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Neustart: Krankenschwester wird Bloggerin

Foto: Pink Compass

Kinderkrankenschwester steigt aus "Einmal habe ich für mich entschieden"

Für Familien krebskranker Kinder ist das Krankenhaus der Lebensmittelpunkt - und die Krankenschwester die engste Vertraute. Carina Herrmann, 33, hielt das irgendwann nicht mehr aus. Sie kündigte und verschenkte alles. Bis auf ihren Rucksack.

"Wenn ich bis vor ein paar Jahren gefragt wurde, was ich beruflich mache, habe ich meist als Reaktion diesen Hundeblick bekommen: Du bist Kinderkrankenschwester, voll cool. Ist doch bestimmt toll, den ganzen Tag mit Kindern zu spielen und mit Babys zu kuscheln, oder? Wenn ich dann weiter ausgeholt habe, wurde es schnell still: Ich habe in der Kinderonkologie gearbeitet. Und ja, dort sind auch Kinder verstorben.

Die wenigsten wollten dann noch mehr wissen. Die letzte mutige Frage war meist: Wie gehst du damit um? Und das wusste ich selbst nicht so wirklich. Es gehörte eben zu meinem Beruf, man lernt es irgendwie. Für sechs Jahre reichte mir diese Antwort sogar selbst. Doch das Abschalten nach der Arbeit fiel mir immer schwerer. Ich blieb länger, weil es einem meiner Schützlinge schlecht ging. Ich ging zur Arbeit an Tagen, an denen ich eigentlich gar keinen Dienst hatte.

In der ersten Therapiephase verbringen die kleinen Patienten und ihre Eltern drei bis sechs Monate im Krankenhaus, ohne Unterbrechung und ohne nach Hause zu kommen. Zwischen Familien und Krankenschwestern baut sich da zwangsläufig eine intensive Bindung auf. Du kennst ihre Ängste, du tröstest sie, machst ihnen Mut. Irgendwann konnte ich mich daraus nicht mehr befreien. Ich nahm die Sorgen und Ängste der Familien mit nach Hause. Wenn ich versuchte, die Distanz wieder herzustellen, fühlte ich mich schlecht. Als würde ich diesen Familien etwas verwehren, was ihnen zusteht.

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Foto: NIKOLA SOLIC/ REUTERS

Heute weiß ich, dass ich einen Burn-out hatte. Meine Notlösung auf Zeit: Eine Weltreise, ein Jahr sollte sie dauern. Aber je mehr Abstand ich bekam, räumlich und zeitlich, desto mehr merkte ich, wie viel Zeit ich zur Regeneration brauchte. Das war der Punkt, an dem ich wusste, dass sich mein Leben ändern musste.

Als ich zurückkam, wollte ich auf keinen Fall in die aktive Pflege zurück. Ich suchte mir einen Schreibtischjob. Allerdings wieder in einer Kinderklinik und auch wieder in einer onkologischen Abteilung. Schon nach wenigen Monaten fing es an, in mir zu rumoren. Egal, wie entfernt ich nun von den Kindern war, es hat mich trotzdem wieder beschäftigt.

Vor allem aber fühlte ich mich angekettet. Mit jedem Stück Papier, das ich unterschrieb, schnürte es mir ein wenig mehr die Luft ab. Mietvertrag. Arbeitsvertrag. Eine Kette am Fuß. Die nächste Kette am Fuß.

Alles verkauft und verschenkt

Zu genau diesem Zeitpunkt, im Winter 2012, flatterte eine Mail in mein Postfach. Es war ein Aufruf, sich für das 'Blog Camp' zu bewerben, einen Kurs zum Thema Bloggen als Beruf. Während meiner Weltreise hatte ich einen Reiseblog geschrieben, aber nur für Freunde und Verwandte. Mir war gar nicht klar, dass man damit Geld verdienen kann. Die Idee ließ mich nicht mehr los.

Ich hatte vorher keine Ahnung von Onlinemarketing, und mit Wörtern wie SEO oder Affiliate konnte ich gar nichts anfangen. Insgesamt habe ich ein halbes Jahr am Aufbau von 'Pink Compass'  gesessen. Dann habe ich gekündigt, alles verkauft und verschenkt. Seither reise ich alleine und nur mit meinem Rucksack durch die Welt.

Ich hatte starke Gewissensbisse, meinen alten Beruf abzulegen und musste mir schon öfter anhören, dass ich ja nur noch ziellos durch die Welt tingele. Aber dieses eine Mal habe ich mich dafür entschieden, ganz egoistisch den Weg einzuschlagen, von dem ich weiß, dass er mich glücklich macht.

Mittlerweile habe ich monatlich 17.000 Leser und verdiene mit meinem Blog etwa 2000 Euro. Ich empfehle zum Beispiel Rucksäcke oder bewerbe eine Kreditkarte. Außerdem schreibe ich für andere Unternehmen, und im März habe ich über Amazon ein Buch herausgebracht. Damit habe ich in den letzten Monaten 1500 Euro verdient.

Wir Frauen reden uns selbst klein

Kann ich mein Leben schon komplett mit meinem Blog finanzieren? Nein, noch lebe ich auch von den Aufträgen, die darüber entstehen. Anfangs habe ich mich oft unter Wert verkauft, das wird aber zunehmend besser.

Als Krankenschwester möchte ich nicht mehr arbeiten, weder in meiner Heimat noch in einem anderen Land, so sehr ich meinen Beruf auf eine gewisse Art auch vermisse. Wenn man einmal an diesem Punkt im Leben war, an dem die nötige Distanz zum Job verloren gegangen ist und man sie nicht wiederfinden kann, dann ist es sinnvoll, sich komplett von diesem Leben zu verabschieden und sich ein neues aufzubauen.

Viele Menschen stecken in ähnlichen Situationen wie ich früher: Sie sind unzufrieden oder sogar unglücklich in ihrem Job, möchten unabhängiger und selbstbestimmter leben und arbeiten. Gerade Frauen stehen sich oft selbst im Weg. Wir trauen uns vieles nicht zu und reden uns selbst klein. Das möchte ich ändern. Deshalb habe ich nun einen zweiten Blog genau zu diesem Thema eröffnet: 'Um 180 Grad'. Und die Nachfrage, das Feedback und die Bestätigung von Leserinnen zeigen mir, dass ich da einen Nerv getroffen habe."