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Auswanderer in Neuseeland: "Schöner als die Schweiz und Hawaii zusammen"

Foto: Andreas Welte

Deutscher Auswanderer in Neuseeland Neuseeland-Andy im Bio-Paradies

Er arbeitete in einem deutschen Ministerium und wollte raus: Andreas Welte kündigte, zog nach Neuseeland und gründete eine Farm. Hier erzählt der deutsche Auswanderer, was einen am anderen Ende der Welt erwartet.

"Die meisten Leute nennen mich hier Andy. Andreas können die wenigsten aussprechen. Auch mein Nachname ist für viele eine Herausforderung. Statt Welte sagen sie 'weal' oder 'velt", aber das heißt übersetzt 'Schwiele'. So will ich nicht genannt werden. Also einfach nur Andy.

Ich bin über ein Uni-Austauschprogramm nach Neuseeland gekommen, das mich während meines Landwirtschaftsstudiums hierher brachte. Das war vor fast 40 Jahren. Das Land hat mich von Anfang an begeistert: die hilfsbereiten, toleranten und offenen Menschen, das Meer, die Natur, das Klima.

In Neuseeland geht das Leben etwas ruhiger zu als in Deutschland. Die Menschen machen sich nicht so viel Stress, vor allem sind sie sehr vertrauenswürdig. Als ich einmal per Anhalter unterwegs war, fragte mich der Fahrer, ob ich drei Tage auf sein Haus aufpassen könnte. Dabei hatten wir uns gerade erst eine Stunde unterhalten. Doch er meinte das ernst, als wir bei seinem Haus waren, drückte er mir die Schlüssel in die Hand.

Nach meinem Auslandssemester kehrte ich erst einmal nach Stuttgart zurück, machte meinen Abschluss und arbeitete als Berater für Biobauern im Landwirtschaftsministerium in Schleswig-Holstein. Während dieser Zeit ließ mich der Wunsch, nach Neuseeland auszuwandern, allerdings nicht mehr los. Ich hatte schon viele Länder bereist und dort gearbeitet, Spanien, Hawaii in den USA und die Schweiz, aber nirgendwo war es so schön wie in Neuseeland. Also habe ich nach drei Jahren gekündigt und bin 1986 mit zwei Koffern nach Auckland geflogen - ohne Rückflugticket.

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Auswanderer in Neuseeland: "Schöner als die Schweiz und Hawaii zusammen"

Foto: Andreas Welte

Es war aber nicht so leicht, eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Dafür musste ich erst jemanden finden, der mich ohne Arbeitserlaubnis einstellt. Glücklicherweise tat das der Chef einer Firma für Biojoghurt. Dort arbeitete ich ein Jahr lang und weil ich mich bewährte, empfahl mich mein Chef bei der Behörde.

Nach einigen Gesprächen mit den Behördenmitarbeitern, in denen sie mein Englisch testeten und mich fragten, ob ich mein Leben wirklich in Neuseeland verbringen will, erhielt ich schließlich eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Ein kleiner Stempel im Pass, der mich überglücklich machte. Ich blieb noch drei weitere Monate auf der Farm, zog dann aber weiter, weil ich noch einen anderen Traum hatte: Ich wollte mein eigenes Stück Land kaufen, um darauf eine Farm zu errichten.

Menschen, die heute nach Neuseeland auswandern wollen, sollten sich das Land erst einmal einige Monate lang anschauen. Können sie sich dann immer noch vorstellen, hierher zu ziehen, sollten sie sich gut vorbereiten: Sie müssen die Behördenmitarbeiter davon überzeugen, dass sie hier gebraucht werden, sie die Besten in ihrem Beruf sind und auf eigenen Beinen stehen können. Niemand will jemanden aufnehmen, der in zwei Jahren auf Sozialhilfe angewiesen ist.

Ein Bekannter von mir hat es als Zimmermann geschafft, der hatte schon mehrere Preise gewonnen und ist richtig gut. Auf jeden Fall sollten Auswanderer offen sein: Wenn sie mit ihrem Beruf keine Chance haben, müssen sie umdenken und schauen, ob sie eine Nische finden. Sie sollten auch ein bisschen Demut zeigen und nicht so arrogant daher kommen.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten

Foto: Daniel Garofoli

Als ich damals einen Ort für meine Farm suchte, erfuhr ich über einen Bekannten von einem Mann, der ein 120 Hektar großes Grundstück auf der Südinsel verkaufen wollte. Das habe ich für einen guten Preis erworben und meinen eigenen biologischen Biobetrieb aufgebaut, wo ich Boden, Pflanzen und Tiere ausschließlich homöopathisch behandelte - mit 60 Kühen, Obstbäumen und Gemüse. Dann begann ich selbst geerntete Äpfel, Aprikosen, Birnen, Feigen, Kirschen, Trauben sowie Gemüse und Fleisch zu verkaufen.

