstliche Schwerkraft eingesetzt, die die Probanden mit täglichen Fahrten im Liegen auf einer Zentrifuge absolvieren.

Geduscht wird im Liegen

Während der 60 Tage dürfen die Probanden weder aufstehen noch sich im Bett hinsetzen. Ein Kopfkissen gibt es nicht. Ausnahmen auch nicht. Weder zum Essen noch zum Waschen können die Testpersonen das Bett verlassen.

Geduscht wird im Liegen, auf einer Plastikpritsche, auf die sich die Probanden rollen - auch hier natürlich mit dem Körper in Sechs-Grad-Neigung. Statt die Toilette zu besuchen, müssen sie ihr Geschäft mit einer Bettpfanne oder einer Urinierhilfe erledigen.

Je mehr potenzielle Bewerber über das Experiment erfahren, desto mehr dürfte sich die Vorstellung vom leicht verdienten Geld allerdings in die dumpfe Vorahnung eines körperlichen und psychischen Extremabenteuers verwandeln.

Naja, zumindest ist erlaubt, dass die Frauen ihre Position variieren: Sie dürfen auf dem Bauch, dem Rücken oder in Seitenlage liegen. Zudem finden täglich Experimente statt. Ein Forscherteam und mehrere Ärzte überwachen die Frauen und Männer dabei.

Pfannkuchen gegen die Monotonie

Gleichzeitig werden Luftfeuchtigkeit und Temperatur während der 60 Versuchstage konstant gehalten und Ernährungswissenschaftler stellen den Speiseplan zusammen, um sicherzustellen, dass die Frauen mit allem versorgt werden, was sie brauchen - ohne dass sie zu- oder abnehmen. Es werde schon mal "Pfannkuchen oder Süßigkeiten" geben, sagt Friederike Wütscher vom Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin.

Auf der Website umgarnen die Raumfahrtmediziner potenzielle Probanden mit Sätzen wie: "Beeindrucke Freunde und punkte bei Arbeitgebern mit Disziplin und Durchhaltevermögen".

Die Frauen könnten die Bettruhe auch als eine kreative Auszeit nutzen. Sie könnten eine Sprache lernen oder sich über ihre Zukunft Gedanken machen: "Während der Studie kannst du dir in Ruhe darüber klar werden, welche Ziele du künftig erreichen willst." Wahrscheinlicher dürfte es sein, dass sich die Teilnehmerinnen auf dem Monitor über dem Bett dem binge watching sämtlicher Serienerfolge der vergangenen Jahrzehnte hingeben.

Die Studie dauert insgesamt 89 Tage. Die 60 Tage Bettruhe sind umrahmt von 15 Tagen Eingewöhnungsphase und 14 Tagen Erholung und "Astronauten-Reha", in denen die Teilnehmerinnen wieder fit für den Alltag gemacht werden. Dafür gibt es die 16.500 Euro Aufwandsentschädigung. Gesucht werden gesunde Nichtraucher zwischen 24 und 55 Jahren, die gut Deutsch sprechen können. Die Mail-Adresse für die Bewerbung: probanden-bit@dlr.de

Die Wissenschaftler wollen mit der Studie herausfinden, wie ein Aufenthalt im All den menschlichen Körper verändert. Durch die geringere körperliche Belastung wegen der Schwerelosigkeit werden Muskeln und Knochen abgebaut. Körperflüssigkeiten verschieben sich in Richtung Kopf. Das wird durch die Neigung der Betten simuliert.

Die Ergebnisse sollen den Wissenschaftlern dabei helfen, effektivere Gegen- oder Präventivmaßnahmen zu entwickeln, damit Astronauten auf der Raumstation nicht den Großteil ihres Tages mit Sport verbringen müssen.

Nach Aussage der US-Weltraumbehörde Nasa sind Bettruhestudien vor allem für Menschen interessant, die ihr Leben verändern wollen und die sich aus ihrem Alltagsleben problemlos ausklinken können.

