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Nerd-Typologie "Das Leben hat eine geile Grafik"

Computerprofis sind analytisch und eigenbrötlerisch? So einfach ist es nicht - ein Klischee allein wird einem so komplexen Berufsstand nicht gerecht. In der Nerd-Zone tummeln sich wenigstens acht Typen von IT-Fachleuten. Ein bunter Berufskosmos, vom Bratwurstbräter zum Kathedralarchitekten.
Von Lutz Leichsenring
Foto: Nerd Zone

Wann ist ein Nerd ein Nerd? Wenn auf seinem T-Shirt Witze stehen, die man nur mit vertieften Programmierkenntnissen versteht? Wenn er seine Arbeit am Computer nicht einmal zum Essen unterbricht? Wenn er das Bluetooth-Headset nicht einmal zum Schlafen abnimmt?

Wie bei allen Klischees gilt: Sie sind wahr. Aber natürlich für jeden anders, schließlich sind wir alle Individuen. Deshalb haben die Macher der Internetseite Nerd-Zone.com  ein etwas feineres Raster gewählt: Acht Nerd-Typen haben sie ausgemacht, vom Admin-Nerd zum Ex-Nerd.

All ihre Beschreibungen sind von kleinen Gehässigkeiten durchsetzt. Allerdings von liebevollen Gehässigkeiten, denn Ziel der Seite ist es, möglichst alle Arten von Nerds nach Karlsruhe zu locken - Stichwort: Fachkräftemangel in der Computertechnik. "Nerds sind nicht per Definition seltsam", sagt Lutz Leichsenring, Texter der Typologie und Chef der Agentur Young Targets. Dort wurde die Seite im Auftrag der IT-Wirtschaft der Region Karlsruhe gestaltet.

Ruf aus der digitalen Provinz

In Karlsruhe herrschen einerseits die bekannten Branchenprobleme: IT-Kräfte sind selten und begehrt. Andererseits werden in Deutschland vor allem Berlin und Hamburg als prosperierende Nerd-Standorte wahrgenommen, Karlsruhe läuft oft eher als digitale Provinz.

Gerecht ist das nicht, denn immerhin steht dort Europas größtes Rechenzentrum und in der Region sind Branchengrößen wie SAP und 1&1 ansässig. Rund 36.000 Menschen sind im Großraum Karlsruhe in der Informationstechnik tätig. Trotzdem dürfte manches Berliner Start-up die badische Landschaft allenfalls als Bildschirmschonermotiv schätzen.

Doch nun zu Haecksen und Admin-Göttern, zu Gamern und Blackbox-Durchleuchtern: zur Nerd-Parade.

Admin-Nerd - Bastard Operator from Hell

Foto: Nerd Zone

"Ich würde Dich gerne kennenlernen. Treffen wir uns auf dem Server 194.64.251.81 um 10 Uhr?"

Admin-Nerds sind Götter. Sie sind in der Lage, komplexe IT-Landschaften zu entwerfen, zu bauen und in Schuss zu halten. Und mit den Göttern stellt man sich besser gut. Mehr Speicherplatz, Internettelefonie oder auch eine wiederhergestellte E-Mail sind ihre guten Gaben an die Schäfchen, die ihnen ein Wohlgefallen sind.

Doch bringt man den Admin-Nerds nicht den gebührenden Respekt entgegen, wird man bald Bekanntschaft mit dem "Bastard Operator from Hell" machen. Um dann wieder an verschluckte Mails zu kommen, hat man sich auf Knien zum Admin-Nerd zu begeben, ein Kaffee-Opfer zu bringen und die alte Litanei mit dem Thema "Die Welt ist so böse und will mein System knacken" zu hören. Erfolgreich überzeugt, braucht der Admin-Nerd nur drei kurze, aber rasante Wirbel auf der Tastatur, um nach dem Fehler zu "greppen", die Konfiguration anzupassen und den passenden "Daemon" neu zu starten. Für ihn ein Kinderspiel.

Hardcore-Nerd - Quellcode aus Kaffee

Foto: Nerd Zone

"Verarbeitet im laufenden Betrieb Kaffee zu Quellcode."

Beim Programmieren gibt es wie in den Kampfkünsten vielerlei "Schulen", um auf verschiedenen Wegen dasselbe Ziel zu erreichen. Der Code-Nerd ficht heilige Kriege aus, um die Welt von seiner präferierten Programmiersprache, einem performanten Editor oder seiner Versionsverwaltung zu überzeugen. Der Code-Nerd betrachtet es als große Begabung, das Gefühl für Raum und Zeit zu verlieren. Hat er sich so in sein aktuelles Problem versenkt "denkt er in Code". Man könnte dann locker einen Topf Geranien auf seinem Kopf abstellen, ohne bemerkt zu werden. Diesen Zustand tiefster Konzentration und höchster Produktivität nennt er "Flow".

