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Naturfilmer aus Irland "Ich freue mich, wenn die Zuschauer einschlafen"

Seine Videos sind acht Stunden lang, bestehen aus nur einer Einstellung - und schläfern die Zuschauer ein. Gerade deshalb lieben Tausende Menschen aus aller Welt die YouTube-Filme von Johnnie Lawson.
Foto: Johnnie Lawson
Zur Person
Foto: Privat

Johnnie Lawson, 57, lebt zusammen mit seiner Frau, zwei Töchtern und einem Hund in County Leitrim in Irland. Er verdient seinen Lebensunterhalt mit bis zu acht Stunden langen Videos von Wasserfällen, Bächen und Wiesen. Die therapeutische Wirkung seiner Filme wird von britischen Wissenschaftlern des University College Hospitals in London untersucht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Lawson, wie kommt man auf die Idee, acht Stunden lang einen Wasserfall oder eine Wiese zu filmen?

Johnnie Lawson: Ich bin eigentlich Maler. Vor sieben Jahren habe ich angefangen, mit Videos zu experimentieren. Für eine Kunstausstellung habe ich eine Tiefgarage und einen Teich in einer Höhle gefilmt und beide Clips auf gegenüberliegende Wände projiziert. Um Feedback von anderen Künstlern zu bekommen, habe ich die Filme ins Netz gestellt. Und da schrieb mir plötzlich eine Frau aus New York, sie liege schwer verletzt im Krankenhaus, habe mein Höhlenvideo auf dem Laptop gesehen und fühle sich jetzt viel besser. Also bin ich los und habe den ersten Wasserfall gefilmt.

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SPIEGEL ONLINE: Als eine Art Therapie aus der Ferne?

Lawson: Ja, genau. Mir ist klar geworden, dass ich die Heilungskräfte der Natur per Film weitergeben kann. Die Natur hat mich schon immer fasziniert. Ein Bach zum Beispiel kann so viele verschiedene Töne machen, so viel Energie ausstrahlen. Fließendes Wasser hat eine beruhigende, therapeutische Wirkung. Erst heute Morgen hat mir jemand geschrieben, meine Filme hätten ihn vor einer schweren Depression bewahrt. Und solche Zuschriften bekomme ich jeden Tag. Vor allem Menschen, die unter Schlaflosigkeit leiden, lieben meine Videos. Sie helfen ihnen beim Einschlafen. Deshalb auch die Länge von acht Stunden: So können sie die ganze Nacht laufen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie noch Kontakt zu der Frau aus New York?

Lawson: Leider nein. Ich bekomme mittlerweile so viele E-Mails aus aller Welt, dass es unmöglich ist, alle Lebenswege zu verfolgen. Aber ich versuche, jedem persönlich zu antworten.

SPIEGEL ONLINE: Verdienen Sie denn auch Geld mit den Videos?

Lawson: Ja, über die von YouTube ausgespielte Werbung. Reich werde ich damit nicht, aber das ist auch gar nicht mein Ziel. Mir geht es darum, Menschen zu helfen. Meine Videos sollen für alle da sein, egal, aus welchem Land sie kommen, welcher Religion sie angehören, ob sie arm oder reich sind. Deshalb haben meine Filme auch keine Einleitung. Sie zeigen einfach nur die Natur, so, wie sie ist.

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SPIEGEL ONLINE: Aber Sie filmen doch keine acht Stunden am Stück, oder?

Lawson: Nein. Das würde meine Spiegelreflexkamera gar nicht schaffen. Die schaltet sich nach 15 Minuten wegen Überhitzung ab. Manchmal laufen auch Leute durchs Bild, die schneide ich dann anschließend heraus. Ich will in meinen Filmen nichts haben, was ablenkt. Deshalb nehme ich auch meistens den Ton separat auf. Manchmal mitten in der Nacht, damit es keine störenden Geräusche gibt. Aber genauer will ich das gar nicht erklären, das macht doch sonst die Magie meiner Filme kaputt.

SPIEGEL ONLINE: Sie drehen alles in Ihrer Nachbarschaft?

Lawson: Ja, ich habe das Glück, in einer der schönsten Gegenden von Irland zu wohnen. Das Land eignet sich nicht für die Landwirtschaft, deshalb ist es noch unberührt, mit unendlich vielen Flüssen und Seen. Und ich suche immer nach besonders abgeschiedenen, versteckten Orten. Zu meinem Lieblingswasserfall kommt man zum Beispiel nur, indem man durch dichtes Gebüsch krabbelt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn das alle 150.000 Abonnenten ihres YouTube-Kanals  tun würden, wäre die Idylle schnell vorbei.

Lawson: Das stimmt. Die Welt ist ein ungerechter Ort. Ich weiß, dass ich extrem privilegiert bin. Manchmal schreiben mir Menschen, dass sie so etwas wie meine Wasserfälle noch nie gesehen haben. Das macht mich auf der einen Seite traurig. Auf der anderen Seite freue ich mich, dass ich ihnen die Natur mit meinen Filmen nahebringen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wird Ihnen das Filmen von Wasserfällen und Wiesen denn nicht langweilig?

Lawson: Ich bin ein langweiliger Mensch! Im Ernst: Es gibt nichts, was mich mehr begeistert als die Natur. Draußen unterwegs zu sein, gibt mir mehr als jedes Pub oder jeder Nachtklub. Ich bin in Dublin aufgewachsen, aber dort zu leben, könnte ich mir gar nicht mehr vorstellen.

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