"Wenn Menschen einmal auf dem Mars gehen oder lange Zeit im All leben", berichtet die Behörde, "dann geschieht dies zum Teil dank des Einsatzes der Bettruhe-Probanden." Ein idealer Weg also, Ruhm und Ehre auf relativ bequeme Weise zu erlangen. Ob Ruhm, Ruhe oder Reichtum - bis jetzt sind mehr als 15.000 Anfragen beim Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin eingegangen.

Der Lohn für die 1440 Stunden in misslicher Lage, also gute 8000 Euro pro Monat im Bett, und das ist übrigens durchaus mit dem Gehalt von Esa-Astronauten vergleichbar: Die verdienen nach mehreren Raumflügen etwa 9000 Euro im Monat. Und sie haben eine bessere Aussicht als die weiße Zimmerdecke eines Labors in Köln.

Anmerkung der Redaktion

In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass nur Frauen für die Studie gesucht werden. Es werden allerdings auch Männer gesucht. Die Studie wird zudem nicht nur von Nasa und Esa durchgeführt sondern auch vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Wir haben die entsprechenden Passagen korrigiert.



insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
mariakäfer 10.04.2019
1. Gibt's
Thrombosespritzen?
zeichenkette 10.04.2019
2.
Zitat von mariakäferThrombosespritzen?
Ja, und engmaschige medizinische Betreuung natürlich. Das ist auch nicht die erste Studie dieser Art. Bisher haben es noch alle überlebt, aber die Teilnehmer brauchen anschließend schon ein paar Wochen Physiotherapie und es braucht lange, bis sie wieder wirklich fit sind. Gesund oder besonders lustig ist das nicht, aber man hat viel mit Raumfahrtmedizinern zu tun und das ist für manche schon sehr interessant.
Nordschwabe 10.04.2019
3. Ethik
OMG, hat dieses Experiment wirklich eine Erlaubnis bekommen? Aus dem Standpunkt der Medizin scheint mir das wirklich sehr fragwürdig zu sein. Ich frage mich, ob diese Frauen den Knochenschwund dieser 2 Monate jemals wieder aufholen. O.k., im Weltraum ist keine Schwerkraft, aber deswegen müssen die Astronauten und Astronautinnen täglich mehrere Stunden Körperübungen machen. Diese Versuchspersonen hingegen liegen 2 Monate ohne nennenswerte Bewegung nur da! Und Thrombosespritzen wurde oben gefragt. Tja, scheint aus meiner Perspektive fast schon eine reine Übrrlebensfrage zu sein. ICH würde da niemals teilnehmen!
r.schleip 11.04.2019
4.
gut möglich, dass solche Versuche zukünftig kaum noch von der zuständigen Ethikkomission erlaubt werden. Soweit ich mich an die zuverlässigen Berichte über die Auswirkungen von mehrmonatiger Schwerelosigkeit (z.B. bei Astronauten) auf die Knochendichte erinnere, zeigten sich hier gravierende vorzeitige Alterungsprozesse, die auch mit anschliessendem Traning nur teilweise reversibel waren. Klar, dass die Studie gravierende wertvolle Schlussfolgerungen auf ein gesundes Menschenleben auslösen könnte. Aber ich hoffe, dass die Aufklärung der Patienten wirklich deutlich u. betont genug vor diesen bleibenden Gesundheitsschäden warnt. Wer sich dann, vergleichbar einem Astronauten dennoch dazu entscheidet, tut dies dann anders als wenn man ihn vorher über diese zu erwartende Opfeleistung informiert hat.
rek 11.04.2019
5. Medizinisch höchst unverantwortlich
Wenn Menschen über mehrere Tage auf der gleichen Stelle liegen und der Untergrund dazu auch kein wirklich weicher ist, entstehen zuerst blaue Flecken, danach stirbt Gewebe ab. Wie in einem Kommentar vorher erwähnt wäre der Knochen- und Muskelschwund immens. Es wird zwangsläufig zu Durchblutungsstörungen kommen und ich könnte mir sogar ein absterben von Gliedmaßen vorstellen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Ärzte zulassen oder, dass irgendjemanden diese Studie durchhält.
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