Um möglichst lange im Flow zu bleiben, tut der Code-Nerd alles, um Kontextwechsel, also Ablenkung, zu vermeiden: Telefon abstellen. Pizza aus Pappschachteln vorm PC essen. Im Büro die Kapuzen seines Hoodie über den Kopf ziehen. Oder am allerbesten: sich in seine gebaute Denkumgebung aus Büchern, Matrix-Postern und angesammelten "Gerätschaften" einmummeln.

Mobile-Nerd - Kein Wifi bei Starbucks

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"Ich hab als Erster getwittert, dass bei Starbucks wieder das Wifi ausgefallen ist."

Mobile-Nerds sind cool. Im Gegensatz zu anderen Nerds ist Coolness ihr Kapital. Sie sind super vernetzt, kennen alles und haben immer alles als Erste. Besonders haben sie auch immer als erstes eine Meinung. Die wird dann in Realtime der Welt mitgeteilt. Und weil die Welt den Mobile-Nerds glaubt, ist ihre Meinung über die Dinge, die sie als Erste haben, super wichtig. Wenn der Mobile-Nerd Code schreiben kann, baut er ab und zu auch mal selbst eine App für die Dinge, die er als erstes hat. Oder eine tolle Webseite. Oder er kennt jemanden in Indien. Der baut die dann für ihn.

Und weil ihn so viele Leute so super kennen, gibt es ganz viele Leute, die darüber berichten. Und dann kaufen die Leute die super App vom Mobile-Nerd. Und weil der Mobile-Nerd mal in einem Coffee-Shop ein super Buch von Dieter Rams gelesen hat, sieht die App auch ganz toll aus und verkauft sich supergut. Genau gesagt: Super supergut.

Engine Nerd - Patent fürs Bratwurstbratgerät

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"Wer andern eine Bratwurst brät, braucht ein Bratwurstbratgerät!"

Der Engine-Nerd entwickelt Dinge die man anfassen kann. Zum Beispiel einen Hybrid-Motor. Oder einen MP3-Player. Oder einen Satelliten. Für den Engine-Nerd ist ein Auto nicht nur ein Haufen Metallteile in Öl. Er sieht hinter die Fassade, er hat den ultimativen Röntgenblick in die Black-Boxes, die wir täglich benutzen. Alles ist ein System. In Metall geronnene Ideen, strukturiert über Abstraktionen und Schnittstellen.

Um seinem Faible für Exaktheit und genaueste Dokumentation stets gerecht zu werden, muss ein Engine-Nerd mindestens drei Kugelschreiber mit sich führen. Er steckt die Stifte in die Hemd- oder Sakkotasche oder in die Spirale seines Schreibblocks. So entkommt ihm kein genialer Gedanke und kein Dokument seinen peniblen Anmerkungen. Denn der Engine-Nerd weiß, dass sich sein Perfektionismus auszahlen wird. Entgegen allen Unkenrufen will er schaffen, was niemand für möglich hält. Umso mehr wurmt es ihn, wenn Extrovertierte aus seinem Werk Erfolge schöpfen, die sie so nie erreicht hätten. Doch zum Glück gibt es ja Patente.

Consulting-Nerd - Dompteur der Fachabteilung

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"Wir modellieren mit BPML die Geschäftsprozesse, die wir als Services über eine SOAP-API und WSDL integrieren und in der n-Tier-Architektur über EJB-Container an das SAP anbinden. Bingo!"

Consulting-Nerds haben in Meetings viel Zeit mit dem Management diverser Unternehmen verbracht. Daher rührt auch das Faible für Buzzwords und die Eigenart, kompletten Mist mit "historisch gewachsen" nett zu umschreiben. Der Consulting-Nerd ist der einzige unter den Nerds, der die Früchte seiner Arbeit nicht als persönliches "Baby" hegen und pflegen möchte, sondern nach der Konzeptionsphase zum nächsten Projekt springt. In der abschließenden Powerpoint-Präsentation werden dabei die hässlichen Details der Umsetzung in einer einzigen Zahl aggregiert: den geschätzten Manntagen bis zur Fertigstellung.

