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Gerichtsentscheidung Wenn der Zweitjob zum Hotspot wird

Ein Arbeitnehmer verheimlichte seinen Vorgesetzten, dass er sonntags im Nebenjob in der Fleischfabrik Tönnies das Kühlhaus reinigte. Er schwieg auch, als dort Corona ausbrach – und flog aus seinem Hauptjob. Zu Recht?
Tönnies-Hauptwerk in Rheda-Wiedenbrück (Archivfoto)

Tönnies-Hauptwerk in Rheda-Wiedenbrück (Archivfoto)

Foto: Noah Wedel/ imago images

Arbeitnehmer dürfen durchaus mehrere Jobs haben – müssen das normalerweise aber ihren Chefs mitteilen. Kommt so etwas unfreiwillig raus, gibt es Ärger. Der Fall, den das Arbeitsgericht Bielefeld gerade veröffentlicht hat, ist dafür ein Extrembeispiel.

Ein 44-Jähriger arbeitete als Qualitätsprüfer bei einem Autoteilezulieferer. Um sich etwas hinzuzuverdienen, jobbte er sonntags für eine Reinigungsfirma, und zwar im Schlacht- und Zerlegebetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück. Dabei reinigte er Räumlichkeiten mit scharfen Chemikalien, wo Schweinehälften schockgefrostet werden. Seine Arbeitskleidung war ein Ganzkörperschutzanzug, zuletzt gehörte auch eine Atemschutzmaske dazu. Tönnies-Mitarbeiter waren dort zu keiner Zeit tätig.

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Als im Juni 2020 in dem Schlachtbetrieb bei 730 von 1106 getesteten Beschäftigten eine Corona-Infektion festgestellt wurde, schlossen die Behörden den Betrieb per Allgemeinverfügung und schickten die Mitarbeiter in Quarantäne. Der Doppeljobber ließ sich vorsichtshalber freiwillig auf das Coronavirus testen. Glück gehabt: Der Test war negativ.

Kündigung ist unwirksam

Sein Hauptarbeitgeber erfuhr jedoch von dem Nebenjob: Es gab noch drei weitere Kollegen bei dem Autozulieferer, die ebenfalls dem Sonntagsjob nachgingen, und weil sie unsicher waren, wie sie sich verhalten sollten, sprachen sie schließlich ihre Vorgesetzten an. Da wurde es unangenehm für den Mann. Nicht nur sein zweites Arbeitsverhältnis kam heraus. Auch, dass er in dieser Lage ohne einen Hinweis auf den Nebenjob freigenommen hatte.

Die Firma kündigte das Arbeitsverhältnis fristlos. Der Arbeitnehmer habe nicht, wie im Arbeitsvertrag festgelegt, über seine Nebentätigkeit informiert. Selbst als später über tausend positive Coronafälle bei Tönnies bekannt wurden, habe er geschwiegen. Letztlich, so die Begründung für die Kündigung, habe er billigend in Kauf genommen, dass sich auch seine Kolleginnen und Kollegen infizieren. Dieses grob fahrlässige Verhalten habe das Vertrauensverhältnis zerstört.

Dagegen klagte der Mann, und das Arbeitsgericht erklärte die Kündigung für unwirksam. Die Richter bemängelten mehrere Punkte. So habe der Arbeitgeber dem Kläger bereits gekündigt, bevor der Betriebsrat ausdrücklich seine abschließende Stellungnahme zu dem Schritt geben konnte. Den Arbeitnehmervertretern seien auch nicht alle für die Kündigung wichtigen Sachverhalte mitgeteilt worden, wie etwa die genauen Arbeitsbedingungen, oder dass der Kläger negativ auf das Coronavirus getestet wurde.

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Vorzuwerfen sei dem Kläger zwar, dass er die Nebentätigkeit nicht seinem Arbeitgeber angezeigt hatte. Dies könne jedoch nur eine Abmahnung, nicht aber eine Kündigung rechtfertigen, so die Richter. Das Verhalten des Klägers sei nicht durch »grobe Rücksichtslosigkeit« geprägt gewesen. Er habe vielmehr wegen der medialen Berichterstattung nicht den Mut gehabt, die Nebentätigkeit zu offenbaren. Es sei auch nicht ersichtlich, »warum sich der Kläger eine Abmahnung nicht zur Warnung dienen lassen sollte«. Die richterliche Entscheidung wurde bereits am 17. Dezember 2020 getroffen (Aktenzeichen: 1 Ca 1741/20).

mamk/JurAgentur
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