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Erste Hilfe Karriere Nie mehr Bewerbungen schreiben

Anschreiben, Lebenslauf, Zeugnisse - die klassische Bewerbung ist ein Auslaufmodell, glaubt Karriereberaterin Svenja Hofert. Jobsuchende werden leichter als früher im eigenen Netzwerk fündig. Und schon jetzt vermeiden es viele Unternehmen, klassische Stellenanzeigen zu schalten.
Vorstellungsgespräch: Dafür war keine klassische Bewerbung nötig

Vorstellungsgespräch: Dafür war keine klassische Bewerbung nötig

Foto: Corbis

Markus ist einer von denen, die sich noch nie beworben haben, obwohl er alle drei Jahre einen neuen Job macht. Ging es wieder mal zu Ende mit seiner Motivation, dem Unternehmen oder der Konjunktur, hängte er sich früher ans Telefon.

Inzwischen postet er seine Suche einfach unter seinen 400 Freunden bei Facebook, spickt sein Xing- und Linkedin-Profil mit dem schönen Wort "Herausforderung" und informiert fünf Schlüsselpersonen persönlich, wonach er sucht. Diese Schlüsselpersonen sind besonders gut vernetzte Ex-Kollegen, die wiederum eigene Netzwerke aktivieren. Man trifft sich zum Lunch - und wenig später beginnen die Vorstellungstermine.

"Quatsch! Blödsinn!", höre ich da fünfzig Prozent der Leser rufen: "Dieser Markus ist doch ein Manager oder einer dieser Social-Media-Freaks." Stimmt nicht. Markus ist Durchschnitts-Wirtschaftsingenieur mit buntem Erfahrungsportfolio. Das einzige, was er besser kann als all die, die sich die Finger wund schreiben und brav Bewerbung um Bewerbung in digitale PDF-Mappen packen, ist: Netzwerken. Online und Offline hat er viele Bekannte, vor allem solche, die ihrerseits gut vernetzt sind.

Zur Autorin

Svenja Hofert ist Karriere- und Managementcoach  und hat mehr als 35 Bücher geschrieben, unter anderem "Agiler Führen" und "Karriere mit System".

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Warum bewerben, wenn es auch ohne geht? Und zwar besser, gezielter, passgenauer? 25 Prozent aller Stellen werden aufgrund von Empfehlungen besetzt, meldete kürzlich das Institut für Arbeitsmarktforschung IAB. Und das Internet wird weiter dazu beitragen, die Bewerbungen alter Schule abzuschaffen.

Diese Entwicklung ist ganz logisch, denn...

  • Erstens: Niemand schaltet eine Anzeige, wenn er auch ohne fündig wird

Immer schon gab es weit mehr Stellen auf dem verdeckten als auf dem offenen Stellenmarkt. Gerade Vertreter von kleinen und mittleren Unternehmen schauen sich immer erst einmal im eigenen Umfeld um, bevor sie ein Inserat schalten oder den Headhunter aktivieren, schon aus Kostengründen. Nicht zu vergessen Stellen, die zwar ausgeschrieben sind, weil es in Konzernen und Behörden so vorgeschrieben ist, die aber trotzdem unter der Hand vergeben werden.

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Bewerbungen: Wo geht's denn hier zum Job?

Foto: Corbis

Gibt das direkte Umfeld auf den ersten Blick niemanden her, kommt die nächste Phase: Der Jobanbieter kontaktiert Personen mit starkem Netzwerk oder aktiviert die eigenen Mitarbeiter, die teils sogar einen Bonus für eine Empfehlung bekommen. Wird der Jobanbieter - und das ist selten der Personalverantwortliche, sondern meist die Führungskraft - so nicht fündig, recherchiert er im Internet. Gibt es einen Marketingfachmann mit Social-Media-Kenntnissen unter den eigenen Kontakten oder unter den Kontakten der Kontakte? Meist ist da jemand, vor allem wenn nur wenige Spezialkenntnisse gefragt sind. Das ist eine Chance gerade für Generalisten.