Die ganz besondere Fähigkeit des Consulting-Nerds ist neben dem technischen Können die Begabung, mit der gefürchteten "Fachabteilung" umzugehen. Dafür wird er verdientermaßen königlich entlohnt und pfeift abends fröhlich "heute hier, morgen dort" auf dem Weg zum Aufzug.

Gaming-Nerd - Obsessives Spielen von Spielen

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"Das Leben hat zwar eine beschissene Storyline, aber geile Grafik!"

Wir unterscheiden zwischen zwei Sorten von Gaming-Nerds: Solchen, die über das obsessive Spielen von Spielen angefangen haben, in ihrer eigenen Realität zu leben. Und solchen, die über obsessives Entwickeln von Spielen angefangen haben, in ihrer eigenen Realität zu leben. Und in dieser Realität zählt nur eine Währung: Skills, also die Fähigkeiten, die man nur durch obsessives Spielespielen entwickelt. Die Grundvoraussetzungen dafür, mentale Geschwindigkeit und sehr, sehr viel Training, wären eigentlich ideal, um eine klassische Karriere außerhalb der Spielewelt zu starten. Nur verursachen Spiele einen derartigen Adrenalinausstoß, dass manche einfach dabei bleiben.

Klamottenmäßig erkennbar sind Gaming-Nerds an T-Shirts mit Videospiel-Charakteren und Retro-Superhelden wie Mario, Sonic oder Crash Bandicoot. Alternativ gehen auch Shirts mit Aufdrucken von Sponsoren oder der letzten Gaming Convention. Zum Glück gibt es mittlerweile einige Gaming-Nerds, die damit ihr Leben finanzieren können. Das dient ihnen auch immer als Ausrede bei Muttern. Gaming-Nerds wird zudem nachgesagt, sie hätten ADS. Das kann gar nicht sein. Wie sonst könnten sie drei bis vier Stunden am Stück hochkonzentriert an einem Bildschirm… oh da hinten, ein Eichhörnchen!

IT-Girl - Wechselnde Haarfarben und knallhart rationaler Modus

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"Über Einhörner werden keine Witze gemacht! Sonst programmier ich euch an die Wand, da habt ihr keinen Spaß mehr."

Die IT-Girls - auch liebevoll "Haecksen" (weiblicher Hacker) genannt - haben ihre ganz eigene Kategorie verdient. Geplagt von den ungelenken Anbandelungsversuchen ihrer männlichen Kollegen haben sie es geschafft, sich durchzusetzen und der Welt zu zeigen, was eine programmierte Harke ist. Ein wiederkehrendes Muster bei IT-Girls ist eine Vorliebe für Einhörner und häufig wechselnde Haarfarben.

Natürlich sind ihre sozialen Fähigkeiten besser ausgebildet als die männlicher Nerds. Daneben verfügen die IT-Girls über einen knallhart rationalen Modus. Ist der angeknipst, hat sich schon so manch erfahrener Nerd erstaunt in der Situation wiedergefunden, dass ein Mädel munter schäkernd mental an ihm vorbei zieht. Für Nerds eine ernüchternde Erfahrung. Und saumäßig cool.

Ex-Nerd - Eine Kathedrale mit ständig wechselndem Grundriss

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"Manchmal würde ich schon gerne noch Code schreiben. Aber in meiner Position darf ich mich einfach nicht in solchen Details verheddern."

Der Ex-Nerd hat nach Jahren der Existenz als "Gehirn mit Anhang" endlich geheiratet, Schulden für ein Häuschen im Grünen aufgenommen und gelernt, eine Krawatte zu binden. Jetzt entwickelt er nicht mehr Software, sondern nennt sich Manager. Die Laune des Ex-Nerds ist direkt abhängig von der "Fieberkurve": der Anzahl Release-kritischer Bugs für sein Projekt, die jeden Morgen auf dem Flipchart gegenüber von seinem Schreibtisch abgetragen wird. Obwohl es ihn manchmal echt in den Fingern kitzelt, seine "mad skillz" im Umgang mit Compiler-Makros vorzuführen, hält er sich vornehm zurück. Immerhin muss er dafür Sorge tragen, dass alle Mitglieder seines Teams ständig produktiv arbeiten können.

Also muss er die Features im Pflichtenheft abstimmen, Aufwände schätzen und Einsätze planen. Immerhin ist es schwer, eine Kathedrale zu bauen, wenn sich ständig der Grundriss ändert. Zu seinem Leidwesen gibt es "immer" Änderungen, die seine Pläne zunichte machen. Hinzu kommt, dass es einfacher ist, einen Sack Flöhe zu hüten als ein Team von leicht spleenigen Nerds.

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