Ich habe hier schnell Anschluss gefunden. Das liegt vielleicht an meiner Frau, die ich vor mehr als 30 Jahren in einem Café kennengelernt habe und an meinen zwei Töchtern. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, mit ihnen Deutsch zu reden, aber das habe ich leider nicht durchgehalten, deswegen sprechen sie die Sprache nicht. Aber sie haben zumindest den deutschen und den neuseeländischen Pass. Das war mir wichtig, damit sie sich mal aussuchen können, ob sie hier oder in Europa leben möchten.

Obwohl ich mittlerweile schon mehr als 30 Jahre hier lebe, fühle ich mich immer noch als Deutscher und würde auch niemals meine Staatsbürgerschaft abgeben, da ich in Deutschland sozialisiert und erzogen worden bin. Ich kenne andere Deutsche hier, von denen einige gar nichts mehr mit ihrer Heimat zu tun haben wollen und so tun, als seien sie Neuseeländer. Das finde ich albern.

Das letzte Mal in den Neunzigerjahren gewählt

Einmal pro Jahr oder alle zwei Jahre fliege ich nach Deutschland, meist aus geschäftlichen Gründen, aber ich versuche dann immer noch, alte Freunde und meinen Bruder zu besuchen. Wir bekommen auch regelmäßig Besuch, selbst meine Mutter ist noch bis zu ihrem Tod vor ein paar Jahren nach Neuseeland geflogen.

Deutsche Parteien habe ich allerdings das letzte Mal in den Neunzigerjahren gewählt. Obwohl ich regelmäßig deutsche Medien verfolge, ist mir die Politik dort inzwischen viel zu weit weg.

Ich vermisse an Deutschland vor allem Weihnachtsgebäck, Stollen und Früchtebrot. Mir fehlt auch das kulturelle Angebot, das es zwar in großen Städten wie Auckland und Wellington gibt - aber nicht in den kleinen Orten. Dafür habe ich es hier nur fünf Minuten zum Strand, und wenn das Wetter gut ist, gehe ich regelmäßig schwimmen.

An jeder Ecke ein Golfklub

Überhaupt kann ich hier viel Sport machen. Ich fahre Ski, gehe segeln, wandern und golfen. In Deutschland ist Golf eher so eine elitäre Sache, hier gibt es an jeder Ecke einen Golfklub und wenn man einen Jahresbeitrag von 130 Dollar zahlt, kann man überall spielen.

Inzwischen bin ich nur noch als Berater für Bauern im Einsatz. Vor einem Jahr haben wir die Farm verkauft, weil es mit zunehmendem Alter zu schwer wurde, sie zu betreiben. Wir wohnen jetzt in der Nähe einer kleinen Stadt, in der meine Frau als Yogalehrerin besser aufgestellt ist.

Nun reise ich durchs Land, um Bauern Tipps für den Bioanbau und die Vermarktung zu geben. Dafür fahre ich viel mit dem Auto, ich lege etwa 35.000 Kilometer im Jahr zurück. Das öffentliche Verkehrsnetz ist hier nicht so gut. In den großen Städten fahren zwar Busse, aber U-Bahnen werden erst langsam gebaut. Zugfahren kann man vergessen, die Züge sind unpünktlich, langsam, teuer und unbequem.

Ich bin jetzt 62 Jahre alt und möchte noch so lange arbeiten, wie es gesundheitlich geht. Ich bin eh nicht so der Typ, der die Jahre und Monate bis zu seinem Ruhestand zählt, dafür liebe ich meinen Beruf zu sehr und arbeite auch am Wochenende, wenn es nötig ist. Meine Rente werde ich aus Neuseeland beziehen. In Deutschland habe ich ja nur drei Jahre als Angestellter und sonst als Selbstständiger gearbeitet - ich glaube, von dort bekomme ich nichts mehr."

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NDR
Kulturschock
Foto: epa efe Lacerda/ dpa

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