  • Zweitens: Nur Vertrautheit erzeugt das Gefühl von Vertrauen

Die Bewerbung kann noch so gut sein, mehr als ein "Oh, wie nett" oder "Oh, wie kompetent" kann sie nicht auslösen. Oft wird das mühsam ausgearbeitete Dokument nur 30 Sekunden lang angesehen - und manchmal auch gar nicht. "Sie glauben doch nicht, dass ich mir diese 300 Bewerbungen alle ansehe", entrüstete sich kürzlich eine überforderte Personalreferentin. Das ausschreibende Unternehmen ließ dann alle Bewerbungen links liegen und stellte den Freund einer Mitarbeiterin ein - null Erfahrung in dem Gebiet, aber vertrauenswürdig.

Gefährliches Vitamin B? Die Auswahlverfahren großer Unternehmen werden immer komplexer, um diese Form des Networking zu vermeiden; man will sich in alle Richtungen absichern. Sieben Stufen habe ich neulich bei einer Kundin gezählt, die sich klassisch beworben hat: erstes Telefonat Germany, zweites Europe, Fachgespräch, Test, Assessment Center, Interview, zweites Interview.

Am Ende funktionierte es doch nicht, wie die ersten sechs Monate bald zeigten. "Sie passen nicht zu unserer Kultur" nannte der Personaler als Kündigungsgrund. Erstaunlich, dass die sieben Stufen keinen Kulturabgleich enthielten. Mein Vorschlag: Ein Probearbeitstag wirkt Wunder für beide Seiten und ersetzt so manchen Test.

Gibt es die ideale Bewerbung?
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Eine Bewerbung ist immer auch ein Stresstest. Was zählt wirklich beim Berufsstart? Über perfekte Bewerbungen debattiert KarriereSPIEGEL mit Experten in Hörsälen großer Unis: am 29. November 2012 in Mannheim und am 6. Dezember in Aachen. mehr...

Ein Freund empfahl meiner Kundin dann das Unternehmen, in das er gerade gewechselt war. Da ist sie nun zufrieden, ohne Bewerbung und sieben Auswahlstufen. Für die Akten musste sie den Lebenslauf zwar nachliefern, aber das war nur noch pro forma zur Dokumentationspflicht.

  • Drittens: Netzwerke begleiten uns

Du bist, wen du kennst - und heute sieht das auch jeder in offenen Followerlisten bei Twitter, bei Facebook und Xing. Ich hätte Anfang der neunziger Jahre nie gedacht, meine ehemaligen Kollegen jemals wieder zu sehen. Jetzt verfolgen sie mich überall. Würde ich einen Job suchen, ich wüsste, wen ich anspräche. Und ich bin Mitglied der Generation X, also mit einem spät rekonstruiertem Netzwerk.

Die jüngeren, die von Kindheit an digitalisierten Vertreter der Generation Y, nehmen ihre Netzwerke mit. Aus Studienkollegen werden Personalentscheider, Gründer, einflussreiche Personen. Wie sich Bekannte entwickeln, kann man heute im Internet direkt nachverfolgen, ein loser Dialog bleibt auch länderübergreifend möglich.

Und immer öfter wird es reichen, wie Markus im Netzwerk eine Meldung abzusetzen, um dafür zu sorgen, dass die Angebote ohne Bewerbung ins Haus flattern. Mit dem demografischen Wandel wird die Wachsamkeit für Bewerber auf Jobsuche noch weiter zunehmen.

Auch die Methode des "systematischen Kaffeetrinkens" wird über gute Netzwerke viel leichter. Das ist die Königsdisziplin für Menschen, die sich neu orientieren möchten. Nehmen wir an, unser Wirtschaftsingenieur Markus hätte die Nase voll und wollte in den Bio-Landbau. Nun findet er unter seinen Freunden Personen, die andere Personen kennen, die auf Höfen arbeiten. Er verabredet sich zum Kaffee, über die Lunchfunktion bei Xing oder so ein altes Medium wie das Telefon oder persönliche Treffen. So entstehen neue Netzwerke. Auch dazu braucht man keine Bewerbung.

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